Meinung

Nachhaltigkeit wird zwangsläufig zu einem Bestandteil des Geschäftsmodells

Um langfristig eine ethische Prämie zu verdienen und immer anspruchsvollere Investoren zu überzeugen, bleibt den Unternehmen wenig anderes übrig, als soziale Verantwortung bereits in ihr Geschäftsmodell zu integrieren.

Myret Zaki
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Die Covid-Krise könnte den Reformern, die nach mehr sozialer Gerechtigkeit in der Wirtschaft streben, einen willkommenen Impuls gegeben haben.

Die nächste Ausgabe des Weltwirtschaftsforums (Wef) sucht nach einer «Verpflichtung, dringend die Grundlagen für ein gerechteres, nachhaltigeres Wirtschafts- und Sozialsystem zu schaffen». Das Wef stellt sich «einen neuen Sozialvertrag vor, in dessen Mittelpunkt die Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit stehen und bei dem der gesellschaftliche Fortschritt nicht hinter der wirtschaftlichen Entwicklung zurückbleibt».

Oftmals wird dem Wef das Verdienst zugeschrieben, dass es den allgemeinen Gemütszustand jeweils genau erfasst, aber es ist nicht der einzige Akteur, der auf Veränderungen drängt. Unternehmen sind sich zunehmend bewusst, dass das Engagement für Nachhaltigkeit mehr als nur ein Lippenbekenntnis sein sollte. Denn die Investoren werden in diesem Bereich immer anspruchsvoller.

«Wir müssen die Vorstellung der Unternehmen ändern, dass sie nicht politisch verantwortlich sind», sagt Professor Dorothée Baumann-Pauly. Die in Deutschland geborene Wissenschaftlerin gründete das Zentrum für Wirtschaft und Menschenrechte an der School of Economics and Management der Universität Genf. Ihren Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften erwarb sie an der Universität Zürich. Sie argumentiert, dass Wirtschaft und Menschenrechte Hand in Hand gehen können.

«Veränderungen sind nicht immer sofort möglich»

«Aus der Sicht der Unternehmen ist es noch sehr neu, Menschenrechte in den Geschäftskontext einzubringen», räumt sie ein. «Aber wir arbeiten mit Unternehmen zusammen und unterstützen sie dabei, praktische Fortschritte zu erzielen, ohne Schuldzuweisungen oder Schamgefühle». Sieben Jahre zuvor hatte sie auf diesem Gebiet an der NYU Stern School of Business Pionierarbeit geleistet: «Veränderungen sind nicht immer sofort möglich», räumt sie ein, «aber sie sind möglich, weil die Achtung der Menschenrechte zunehmend geschäftsrelevant wird.»

Sie arbeitet an Fallstudien zu Unternehmen, die untersuchen, wie Geschäftsmodelle entwickelt werden können, die wirtschaftliche Ziele mit den Menschenrechten in Einklang bringen, «wie ABN Amro oder Decathlon». Nun hofft sie, einige der positiven Ansätze mit einer kritischen Masse von Unternehmen zu replizieren, darunter solche, die innerhalb des Wef-Netzwerks agieren.

Professor Baumann-Pauly betont, dass die menschenrechtlichen Herausforderungen sektorspezifisch sind. In der Rohstoffbranche bereitet Kinderarbeit in den Produktionsketten des Kobaltbergbaus Probleme. In der Bekleidungsindustrie beschäftigen multinationale Unternehmen billige Arbeitskräfte in Bangladesch oder Äthiopien. «Unternehmen in der Bekleidungsbranche müssen ihre Einkaufspraktiken ändern, um die Menschenrechte in ihr Kerngeschäft zu integrieren», sagt sie.

Es ist eine Herausforderung zu beweisen, dass Rentabilität und Aktienkursentwicklung genauso gut oder besser sind, wenn Unternehmen die Menschenrechte in ihrer gesamten Wertschöpfungskette respektieren. Doch nachhaltiges Investieren stuft Unternehmen zunehmend nach ihrer ESG-Performance ein (Environmental, Social, Governance) sowie nach ihren Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. Dabei wählen viele Fonds Unternehmen sowohl nach der ethischen Einstufung als auch nach klassischen Leistungskennzahlen aus.

Der Schweizer Finanzsektor unter der Lupe

Der Schweizer Finanzsektor wird besonders unter die Lupe genommen, wenn es um nachhaltige Finanzen geht. Nachhaltige Fonds sind schnell gewachsen. Doch die Banken reagieren lediglich auf Kunden und Aufsichtsbehörden, anstatt den Trend anzuführen. Die Investmentbranche konzentriert sich in erster Linie auf den Umweltbereich, aber nicht so sehr auf den sozialen Bereich.

Vor der Krise verursachten die Aktivitäten des Schweizer Finanzsektors rund 20 Mal so viel CO2 wie alle Aktivitäten des Landes zusammen und machten 2% der weltweiten Emissionen aus. Aber auch der Schweizer Finanzsektor ist heute in einem gewissen Umfang an das Pariser Abkommen gebunden. Dessen Artikel 2c sieht vor, dass «die Finanzströme mit geringeren Treibhausgasemissionen und einer klimaschonenden Entwicklung in Einklang gebracht werden müssen».

In der liberalen Tradition der Schweiz will der Bundesrat den Finanzsektor im Klimabereich nicht spezifisch regulieren und setzt dabei auf Selbstregulierung. Aus einem Klimatest, den 79 Pensionskassen und Versicherungen, die zwei Drittel der verwalteten Vermögen des Landes verwalten, im vergangenen Jahr absolviert haben, wissen wir aber, dass ihre Anlagen zu einer Erderwärmung von vier bis sechs Grad führen – das liegt deutlich über den vom Pariser Klimaabkommen geforderten 1,5 Grad. Der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und der Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) kommt eine gewisse Verantwortung für die Berichterstattung über die Klimarisiken des Sektors zu.

Der grüne Druck auf den Finanzsektor kommt von der EU

Der eigentliche grüne Druck auf den Finanzsektor geht aber vom EU-Aktionsplan aus. Er zielt darauf ab, einen grossen Teil des investierten Vermögens in grüne Investitionen zu lenken. Dies bedeutet die Integration von Nachhaltigkeitsrisiken, -faktoren und Offenlegungsanforderungen in mehrere EU-Richtlinien (MiFID II, OGAW, AIFMD, Solvency II), die bis zum ersten Quartal 2021 in Kraft treten sollen. Bald wird von den Banken und Vermögensverwaltern, die mit EU-Kunden arbeiten, verlangt werden, ESG-Forschungsteams zu rekrutieren und ESG-Ratings in ihre IT-Systeme (Portfoliomanagement, Trade Compliance, Berichtssysteme) zu integrieren, um diesen EU-Richtlinien zu genügen.

Professorin Dorothée Baumann-Pauly will sich auf das schlecht definierte «S» in den ESG-Zielen konzentrieren. «Der Prozess der Wertschöpfung wirkt sich auf die Gesellschaft als Ganzes aus», erklärt sie. Unternehmen siedeln manchmal lokale Gemeinschaften um, um Infrastrukturprojekten Platz zu machen. «Jedes derartige Projekt muss strengeren Menschenrechtskontrollen unterzogen werden, damit die Auswirkungen der wirtschaftlichen Tätigkeit in gezielt positive Wirkungen umgewandelt werden können.» Doch Unternehmen dazu zu bringen, die Grundrechte zu schützen, ist noch eine entfernte Perspektive.

Kürzlich, nach dem tragischen Tod von George Flyod in den USA, ist die Rassenfrage in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Jeff Bezos platzierte ein «black lives matter»-Banner auf der Amazon-Website, Nike sagte 40 Mio. $ zur Unterstützung der schwarzen Gemeinschaft zu (wobei ihr Partner Michael Jordan am selben Tag 100 Mio. $ spendete), während Rivale Adidas einige Tage später 120 Mio. $ für den gleichen Zweck zusagte.

Lobenswerte Initiativen, gewiss. Aber es bedarf eines tieferen Wandels, um die Menschenrechte in den Geschäftsprozessen zu verankern.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.