Die Meinung

Neue Höchststände an den Börsen? Natürlich!

Höchststände an den Aktienmärkten sorgen regelmässig für Schlagzeilen. Dabei sind sie nichts Besonderes, denn die langfristigen Trends an den Börsen zeigen nach oben. Das Problem ist bloss, dass sich viele Anleger von kurzfristigen Schwankungen beeindrucken lassen.

Erwin W. Heri

Der Schweizer Aktienmarkt hat mal wieder einen historischen Höchststand erreicht. Der Swiss Market Index steht über 10'000 Punkten. Seit der Delle im Frühjahr 2009 hat das Standard-Börsenbarometer über 100% zugelegt. Der für Anleger an sich relevantere Swiss Performance Index, der breiter diversifiziert ist und die Dividenden mitberücksichtigt, hat mehr als 200% gewonnen.

Erwin W. Heri

Erwin W. Heri ist Professor für Finanztheorie an der Universität Basel und am Swiss Finance Institute in Zürich. Neben seinen universitären Mandaten war er früher als Chief Investment Officer beim früheren Schweizerischen Bankverein (UBS), als Generaldirektor und Group CFO bei der Winterthur Versicherungsgruppe und als Chief Investment Officer bei Credit Suisse Financial Services tätig. Während rund zehn Jahren leitete er danach die Privatbankgruppe Valartis Group. Er ist Autor einer Reihe von Büchern aus dem Finanz- und Anlagebereich. Heri ist Gründer von Fintool, einer videobasierten Internetplattform für Finanzausbildung.
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Wer nach der Finanzkrise von 2008 gemeint hat, das sei es dann wohl gewesen, und sich damals definitiv von den Aktienmärkten verabschiedet hat, reibt sich nur noch die Augen.

Natürlich hat nicht jede einzelne Aktie eine solche Performance an den Tag gelegt. Aber eben die Indizes. Dass die Schwankungsbreite einzelner Valoren grösser ist als die des Index und dass man für diese (unsystematischen) Einzelrisiken an den Aktienmärkten nicht systematisch einen höheren Ertrag erwarten kann, weiss man allerdings auch schon ziemlich lange.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Bäume wachsen nicht in den Himmel, das wissen die meisten Marktteilnehmer noch aus der Zeit um die Jahrhundertwende oder dem Jahr 2008. Diejenigen mit kürzerem Gedächtnis oder jüngerem Erfahrungshorizont erinnern sich noch an den letzten Dezember. Nicht wenige haben damals mit schlottrigen Knien ihre Positionen verkauft, sind nicht mehr zurückgekehrt und haben entsprechend den Aufschwung der letzten Monate verpasst. Schade.

Aber wie ist es nun mit den aktuell erreichten historischen Höchstständen, wenn wir doch wissen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen? Müssen wir uns auf die nächste grössere Korrektur vorbereiten, einfach nur weil what goes up must come down? Oder wachsen die Bäume vielleicht doch in den Himmel?

Kurzfristige Korrekturen sind irrelevant

Grössere Korrekturen gibt es an den Aktienmärkten regelmässig. Diese triviale Wahrheit wissen wir eigentlich alle. Vielleicht kommt schon bald eine Korrektur.

Ich weiss es nicht. Niemand weiss es.

Aber eben: Der letzte Dezember steckt vielen Investoren immer noch in den Knochen. Oder der Januar 2018. Oder Anfang 2016. Oder Ende 2013. Oder, oder, oder. Die Finanzanalysten und -journalisten – die grossen Geschichtenerzähler unserer Zeit – haben im Nachhinein immer ein vernünftiges Narrativ, warum das jeweils gerade hat passieren müssen. Hindsight Bias nennen wir das in der Behavioral Finance.

Für längerfristige Analysen ist die Frage nach kurzfristigen Korrekturen eigentlich irrelevant – und das bringt uns zurück zur Beurteilung der historischen Höchststände. Die generelle Börsenentwicklung unterliegt einem langfristigen Trend. Diesen Trend erkennt man deutlich, wenn man sich Langfrist-Charts der Total-Return-Indizes der weltweiten Aktienmärkte anschaut. Die Aktienbörsen produzieren allesamt eine langfristige Tendenz im Gesamtertrag von (nominell) 6 bis 10% pro Jahr.

Die langfristige Tendenz an den Aktienmärkten ist klar

Ökonomisch betrachtet ist klar, was hinter diesem Trend steht. Er hat seine Basis in den langfristigen Tendenzen der Wirtschaftsentwicklung, bei Innovation, Produktivitätsfortschritt und damit bei der langfristigen Entwicklung der Unternehmensgewinne.

Wenn dies aber so ist, und wenn wir des Weiteren davon ausgehen, dass die globalen Industrieländer weiter wachsen werden, wie auch immer, und wenn wir ferner glauben, dass uns auch in Zukunft die guten Ideen – sprich: Produkt- und Prozessinnovation – nicht ausgehen werden, dann sind historische Höchstkurse an den Börsen nicht besonders überraschend. Eine trendbehaftete Zeitreihe liefert immer wieder historische Höchstwerte. So sind Trends definiert.

Bei den Aktienindizes verkennt man dies deswegen gelegentlich, weil die Schwankungen um den Trend oft so heftig ausfallen. Im Übrigen können die kurzfristigen Verwerfungen durchaus lange andauern – nicht selten länger als die Geduld (oder im schlimmsten Fall die Solvenz) des Investors. Die kurzfristig aufgepeitschten Emotionen verhindern den nüchternen Blick auf die lange Frist.

Professor Daniel Kahneman, Nobelpreisträger für Nationalökonomie, hat sich oft darüber mokiert, dass Anleger nicht imstande seien, von der Historie zu lernen. Vielleicht meinte er damit, dass uns vor lauter kurzfristiger Hysterie die Fähigkeit abhandengekommen ist, die längerfristigen Tendenzen zu erkennen.

Dass eine Aktienstrategie, die auf zehn Jahre oder länger ausgerichtet ist, dem durchschnittlichen Anleger mehr Erfolg verspricht als kurzfristig motivierte Käufe und Verkäufe, wissen wir eigentlich schon länger. Vielleicht ist vielen Investoren aber nicht bewusst, dass dies vor allem mit den zugrundeliegenden langfristigen Trends zu tun hat, die letztlich immer wieder «historische Höchstwerte» produzieren.

Wachsen die Bäume in den Himmel? Nein, nicht jeder einzelne Baum. Aber die Wälder wachsen ziemlich stetig – wenn man sie denn lässt.