Meinung

Man muss ESG nicht lieben, aber ignorieren ist keine Option

Es herrscht ein grosses Gedränge in der ESG-Branche. Sie steht jedoch vor einer Bereinigung, die diejenigen Unternehmen und Fonds belohnen wird, die sich in gutem Glauben für ESG engagieren, statt mit Schlagworten um Marktanteile buhlen.

David Rosenberg
Drucken
Teilen

Anlagen mit Blick auf Umwelt, Gesellschaft und Governance – Environmental, Social and Governance, kurz: ESG – haben die globale Investmentlandschaft tiefgreifend verändert. Es ist ein bleibendes Anlagethema, das viele Risiken birgt, die es zu vermeiden gilt, aber auch Chancen bietet.

Die ESG-Landschaft mag überlaufen sein, doch es tummeln sich auch viele «Green Washers» im Feld, die in den nächsten ein bis zwei Jahren wohl aus dem Markt gedrängt werden. Anleger, die mit einer Strategie, die echte ESG-Prinzipien einbezieht, gut positioniert sind, dürften hingegen starke Renditen erzielen.

Bei all dem Trubel – worauf sollen sich Anleger konzentrieren?

Bei ESG geht es nicht nur um den Klimawandel, obwohl es ein Bereich ist, der oft die grösste Aufmerksamkeit auf sich zieht. Umweltbelange können auch die Förderung der Artenvielfalt, die Vermeidung von Abholzung sowie Abfall- und Wassermanagement umfassen – um nur einige zu nennen.

Doch es gibt noch das «S» und das «G». Sie sind in letzter Zeit zunehmend in den Fokus geraten: Datenschutz, Gleichberechtigung von Geschlechtern und Ethnien sowie Diversity, der Bezug zum gesellschaftlichen Umfeld, Menschenrechte, Managementvergütungen und Korruption sind Beispiele aus diesen Kategorien.

Mit der wachsenden Zahl von ESG-Faktoren prägt die Investmentlandschaft zudem ein breites Spektrum von Anlageansätzen: Ausschlussstrategien schränken die Branchen ein, in die investiert wird (Alkohol, Tabak, Waffen, Glücksspiel sind in der Regel ausgeschlossen). ESG-Integrationsstrategien zielen auf Unternehmen mit positiven ESG-Initiativen. Dieser Ansatz setzt darauf, dass die ESG-Praktiken eines Unternehmens zur langfristigen finanziellen Performance beitragen, unabhängig von der Branche.

Es gibt viele Anleger, die Aktien und Strategien auswählen wollen, die mit ihren persönlichen Werten übereinstimmen. Hier bieten ausschliessende Screens eine Antwort, und es ist klar, dass immer eine Nachfrage nach diesem Ansatz bestehen wird. Eine im letzten Jahr durchgeführte IBD/TIPP-Umfrage ergab jedoch, dass die Befragten bei einer Abwägung zwischen einer bestimmten ESG-Eigenschaft (sichere Arbeitsumgebung, faire Löhne für die Mitarbeiter usw.) und der Kapitalrendite (Return on Investment, ROI) die Kapitalrendite im Verhältnis 2:1 bevorzugten.

Die Mehrheit der Investoren ist also nicht bereit, ESG-Eigenschaften zu favorisieren, wenn das bedeutet, Rendite zu opfern. Aus diesem Grund glauben wir, dass das am schnellsten wachsende Segment auch in Zukunft Strategien sind, die ESG als zusätzliche Überlegung im Investmentprozess betrachten, im Gegensatz zu einem restriktiven Screening-basierten Investmentprozess.

Das Prinzip: gutes Geschäftsverhalten

Letztlich geht es beim nachhaltigen Investieren darum, das Anlagekapital zur Verbesserung der globalen Gemeinschaft einzusetzen. Das ist nicht neu, aber geprägt von vielen Trends, die kamen und gingen. Doch die zugrunde liegenden Prinzipien sind dieselben geblieben: Unternehmen, die ein gutes Geschäftsverhalten an den Tag legen und sich um alle Stakeholder der globalen Gemeinschaft kümmern, sollten die Unterstützung von Investoren erhalten.

ESG ist der Versuch, die Werte von Investoren zum Wohle der Gesellschaft in die Anlageentscheidungen einzubeziehen. Dafür gibt es einen sehr pragmatischen Rahmen, den die Principles for Responsible Investment (PRI) der Vereinten Nationen bereitstellen: Die sechs Prinzipien helfen Vermögensbesitzern und -verwaltern, einen ESG-Ansatz zu entwickeln, der mit internationalen Standards übereinstimmt, aber breit genug ist, um nicht in ein unrealistisches Mandat gepresst zu werden.

Die PRI umreissen unserer Meinung nach die massgeblichen Prinzipien, welche ESG-Themen in ein Portfolio aufgenommen werden sollen:

  • Prinzip 1: Einbeziehung von ESG-Themen in die Investitionsanalyse und Entscheidungsprozesse.
  • Prinzip 2: Aktive Eigentümer sein und ESG-Themen in die Anlagepolitik und -praxis einbeziehen.
  • Prinzip 3: Angemessene Offenlegung von ESG-Themen bei Unternehmen, in die investiert werden soll.
  • Prinzip 4: Förderung der Akzeptanz und Umsetzung der Prinzipien innerhalb der Investmentbranche.
  • Prinzip 5: Zusammenarbeit bei der Implementierung der Prinzipien zur Verbesserung der Wirksamkeit.
  • Prinzip 6: Reporting über die Aktivitäten und Fortschritte in der Umsetzung der Prinzipien.

Seit ihrer Gründung im Jahr 2006 hat die UNPRI 3000 Unterzeichner angezogen, die 2020 ein Vermögen von insgesamt knapp über 100 Bio. $ verwalteten. Das schnelle Wachstum und der hohe Verwaltungsbetrag machen ihre Prinzipien zum führenden Rahmenwerk.

Einige Kritiker vermuten zwar, dass die Unterzeichnung als Instrument zum «Greenwashing» von Portfolios genutzt werden kann. Der Einwand ist nicht unbegründet, aber besonders die Prinzipien 3 und 6 verlangen eine Offenlegung und Berichterstattung, was dazu beiträgt, das Risiko einer mangelnden Umsetzung zu mindern.

Da ESG jedoch immer mehr zum Mainstream wird, werden die internationalen Standards künftig immer strenger werden, wodurch Marktteilnehmer mit oberflächlichen ESG-Strategien aus dem Markt gedrängt werden.

Tatsächlich hat die EU in diesem Bereich Fortschritte erzielt, indem sie 2018 den European Commission’s Sustainable Finance Action Plan verabschiedet hat und schrittweise technische Screening-Kriterien für den Umweltaspekt von ESG aufbaut. Es bringt den Wirtschaftsraum mit den Zielen des Pariser Abkommens und den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) in Einklang. Diese 17 SDGs sind sehr breit angelegt, bieten aber eine standardisierte Übersicht über die globalen Prioritäten der internationalen Entwicklung – etwas, das für die Orientierung von Investoren hilfreich sein kann.

Und im Gegensatz zu früheren Abkommen, die sich hauptsächlich auf die Schwellenländer konzentrierten, sind diese Ziele wirklich global – Themen, die den ganzen Planeten betreffen, wie Wasser, Energie, Klima, Bildung und Gleichstellung der Geschlechter. Sowohl der öffentliche als auch der private Sektor müssen in der Verwirklichung dieser Ziele eine Rolle spielen, und ESG ist ein Teil dieser Gleichung.

Alpha generieren

Eine wichtige Frage, die sich dabei stellt, ist, ob ESG-Investitionen positive Renditen generieren können. In unserer früheren Analyse des MSCI KLD 400 Social Index haben wir zum Beispiel festgestellt, dass die Renditen dieses Index im Vergleich zum übergeordneten MSCI USA Investable Market Index über einen 3-Jahres-, 5-Jahres- und 10-Jahres-Horizont nahezu identisch waren.

Das deutet darauf hin, dass eine Schwerpunktsetzung auf ESG möglicherweise kein positives Alpha generiert, aber die Performance auch nicht beeinträchtigt.

Es ist jedoch kein Vergleich von Äpfeln mit Äpfeln. Die Branche mit der höchsten Gewichtung im KLD 400 Social Index ist der Technologiesektor mit 32%, und die Top-10-Konstituenten machen satte 30,5% des Indexgewichts aus. Zum Vergleich: Der übergeordnete Index hat ein maximales Sektorengagement von 26% (wiederum Technologie) und die Top 10 machen 22,5% des Index aus. Verallgemeinernd lässt sich damit sagen, dass das Konzentrationsrisiko bei ESG-Indizes eindeutig höher ist, auch wenn sich die Renditen nicht wesentlich unterscheiden.

Da der ESG-Trend weiter an Dynamik gewinnt, haben Investoren eine Möglichkeit gefunden, Rendite zu generieren, die auf der steigenden Bewertung von Unternehmen basiert, die ausgeprägte ESG-Merkmale aufweisen. Unternehmen arbeiten immer härter daran, ESG-Ziele und -Vorgaben zu erreichen, in der Absicht, Kapital anzuziehen – und es funktioniert.

In dem Masse, in dem die Unternehmen ihre Geschäftspraktiken ändern, werden ihre Aktien (und andere Wertpapiere) zu immer höheren Bewertungen gehandelt. Wir sind der Meinung, dass mit der weiter wachsenden Begeisterung für ESG das Potenzial für eine Bewertungsexpansion auch in Zukunft bestehen wird.

Auf der anderen Seite hat die Vernachlässigung des sozialen Aspekts von ESG wesentliche Auswirkungen. Dies insbesondere in der Bergbauindustrie, die seit Jahren an den Minenstandorten damit kämpft, die Unterstützung der lokalen Bevölkerung zu gewinnen. Soziale Spannungen können zu Streiks und Protesten führen, die den Betrieb aufhalten und sich negativ auf das Unternehmensergebnis auswirken.

Eine frühzeitige Auseinandersetzung mit diesen externen Effekten kann helfen, monatelang verzögerte oder unterbrochene Aktivitäten zu vermeiden und sicherzustellen, dass der Betrieb reibungsloser abläuft – was die Rentabilität des Unternehmens steigert. Es geht also nicht nur um Risikominderung, sondern auch um Möglichkeiten für Unternehmen, von einer proaktiven ESG-Strategie zu profitieren.

Grosses Gedränge

Eines der Probleme, mit denen sich die Branche derzeit konfrontiert sieht, ist, dass der Markt sehr überlaufen ist. In der Tat könnte man ESG als das Schlagwort des Jahrzehnts bezeichnen, geflutet von einfachen Fonds, die sich in «ESG» umbenennen, auch wenn viele von ihnen keine Erfahrung im nachhaltigen Investieren haben.

Vor ein paar Jahren war ESG bloss ein Nischen-Investmentkonzept, das gelegentlich Pensionsfonds erreichte, aber eigentlich nur bei anspruchsvollen europäischen Family Offices Anklang fand. Jetzt hat das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen und es ist schwer, einen Fonds zu finden, der nicht irgendeinen ESG-Ansatz verfolgt.

Während viele dieser Vermögensverwalter verschiedene Formen des nachhaltigen Investierens angenommen haben, gibt es eine wachsende Liste von «Green Washers». Das erinnert an die Dotcom-Blase im Jahr 2000, in der viele Unternehmen ihren Namen Wörter wie «Tech» und «.com» hinzufügten, um von der Anlegereuphorie zu profitieren - jetzt sind Begriffe wie «clean» und «grün» in Mode, die auf konkrete Massnahmen in Richtung Nachhaltigkeit hinweisen können – oder auch nicht.

Wir glauben, dass die Lage in den kommenden Jahren klarer werden wird, wenn die Branche in die Bereinigungsphase eintritt. Derzeit besteht eine Vorliebe für ESG-Unternehmen, die sich in der Startphase befinden und denen ein immenses Wachstumspotenzial zugeschrieben wird. Das bedeutet, dass jeder Rückschlag am Aktienmarkt die Pleite vieler aktueller ESG-Unternehmen auslösen könnte, was für die Anleger sehr volatile Bedingungen schaffen würde.

Im Umbruch der Branche werden sich die Manager von der Masse abheben, die einen echten und einzigartigen ESG-Ansatz verfolgen. Die Kunden werden zudem immer sensibler und verlangen konkrete Massnahmen anstelle von ausgefeilten Marketingplänen.

Ist ESG hier, um zu bleiben?

Ja – ESG-Anlagen sind Investitionen auf die lange Sicht. Jüngere Generationen haben das Thema verinnerlicht. Dieselbe IBD/TIPP-Umfrage, die oben erwähnt wurde, ergab, dass jüngere Investoren ESG-Kriterien eine viel höhere Bedeutung beimessen als ältere – 93% der Befragten in der Altersgruppe der 25- bis 44-Jährigen hielten es für «wichtig» gegenüber 55% in der Altersgruppe 45+.

Da sich diese Personen dem höchsten Einkommenspotenzial nähern (in der Regel im Alter von 45 bis 65 Jahren) und somit mehr verfügbares Einkommen haben, das sie investieren können, müssen die Vermögensverwalter zunehmend ESG-Strategien anbieten. Andernfalls müssen sie ein nachlassendes Anlagevolumen befürchten.

Die Ereignisse im Öl- und Gassektor im Mai zeigen deutlich, dass ESG nicht nur ein Hype ist, sondern das Verhalten von Unternehmen auch in Zukunft prägen wird. Erstens, der Präzedenzfall gegen Royal Dutch Shell: Während das Unternehmen geplant hatte, die Kohlenstoffemissionen bis 2030 um 20% und bis 2050 um 100% zu reduzieren, beschleunigt ein kürzliches Urteil des niederländischen Gerichts das Ziel auf eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 45% bis 2030 (verglichen mit dem Niveau von 2019 ist das ein Minus um 70 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente).

Am selben Tag wurde Exxon Mobil durch eine Aktionärsabstimmung gezwungen, zwei Verwaltungsratsmitglieder zu akzeptieren, die von Engine No. 1 ausgewählt wurden, einem aktivistischen Hedge Fund, der versucht, «die Stimme der Aktionäre in den aktuellen Vorstand zu bringen», da das Unternehmen es in den letzten zehn Jahren «versäumt hat, sich in einer sich schnell verändernden Welt weiterzuentwickeln». Dies sind bahnbrechende Ereignisse und ihre Ausstrahlung auf den Energiesektor darf nicht unterschätzt werden.

Das alte Paradigma des Shareholder-Kapitalismus wird durch den Übergang zum «Stakeholder-Kapitalismus» infrage gestellt. Dabei müssen die Unternehmen ein breiteres Spektrum von Faktoren berücksichtigen, die die globale Gemeinschaft betreffen, statt nur die Aktionäre einzubeziehen. Das beschränkt sich nicht auf die Energiebranche, aber die Beispiele zeigen eindrücklich, wie viel Schwung die Bewegung hat, selbst innerhalb etablierter und sehr grosser Konzerne.

ESG zu ignorieren, wäre ein Fehler. Wir sehen darin einen anhaltenden Trend, der den Anlegern Rendite bringt. Wir glauben auch, dass ESG ein Bereich ist, der weiter wachsen wird angesichts der Besorgnis der Konsumenten über den Klimawandel, die soziale Gerechtigkeit und das Verhalten von Unternehmen – auch wenn das Thema im Moment sehr gesättigt ist.

Über die Zeit erwarten wir eine Bereinigung, die diejenigen Unternehmen und Fonds belohnen wird, die sich in gutem Glauben für ESG engagieren, statt mit Schlagworten Marktanteile gewinnen wollen. Dies bedeutet wiederum, dass selektiv investiert muss. Letztlich kann eine ESG-Anlagestrategie jedoch positive Renditen generieren und im Einklang mit dem langfristigen Trend zu einer grösseren Verantwortung gegenüber allen Stakeholdern stehen – nicht nur den Aktionären.

Die englische Fassung dieses Artikels stammt von Rosenberg Research. Interessierte Leserinnen und Leser können sich hier über ein kostenloses, dreissigtägiges Probeabonnement der strategischen Anlageberatungsfirma von David Rosenberg informieren.

David Rosenberg

Wenn es um die amerikanische Wirtschaft geht, haben wenige Ökonomen so viel Erfahrung wie David Rosenberg. Der Kanadier publiziert seit rund zwanzig Jahren den Research-Report «Breakfast with Dave», der für viele Investoren in den USA zur täglichen Pflichtlektüre zählt und auch international eine breite Leserschaft hat. Für Aufsehen sorgte er mitunter in den Jahren 2011/12, als er im Nachgang der Finanzkrise korrekt vorhersagte, dass die Zehnjahreszinsen in den USA auf 2% fallen werden. Seine Karriere in der Finanzbranche startete Rosenberg an der Bay Street in Toronto, wo er nach verschiedenen Stationen im Jahr 2000 zur kanadischen Geschäftseinheit von Merrill Lynch stiess. Wenige Jahre später wurde er als Chefökonom zum Hauptsitz des US-Brokers in New York beordert. Ab 2009 war er dann als Chefvolkswirt und Marktstratege für den kanadischen Vermögensverwalter Gluskin Sheff tätig. Anfang 2020 hat er mit Rosenberg Research seinen eigenen Beratungsdienst für Investoren mit Sitz in Toronto lanciert.
Wenn es um die amerikanische Wirtschaft geht, haben wenige Ökonomen so viel Erfahrung wie David Rosenberg. Der Kanadier publiziert seit rund zwanzig Jahren den Research-Report «Breakfast with Dave», der für viele Investoren in den USA zur täglichen Pflichtlektüre zählt und auch international eine breite Leserschaft hat. Für Aufsehen sorgte er mitunter in den Jahren 2011/12, als er im Nachgang der Finanzkrise korrekt vorhersagte, dass die Zehnjahreszinsen in den USA auf 2% fallen werden. Seine Karriere in der Finanzbranche startete Rosenberg an der Bay Street in Toronto, wo er nach verschiedenen Stationen im Jahr 2000 zur kanadischen Geschäftseinheit von Merrill Lynch stiess. Wenige Jahre später wurde er als Chefökonom zum Hauptsitz des US-Brokers in New York beordert. Ab 2009 war er dann als Chefvolkswirt und Marktstratege für den kanadischen Vermögensverwalter Gluskin Sheff tätig. Anfang 2020 hat er mit Rosenberg Research seinen eigenen Beratungsdienst für Investoren mit Sitz in Toronto lanciert.