Meinung

Memecraft 2.0: gefährliches Spiel der Millennial-Trader

Das Spekulationsfieber an den Börsen steigt immer höher. Vor allem junge Marktteilnehmer gehen mit Wetten auf Meme-Aktien wie Tesla, GameStop und AMC grosse Risiken ein. Wie soll man sich in diesem Umfeld voller Exzesse am besten verhalten? Ein Leitfaden für umsichtige Investments.

Kevin Duffy
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«I welcome the increase in retail trading, the idea of the stock market being a place with wide participation. Economists can’t tell people they shouldn’t get some fun.»
~ Hendrik Bessembinder, US-Wirtschaftsprofessor

«If you’re in investing for excitement, you’re a damn fool.»
~ Jack Bogle, Pionier des Index-Investierens

Es liegt in unserem Wesen als Menschen, dass wir miteinander um knappe Ressourcen und um attraktive Partner konkurrieren. Spiele haben deshalb eine natürliche Anziehungskraft auf uns. Schon in jungen Jahren konzentrieren wir unsere individuellen Fähigkeiten auf Bereiche, in denen wir besonders talentiert sind und die uns zugleich auch am meisten Erfolg versprechen.

Manche von uns zeichnen sich durch sportliche Leistung aus. Andere haben mehr Spass an kreativen oder intellektuellen Tätigkeiten. Ebenso kommt es vor, dass manche von uns ein spezielles Talent für Humor und soziale Interaktionen besitzen; eine Art Vorspiel für die spätere Suche nach einer Lebenspartnerin oder einem Lebenspartner.

Dieser Prozess, bei dem wir unsere individuellen Begabungen entdecken und weiterentwickeln, bereitet uns auf das Leben als Erwachsene und auf den Eintritt in die Arbeitswelt vor. Anders gesagt: eine berufliche Tätigkeit zu erlernen und zu versuchen, ein Vermögen aufzubauen.

Das Investment Game

Wer es sich zum Ziel setzt, sich über die Zeit hinweg Ersparnisse zu bilden, diese auszubauen und zu schützen, hat keine andere Wahl, als beim Investment Game mitzuspielen. An der Seitenlinie zu sitzen und sich darüber zu beklagen, das Spiel sei «manipuliert», ist keine Alternative. Selbstredend kann man für die «Schwerarbeit» einen Investmentprofi beauftragen. Aber auch dann muss man wissen, wie man sich am besten professionelle Unterstützung beschafft.

Das Investment Game hat zwei Ziele: Erstens, zu überleben. Meb Faber, Gründer von Cambria Investment Management, formuliert es so: «Es ist enorm wichtig, das Portfolio zu schützen, indem man auf eine breite Ausrichtung achtet, die jedes Marktumfeld übersteht. Letztlich ist alles, was zählt, dass man nicht alle Chips verliert. Sonst ist das Spiel endgültig aus.»

Das zweite Ziel besteht darin, Chancen auf Gewinne zu identifizieren und zu nutzen. Die Herausforderung liegt darin, die richtige Balance zwischen zwei Extremen zu finden: sich unter einem Felsen zu verstecken oder den sicheren Tod zu riskieren. Ein lateinisches Sprichwort dazu lautet: «Numquam periculum sine periculo vincitur - Eine Gefahr lässt sich nie ohne Risiko bezwingen.»

Erfolgreich nach Gewinn zu streben, erfordert besondere Fähigkeiten. Der grosse Ökonom Ludwig von Mises, ein Repräsentant der österreichischen Schule, beschreibt diesen Sachverhalt in seinem 1949 auf Englisch verfassten Magnum Opus «Human Action» folgendermassen:

«Entrepreneurial judgment cannot be bought on the market. The entrepreneurial idea that carries on and brings profit is precisely that idea which did not occur to the majority. It is not correct foresight as such that yields profits, but foresight better than that of the rest. The prize goes only to the dissenters, who do not let themselves be misled by the errors accepted by the multitude. What makes profits emerge is the provision for future needs for which others have neglected to make adequate provision.»

Dieses Zitat beinhaltet eine Fülle von hilfreichen Informationen. Der Schlüsselsatz für unternehmerischen Erfolg aber lautet: «It is not correct foresight as such that yields profits, but foresight better than that of the rest - Es ist nicht die korrekte Voraussicht als solche, die Gewinne abwirft, sondern eine Voraussicht, die besser ist als die der anderen.»

Für uns als Investoren heisst das, wir müssen die Zukunft nicht korrekt vorhersagen, sondern einfach bessere Arbeit leisten als die anderen Spieler im Investment Game. Es ist wie mit dem Witz, wenn man von einem Bären gejagt wird: «Um mich zu retten, muss ich nicht schneller rennen, als der Bär, sondern nur schneller als der langsamste in meiner Gruppe.»

Charlie Munger, Warren Buffetts engster Freund und langjähriger Geschäftspartner, sagt es so: «You don't have to be brilliant, only a little bit wiser than the other guys, on average, for a long, long, time - Man muss nicht brillant sein, sondern nur ein bisschen klüger als die anderen, und das im Durchschnitt, über eine lange, lange Zeit.»

Investieren ist ein lukratives Spiel, das hochqualifizierte Spieler anlockt. Damit fragt sich, welche Chance man als durchschnittlicher Marktteilnehmer gegen die Titanen der Finanzbranche hat, die mit einem Heer von Analysten Terabytes an Daten durchforsten.

Zunächst einmal ist es entscheidend, nicht in einer Disziplin zu partizipieren, in der wir eindeutig im Nachteil sind: einem Spiel auf kurze Sicht. Wenn man nicht über das ausserordentlich rare Talent zum Daytrading an der Börse verfügt, verhält es sich damit ähnlich wie mit einem Glücksspiel: Auf lange Sicht gewinnt immer das Haus (also Market Maker wie Citadel und Broker wie Robinhood).

Wesentlich besser stehen unsere Aussichten auf Erfolg, wenn wir Investments auf einen langen Zeithorizont ausrichten. Die Zukunft ist immer ungewiss, aber zumindest auf lange Sicht eröffnet sich uns eine faire Chance im Spiel, denn über eine Kristallkugel verfügt niemand. Mit anderen Worten: Die Kunst besteht darin, Wettbewerbsvorteile zu finden.

Wie man sich Wettbewerbsvorteile verschafft

«To outperform over time, managers must find edges that enable them to earn excess returns. We believe that we have real edges as a firm, such as our truly long-term focus and flexible investment mandate (including holding significant cash balances). In today's frenetic marketplace, these edges seem more enduring than ever. Most of our competitors feel intense pressure from their clients to generate short-term performance and have trouble maintaining a truly long-term perspective, whether in bad markets or good. They also operate with partnership structures and a client base that restrict their investment mandate.»
~ Seth Klarman, Gründer der Baupost Group

Klarman kann seine obenstehende Aussage durch einen aussergewöhnlichen Leistungsausweis bestätigen: Sein Hedge Fund Baupost Group hat das Kapital der Partner seit 1982 jährlich im Durchschnitt um 20% vermehrt. Klarmans 1991 erschienenes Buch «Margin of Safety» gilt unter Value-Investoren als Klassiker. Inzwischen ist es vergriffen, ein gedrucktes Exemplar kostet auf Amazon 1415 $.

Doch wie weit lohnt es sich, in die Zukunft zu blicken? Ich schlage vor mindestens 10 Jahre. Neben der langfristigen Ausrichtung von Investments gibt es zudem diverse weitere Strategien, sich als Anlegerin oder Anleger einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen:

Spezialist

Eignen Sie sich ein tiefgehendes Wissen in einem bestimmten Bereich an. Wichtig ist dabei, das Feld unserer Kompetenz gut zu kennen und uns innerhalb seiner Grenzen zu bewegen: «Bleiben Sie bei dem, was Sie wirklich wissen.»

Hüten Sie sich aber auch davor, sich zu sehr zu spezialisieren. Das kann dazu führen, dass man wichtige Entwicklungen im Gesamtbild übersieht; ein Problem, das auch als Tunnelblick bezeichnet wird. Nicht wenige renommierte Experten haben im Lauf der Jahre denn auch gravierende Fehler begangen.

Generalist

Wählen Sie einen breiten Ansatz in einer spezialisierten Welt. Am besten wirft man dazu ein möglichst weites Netz aus und geht möglichst flexibel auf sein Ziel zu. Der Wharton-Professor und Psychologe Philip Tetlock hat zu diesem Aspekt eine vielsagende Studie durchgeführt, die zwanzig Jahre in Anspruch nahm. Als Resultat stellt er fest, dass Generalisten klar besser abschneiden als Spezialisten. Die schlechtesten Prognostiker sind in der Regel Eintagsfliegen.

Contrarian

Meiden Sie die Masse und hüten Sie sich vor simplen Narrativen, die sich so rasch wie ein Virus verbreiten. Die Realität ist selten schwarz-weiss. Suchen Sie deshalb nach der Wahrheit in den Nuancen. Fallen Sie nicht auf Irrtümer herein, nur weil die grosse Mehrheit daran glaubt. Und beherzigen Sie den Rat von Seth Klarman: «Auf lange Sicht hat die Masse immer Unrecht.»

Nischenplayer

Finden Sie Nischen, die zu klein für die grossen Spieler an den Märkten sind. Bei Small-Cap-Aktien zum Beispiel ist die Wahrscheinlichkeit für Fehlbewertungen gross. Das gilt speziell angesichts der Tatsache, dass Billionen von Dollar in Large-Cap-Indexfonds fliessen und sich enorme Vermögen bei Fondsriesen wie BlackRock und Vanguard konzentrieren. Grösse hat im Anlagegeschäft auch Nachteile.

Der Grundsatz «Think Small» verspricht oft auch ausserhalb der Finanzmärkte Erfolg. So bewirtschaften zum Beispiel amerikanische Discounter wie Dollar Tree und Dollar General einen fruchtbaren Nährboden, auf dem sie inmitten von Detailhandelsriesen wie Walmart und Target gedeihen können.

Ökonom

Der Mainstream an den Finanzmärkten ist stark auf geld- und wirtschaftspolitische Interventionen fixiert. Die österreichische Wirtschaftslehre, welche die Welt demgegenüber durch eine Laissez-faire-Optik betrachtet, bildet die Realität besser ab und gibt ein gutes Verständnis für die negativen Effekte von geldpolitischen Stimulusmassnahmen und wirtschaftspolitischen Anreizen.

Eine solide Wirtschaftstheorie kann zudem helfen, Gewinner und Verlierer von staatlichen Interventionen zu identifizieren. Offensichtlich ist beispielsweise, dass grosse, kotierte Unternehmen auf Kosten von Kleinunternehmen von Abschottungsmassnahmen, billigen Krediten und Bürokratie profitieren.

Historiker

Die meisten Menschen wissen entweder wenig über Geschichte oder werden von Historikern in die Irre geführt. Der Kulturkritiker George Santayana hat dazu einmal spöttisch bemerkt: «Geschichte ist ein Bündel von Lügen über Ereignisse, die nie stattgefunden haben, erzählt von Leuten, die nicht dabei waren.»

Unwahrheiten zu durchschauen, erfordert zwar einen grossen Effort (und eine Sicht der Dinge aus der Optik der österreichischen Schule), aber die Aussicht vom Berggipfel kann den Aufstieg wert sein. Denken Sie deshalb daran: Irrtümer, die von der grossen Mehrheit als Tatsachen akzeptiert werden, schaffen Chancen. Die Geschichte wiederholt sich selten, aber sie reimt sich oft.

Futurist

Der österreichisch-amerikanische Ökonom Peter Drucker hat einmal gesagt: «Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie selber zu gestalten.» Die meisten Vorteile im Investment Game beruhen auf Erfahrung und akkumuliertem Wissen, Technologie hingegen begünstigt die Jugend. Der Blick in die Zukunft erfordert Vorstellungskraft. Albert Einstein sprach von der «Vorschau auf die kommenden Attraktionen des Lebens.»

Agnostiker

Die grossen Finanzinstitute sind politisch tendenziell links orientiert und können sich nur schwer mit konservativen und libertären Grundsätzen identifizieren. Ihre Vertreter neigen deshalb dazu, Trends in den USA zu unterschätzen, wie die Abwanderung aus progressiven Städten oder die potenzielle Zerstörung von Marken durch die Forcierung kontroverser Narrative über soziale Gerechtigkeit.

Nachahmer

Zum Schluss dieser Auflistung eine gute Nachricht: Wir müssen nicht direkt mit legendären Investoren wie Warren Buffett, Seth Klarman oder Ron Baron konkurrieren. Stattdessen können wir versuchen, sie nachzuahmen.

Die meisten bedeutenden Investoren publizieren öffentlich zugängliche Aktionärsbriefe. Dank Vorschriften zur Offenlegung von Beteiligungen und den quartalsweise publizierten 13F-Filings ist es relativ einfach, zu verfolgen, wie sich diese Börsengurus positionieren. Diese Strategie funktioniert am besten bei Investoren, die ihr Portfolio nicht ständig umschichten.

Natürlich besitzt jede und jeder von uns eigene, einzigartige Talente. Anstatt andere blind zu kopieren, sollten wir deshalb besser einige unserer besonderen Fähigkeiten und Tricks ins Investment Game einbauen. Das heisst, sich individuelle Wettbewerbsvorteile zu erschliessen und einen persönlichen Investmentstil zu entwickeln.

Jugendlicher Überschwang

Nach zwölf Jahren, in denen man an der Börse überdimensionierte Renditen verdienen konnte, hat das Investment Game eine neue Art von Spieler angezogen: jung, frech und hungrig darauf, nach neuen Regeln zu spielen. Ein Artikel aus «Bloomberg Businessweek» mit dem Titel «The FOMO Economy» hat die neue Manie an den Märkten vor nicht allzu langer Zeit folgendermassen zusammengefasst:

«It's not just crypto: It's stocks such as those of AMC Entertainment Holdings, GameStop, and Tesla that are beloved on Reddit and Twitter, and it's the houses and condos being snapped up almost as soon as they list. The pressure to keep up with neighbors, friends, and social media meme lords who seem to be in the process of becoming wealthy – or, at least, talking about it – can feel unbearable.»

Selbst konservative Firmen wie Fidelity Investments wenden sich inzwischen an Teenager und erlauben Kindern im Alter von 13 Jahren, ein Trading-Konto zu eröffnen. Fidelity hat allein im ersten Quartal 1,6 Millionen neue Kunden unter 35 Jahren gewonnen, eine Zunahme von 223% im Vergleich zum Vorjahr.

Eine Titelgeschichte von «Barron's» berichtete diesen Sommer mit mahnenden Worten über diesen Trend. Das Anlegermagazin meinte dabei, dass es etwa gleich gefährlich sei, Kinder mit einer Trading-App spielen zu lassen, wie wenn man jemandem ohne Führerschein die Schlüssel zu einem Porsche gibt:

«Teaching financial history is a worthy goal, and teenagers – inspired by social media and meme stocks – may be eager to learn. But giving a trading app to kids might be like handing over the keys to a Porsche, without even a learner’s permit… Financial-technology apps for the young raised $344 million in financing last year, according to Crunchbase, up from $98 million in 2019.»

Laurence Steinberg, Professor für Jugendpsychologie an der Temple University in Philadelphia, fügt der Liste dieser Bedenken hinzu, dass Teenager ihr Verhalten stärker an einem kurzfristigen Horizont ausrichten und damit verbundene Kosten eher vernachlässigen als Erwachsene:

«Teens tend to be more short-sighted and focused on rewards than adults, and more likely to ignore the costs. If you put people in a brain-imaging scanner and show them piles of money, you see the reward center light up more in adolescents than adults.»

(Ich persönlich denke, dass Professor Steinberg den Erwachsenen zu viel Vernunft zutraut. Wenn man den Aktienmarkt mit Billionen von frisch gedrucktem Geld überschwemmt, leuchten ihre Zentren für kurzfristige Belohnung im Gehirn genauso hell auf.)

Nur wenige Wochen später, als der Kaufrausch unter den Retail-Anlegern deutlich zunahm, schlug Barron's mit der Titelgeschichte «Meme Stocks Defy Gravity - Meme-Aktien überwinden die Schwerkraft» allerdings bereits einen weniger vorsichtigen Ton an:

«The collective efforts of millions of retail traders – long derided as ‹the dumb money› – have successfully held stocks aloft and forced naysayers to capitulate.»

Der Artikel bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Herdenpsychologie der jungen Spekulanten, die auf Meme-Aktien wie AMC und GameStop wetten. Ihnen gehe es dabei nicht nur um ein finanzielles Kalkül, sondern ebenso um eine emotionale Motivation:

«For retail traders, the method isn’t always scientific. The action is sustained by a community ethos. And the force behind it is as much emotional and moral as financial. New investors say they are motivated by a desire to prove themselves and punish the old guard as much as by profits… Some link the meme-stock movement to continued mistrust of big financial institutions stemming from the 2008 financial crisis.»

Wie im Text weiter zu lesen ist, hat zum Beispiel ein 26-jähriger Trader namens Matt Kohrs seinen Job als Software-Programmierer aufgegeben, um sieben Stunden pro Tag auf seinem YouTube-Kanal Analysen zu Aktien zu präsentieren und an der Börse zu handeln. Dank den Werbeeinnahmen, die ihm seine 350’000 Follower ermöglichen, könne er damit ungefähr gleich viel Geld verdienen wie in seinem vorherigen Beruf.

Gemäss den Aussagen von Kohrs geht es ihm nicht nur darum, an der Börse Gewinn zu machen, sondern sich zugleich an den Hedge Funds an Wallstreet zu rächen, nachdem sie die Wirtschaft in den Abgrund getrieben hätten:

«Wall Street brought our economy to its knees, and no one ever got in trouble for it. So, I think they view this as not only can we make money, but we can also make these hedge funds pay.»

Wenn das mal keine Win-Win-Situation ist!

Wer sind die Bösewichte?

«Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es das vermutlich auch.»

Dieses plausible Bonmot vergessen viele der jungen Trader, die den giftigen Cocktail aus Gier, Neid, Wut, Groll, Verzweiflung, Nostalgie (für aussterbende Marken wie GameStop und AMC), Techno-Utopie, Geschichtsrevisionismus und wirtschaftlichem Analphabetismus getrunken haben.

Sie erachten Gewinne an der Börse als Beute, die der Arbeiterschaft von den Konzernen gestohlen wurde. Eine Win-Lose-Konstellation: Je grösser das Nettovermögen, das sich jemand angeeignet hat, desto grösser der Diebstahl.

Im Rudel mit Gleichgesinnten zu handeln und um jeden Preis durchzuhalten (Stichwort: «HODL»), erachten sie als Möglichkeit, das Spiel zu ihren Gunsten zu wenden und den Punktestand auszugleichen. Wie «Barron's» erklärt, handelt es sich bei den «Bösewichten um Leerverkäufer, Market Maker und die Wallstreet-Elite - und zwar in dieser Reihenfolge.»

Auf den ersten Blick erscheinen Leerverkäufer als ein sonderbares Angriffsziel für diese tugendhaften Millennial-Trader. Short Seller sind völlig plattgewalzt worden vom zwölfjährigen Bullenmarkt, den das allmächtige Federal Reserve anheizt. In Tat und Wahrheit spielt sich hier der ultimative Kampf zwischen David und Goliath ab, und trotzdem werden die ausgemergelten Leerverkäufer mit den echten Geldsäcken an Wallstreet in den gleichen Topf geworfen.

Leerverkäufer spielen für die Preisfindung an den Märkten eine entscheidende Rolle. Sie sind die Skeptiker und Detektive an der Börse und tragen dazu bei, die Bewertungen im Zaum zu halten.

Wie wichtig diese Funktion ist, bekräftigt folgende Aussage von Jacob Rappaport, Leiter des Aktienhandels bei StoneX Financial: «Voting with dollars and putting money to work shows conviction and helps the retail investor find true value. Eliminating the mechanism to make a bearish investment does not make for a more efficient market.»

Auch mein Vater, Phil Duffy, der in Geschichte und Wirtschaftslehre sehr belesen ist, warnt: «Die Rolle von Leerverkäufern ist für unsere Gesellschaft von grosser Bedeutung. Wenn sie verschwinden, führt das mit der Zeit zu mehr Fehlinvestitionen und somit letztlich zu einer grösseren Zahl an Leidtragenden.»

Was die Market Maker betrifft, so haben die «jungen Wilden» eine denkwürdige Art, ihrem Zorn Ausdruck zu geben. Als Amateure spielen sie Hochfrequenzhändlern wie Ken Griffin (Citadel), James Simons (Renaissance Technologies) und Steven Schonfeld (Schonfeld Strategic Advisors) direkt in die Hände.

Virtu Financial, der einzige kotierte Market Maker, konnte den Umsatz letztes Jahr verdoppeln, das Betriebsergebnis ist auf das Siebenfache gestiegen (im zweiten Quartal 2021 hat der Trend allerdings gedreht). Schonfeld hat sich für die Rekordsumme von 105 Mio. $ ein rund 6500 Quadratmeter grosses Anwesen in Palm Beach, Florida, gekauft.

Luxusvilla von Steven Schonfeld in Florida

Luxusvilla von Steven Schonfeld in Florida

Schlussbemerkungen

Der legendäre American-Football-Trainer Vince Lombardi soll einmal gesagt haben: «Wenn es egal ist, wer gewinnt oder verliert, warum werden dann überhaupt Punkte gezählt?»

Er hat mit seiner Aussage Recht. Bei den Spielen, an denen wir Menschen uns beteiligen, werden Punkte vergeben. Der Prozess des Wettbewerbs ist jedoch ein Gewinn für alle Beteiligten, denn er fördert den Fortschritt der Menschheit und Wachstum.

Kapitalismus ist ein Wettbewerb, von dem die Konsumenten profitieren. Wie es der Ökonom von Mises so treffend formulierte: «What makes profits emerge is the provision for future needs for which others have neglected to make adequate provision - Gewinne entstehen durch die Befriedigung künftiger Bedürfnisse, um die sich andere nicht angemessen gekümmert haben.»

Vor einigen Jahren beschrieb Steve Forbes, Herausgeber des Wirtschaftsmagazins «Forbes», Profit als «moralische Kraft». Wie kommt die Wirtschaft voran? Sie wird von neuen Erkenntnissen getrieben. Und woher kommt dieses Wissen? Durch das ständige Experimentieren von Unternehmern am Markt.

Spontan in den Sinn kommt hierbei das Silicon Valley. Der Wagniskapitalgeber Peter Thiel zum Beispiel sagt, dass acht von zehn Startup-Firmen scheitern, selbst wenn so kluge Köpfe wie er zu ihren Geldgebern gehören. Umgekehrt formuliert: Nur zwei von zehn Jungunternehmen, vielleicht sogar nur eines, werden oder wird wirklich erfolgreich sein.

Gewinne sind für eine wachsende Wirtschaft daher unerlässlich. Als disziplinierte Investoren mit einem langfristigen Zeithorizont sollten wir Amateure am Pokertisch willkommen heissen - vor allem solche, welche die entscheidende Rolle von Gewinn und Unternehmertum nicht begreifen.

Wie der Essayist und Statistiker Nassim Taleb in «The Bed of Procrustes» schreibt, besteht ein typisches Charaktermerkmal von Verlierern darin, sich generell über die Fehler, Vorurteile, Widersprüche und die Irrationalität der Menschheit zu beklagen - ohne diese für den eigenen Spass und Gewinn zu nutzen.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus «The Coffee Can Portfolio», einem Investmentbulletin, das der Verfasser in loser Folge publiziert.

Kevin Duffy

Kevin Duffy ist Mitgründer von Bearing Asset Management. Die US-Investmentboutique konzentriert sich auf Makrotrends und führt zwei Hedge Funds, die auf Contrarian-Strategien spezialisiert sind. Duffy ist vor allem als Leerverkäufer bekannt. Beispielsweise sorgte er während der Finanzkrise mit Wetten gegen Aktien wie New Century Financial, Bear Stearns und Lehman Brothers für Aufmerksamkeit in der Branche. Bekannt ist er ebenso für seinen pointierten Blog Notable and Quotable. Bevor er mit seinem Geschäftspartner Bill Laggner 2002 Bearing lancierte, war er Mitgründer und Researchleiter der Investmentfirma Lighthouse Capital. Duffy lebt in der Umgebung von Philadelphia. Unter dem Titel «The Coffee Can Portfolio» gibt er zudem ein Investmentbulletin heraus.
Kevin Duffy ist Mitgründer von Bearing Asset Management. Die US-Investmentboutique konzentriert sich auf Makrotrends und führt zwei Hedge Funds, die auf Contrarian-Strategien spezialisiert sind. Duffy ist vor allem als Leerverkäufer bekannt. Beispielsweise sorgte er während der Finanzkrise mit Wetten gegen Aktien wie New Century Financial, Bear Stearns und Lehman Brothers für Aufmerksamkeit in der Branche. Bekannt ist er ebenso für seinen pointierten Blog Notable and Quotable. Bevor er mit seinem Geschäftspartner Bill Laggner 2002 Bearing lancierte, war er Mitgründer und Researchleiter der Investmentfirma Lighthouse Capital. Duffy lebt in der Umgebung von Philadelphia. Unter dem Titel «The Coffee Can Portfolio» gibt er zudem ein Investmentbulletin heraus.