Meinung

Wenn in Stockholm der Hammer fällt

Die Nobel-Gedächtnispreise für Wirtschaftswissenschaften gehen in diesem Jahr an zwei Amerikaner, die sich mit Auktionsverfahren beschäftigt haben. Eine gute Wahl: Diese Forschung ist spannend, anerkannt und nützlich.

Karen Horn
Drucken
Teilen

Es ist jedes Jahr dasselbe: In der Woche Anfang Oktober, in der die Nobel-Preise vergeben werden, steigt unter den Ökonomen der Welt mit jedem Tag die Spannung, wer wohl am Montag danach den «Preis für Wirtschaftswissenschaften der Schwedischen Reichsbank zum Gedenken an Alfred Nobel» erhalten wird.

Die Spekulationen schiessen ins Kraut, Wetten werden abgeschlossen, und zahllose Empfehlungen werden laut, in die sich politische Präferenzen hineinmischen. Selten jedenfalls richtet sich so viel zumeist positives Interesse auf die wirtschaftswissenschaftliche Forschung.

Bis am Montagmittag hat sich das Rätselraten so aufgeschaukelt, dass es regelrecht kribbelt, wenn man auf der Internetseite der Nobel-Stiftung dem Countdown zuschaut, bis die Bekanntgabe der Preisträger aus den altehrwürdigen Räumlichkeiten der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm online mitzuverfolgen ist.

Und dann, wenn dem Generalsekretär der Akademie die neuen Namen von den Lippen perlen, kommt es zu einem plötzlichen Druckabfall.

Denn meistens hatte man die Laureaten nicht auf der eigenen Liste, und die Wahl haut einen auch nicht wirklich gleich vom Hocker. Aber man muss unumwunden zugestehen: Keine schlechte Entscheidung, ganz im Gegenteil, eine wirklich wohlverdiente Auszeichnung. Spannende Arbeit, anerkannt in der Disziplin, und zudem nützlich für die Menschheit.

So ist es auch in diesem Jahr.

Auktionsverfahren sind weit verbreitet

Paul R. Milgrom und Robert B. Wilson (beide Stanford University, USA) erhalten den mit insgesamt 10 Mio. Schwedischen Kronen (1,03 Mio. Fr.) ausgestatteten Preis «für Verbesserungen der Auktionstheorie und für das Erfinden neuer Auktionsformate». In ihrer Arbeit haben sie Wesentliches dazu beigetragen, die ökonomische Auswirkung verschiedener Bieterverfahren genauer zu verstehen und bessere neue Formate zu konstruieren.

Auktionen als Verfahren der Zuteilung von Gütern und Dienstleistungen gibt es im Alltag an unzähligen Stellen, nicht etwa nur am Kunstmarkt, am Immobilienmarkt und zur Auflösung einer Konkursmasse. Besonders häufig kommen sie zum Einsatz, wenn Nutzungsrechte an einem knappen Gemeingut zuzuteilen sind. So müssen Mobilfunkanbieter Frequenzen ersteigern; Emissionszertifikate werden per Auktion gehandelt; an der Strombörse fällt täglich der Hammer.

Im öffentlichen Beschaffungswesen kommen Auktionen mit umgekehrtem Vorzeichen durch Ausschreibungen laufend zum Einsatz, um zu vermeiden, dass der Staat unnötig viel Geld ausgibt und der Steuerzahler Schaden nimmt. Auch privat beteiligt man sich mitunter an Auktionen, beispielsweise wenn man etwas auf einer Online-Plattform wie Ebay oder Ricardo kauft.

Doch Auktion ist nicht gleich Auktion. Jedes Bieterverfahren ist anders. Es gibt englische Auktionen (aufwärts, ausgehend von einem niedrigen Einstiegspreis) oder holländische Auktionen (abwärts, ausgehend vom oberen Ende der Preisskala). Die Gebote können geheim sein oder für jedermann sichtbar, was neue Informationen generiert. Das ist dann wichtig, wenn das Gut, um das es geht, nicht nur einen subjektiven Wert besitzt, sondern auch einen halbwegs objektivierbaren Wert, über den aber Unsicherheit herrscht, beispielsweise den späteren Wiederverkaufswert.

Die Gebote können nur ein einziges Mal abgegeben oder im laufenden Verfahren nachgebessert werden. Das versteigerte Gut kann in einzelnen Portionen oder im Bündel versteigert werden. Der Zuschlag kann für das höchste Gebot erfolgen oder, in einer Ausschreibung, für den niedrigsten Kostenvoranschlag – oder, was Übertreibungen verhindert, für die Nummer zwei in der Rangliste.

Wie Auktionen im Detail ausgestaltet sind, entscheidet darüber, wie sich die Bieter strategisch verhalten – und damit auch, ob der Preis am Ende angemessen ist, also «effizient». Im Interesse der Effizienz gilt es den «Fluch des Gewinners» möglichst zu vermeiden, also dass jemand siegreich aus einer Auktion hervorgeht, aber genau deshalb eigentlich zu viel bezahlt.

Meilenstein für die «Dismal science»

Die bekannteste Erfindung von Milgrom und Wilson, deren theoretische Arbeit auf der Forschung des bereits 1996 mit dem Nobel-Gedächtnispreis ausgezeichneten William Vickrey aufbaut, ist das Regelwerk für Auktionen von Funkfrequenzen, die «Simultaneous Multiple Round Auction».

Wie die Schwedische Akademie berichtet, sind dank dieser Technik für Frequenzverkäufe in aller Welt mehr als 200 Mrd. $ an Einnahmen generiert worden, die über den jeweiligen Staatshaushalt der Allgemeinheit zugutekamen – statt einfach als «Windfall profit» den Unternehmen zuzufallen.

Die Auszeichnung ist mithin ausgesprochen plausibel. Sie entspricht auch dem wichtigsten Kriterium, das für diesen – nicht von Alfred Nobel selbst, sondern erst knapp siebzig Jahre später von der Schwedischen Reichsbank aus Anlass ihres 300-jährigen Bestehens gestifteten – Preis festgehalten ist. In Anlehnung an das Testament Nobels aus dem Jahr 1895 sollen Personen ausgezeichnet werden, die mit ihren Arbeiten der Menschheit einen besonders grossen Dienst erwiesen haben.

Von den Vertretern der Wirtschaftswissenschaften hatte sich Nobel dergleichen grundsätzlich nicht vorstellen können. In einem Brief, der erst 2001 veröffentlicht wurde, hatte der Erfinder und industrielle Hersteller des Sprengstoffs Dynamit gar formuliert, er hasse sie vom Grunde seines Herzens. Seinerzeit hatte sich die Familie dem Vorhaben der Riksbank dennoch nicht verweigert.

Die Notenbank hat damit 1968 einen Meilenstein für das Ansehen jener Disziplin gesetzt, die der schottische Historiker Thomas Carlyle schon im 19. Jahrhundert als «Dismal science» («trostlose Wissenschaft») verspottet hatte. Es gibt heute zwar auch andere bedeutende Auszeichnungen für Ökonomen, verliehen zumeist von Fachgesellschaften, zum Beispiel die John Bates Clark Medal der American Economic Association. Sie sind im akademischen Betrieb als Anerkennung und Motivation wichtig. Aber keine von ihnen schafft es ins Fernsehen und lässt Fachfremde mitfiebern. Der Glanz von Nobel ist einzigartig.

Forschung ist Teamarbeit

Gemäss Nobels Testament sollen genau genommen nur Einzelpersonen ausgezeichnet werden, aber das hat sich auch in den anderen, den eigentlichen Nobel-Disziplinen nicht einhalten lassen, weil Forschung meistens Teamarbeit ist. Ursprünglich sollten auch nur Arbeiten aus dem jeweiligen Vorjahr ausgezeichnet werden. Davon weicht man ebenfalls schon seit Jahren ab.

Dafür gibt es einen guten, sachgerechten Grund: Es dauert viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, bis sich im akademischen Prozess erwiesen hat, ob ein Forschungsbeitrag tatsächlich bahnbrechend war, ob er einen Paradigmenwechsel ausgelöst, eine grosse Menge weiterführende Forschung angestossen und in der Praxis segensreich Niederschlag gefunden hat.

Die einschlägigen Arbeiten von Milgrom und Wilson stammen aus den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren. Der Zeitabstand hält der Schwedischen Akademie zudem den Vorwurf vom Hals, aktiv in den Wissenschaftsprozess einzugreifen, also die Forschungsrichtungen der Zukunft mitzubestimmen.

Langwieriger Auswahlprozess

Ungewöhnlich ist an der heutigen Entscheidung allenfalls, dass das Themengebiet im weiteren Sinne schon in der Vergangenheit mehrfach bedacht worden ist – mindestens 1996 (James A. Mirrlees und William Vickrey), 2000 (Alvin E. Roth und Lloyd S. Shapley) und 2007 (Leonid Hurwicz, Eric S. Maskin und Roger B. Myerson). Andere Felder hingegen sind bisher schlechter weggekommen oder gar leer ausgegangen, allen voran die Arbeitsmarktökonomik, in der es nicht an wichtigen Beiträgen mangelt.

Dass die Auswahl der Laureaten abgesehen davon auch dieses Jahr wieder wenig Anstoss erregen kann, sollte den Zorn jener Kritiker dämpfen, die den Preis als politisiert betrachten. Es hat schon viele Versuche gegeben, eine ideologisch verzerrte Auswahl nachzuweisen – je nach Standpunkt des Betrachters zu sehr oder zu wenig nach links. Doch das Verfahren lässt derlei nicht wirklich zu, genauso wenig wie eine rasche Reaktion auf tagespolitische Verhältnisse.

Das ist auch die Erklärung dafür, warum aktuell vielleicht naheliegende Beiträge auf dem Gebiet der Umweltökonomik, der Genderforschung oder der ökonometrischen Pandemieforschung keinen Zuschlag erhalten haben.

Die Akademie trifft ihre Entscheidung in einem langwierigen, mehrstufigen Prozess. Es handelt sich um eine «Peer selection»: Das Preiskomitee konsultiert mehr als 3000 Lehrstuhlinhaber in aller Welt; destilliert aus den rund 300 Nominierungen jene Kandidaten, die in die engere Wahl kommen; und lässt über deren Arbeit Gutachten erarbeiten.

Der wohl schwierigste Teil dieser Aufgabe besteht darin, in Kenntnis der jeweiligen vielstimmigen wissenschaftlichen Debatte dingfest zu machen, wer tatsächlich einst an der Wurzel einer theoretischen Neuerung stand und sie durchgesetzt hat. Wer den Preis bekommt, ist jedenfalls zuvor schon jahrelang auf diese Weise genau beobachtet worden.

Das Komitee entwickelt auf Grundlage der Gutachten eine umfangreich begründete Empfehlung, die sie der Akademie zur Abstimmung unterbreitet. Die Riksbank hat keinerlei Mitsprache.

Bisher hat die Akademie niemals den Vorschlag des Komitees abgelehnt, war aber 1994 nahe dran – man war besorgt, ob der lange an Schizophrenie erkrankte Spieltheoretiker John F. Nash jr., der den Preis mit John C. Harsanyi und Reinhard Selten bekam, der Verleihungszeremonie gewachsen wäre (er war es). Da das Komitee nie einen Plan B vorhält, hätte eine Ablehnung einen ziemlichen Eklat gegeben.

In der Ökonomik spielt die Musik immer noch in den USA

Aber warum sind es schon wieder Amerikaner? Und warum ist keine Frau dabei? Die Laureaten waren bisher überwiegend Amerikaner, und nur zwei von ihnen Frauen.

Die Antwort ist einfach: Weil es keine Quote gibt, weder nach Ländern noch nach Geschlecht, und weil es eine solche im Interesse der rein fachlichen Exzellenz, die der Preis honorieren soll, auch sinnvollerweise nicht geben kann.

In den Vereinigten Staaten spielt für die Wirtschaftswissenschaften einfach immer noch die Musik. Das Land hat einen Skalenvorteil – als Wissenschaftsstandort wie auch mit Blick auf die Grösse der Fakultäten, an denen zudem ein reger Wettbewerb herrscht. Und der Anteil der Frauen an den Ökonomieprofessuren hat sich über die Jahre erhöht, er liegt durchschnittlich aber immer noch nur bei 15%.

Immerhin das wird sich mit der Zeit ändern; der weibliche wissenschaftliche Nachwuchs schläft nicht. Vielleicht also wieder nächstes Jahr? Es bleibt spannend in Stockholm.

Lektüreempfehlungen:

W. Lee Hansen and Burton Weisbrod (1972), Toward a General Theory of Awards, or, Do Economists Need a Hall of Fame?, The Journal of Political Economy 80(2), S. 422-431.

Karen Horn (2009), Die Stimme der Ökonomen, Wirtschaftsnobelpreisträger im Gespräch, München, Verlag Hanser.

Karen Horn

Karen Horn steht mit einem Bein in der Wissenschaft und mit dem anderen in der Publizistik. Sie lehrt ökonomische Ideengeschichte und Wirtschaftsjournalismus an der Universität Erfurt. Ihr wissenschaftliches Interesse liegt an der Schnittstelle der Ökonomie zu Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte; vorrangig beschäftigt sich Karen Horn mit dem Denkgebäude des Liberalismus. Daneben schreibt die frühere Wirtschaftsredaktorin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung regelmässig für diverse Zeitungen, Magazine und Online-Dienste. Zudem ist sie Mitherausgeberin und Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik». Sie lebt in Zürich. www.karenhorn.de
Karen Horn steht mit einem Bein in der Wissenschaft und mit dem anderen in der Publizistik. Sie lehrt ökonomische Ideengeschichte und Wirtschaftsjournalismus an der Universität Erfurt. Ihr wissenschaftliches Interesse liegt an der Schnittstelle der Ökonomie zu Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte; vorrangig beschäftigt sich Karen Horn mit dem Denkgebäude des Liberalismus. Daneben schreibt die frühere Wirtschaftsredaktorin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung regelmässig für diverse Zeitungen, Magazine und Online-Dienste. Zudem ist sie Mitherausgeberin und Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik». Sie lebt in Zürich. www.karenhorn.de