Meinung

Peking geht auf Panikstation angesichts des «Triple Kill»-Ausverkaufs

Harte regulatorische Massnahmen gegen einzelne Branchen haben an Chinas Aktien-, Bond- und Devisenmarkt zu deutlichen Verlusten geführt. Steigende politische Ungewissheit wird für Investoren zur Normalität.

Jörg Wuttke
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Chinesische Aktien haben in den letzten Monaten herbe Verluste erlitten. Die Korrektur am Onshore-Markt wurde von den vormals unter Investoren beliebten Sektoren Basiskonsum und Gesundheit angeführt. Seit Jahresbeginn hat der CSI-300-Index – er umfasst 300 Standardwerte der Börsen von Schanghai und Shenzhen – 4,5% verloren.

Chinesische Unternehmen, deren Aktien ausserhalb des Festlandes kotiert sind, mussten vor allem im Juli grosse Einbussen hinnehmen, da Peking die Kampagne gegen Technologieunternehmen forcierte und die Regeln für eine Kotierung im Ausland verschärfte, nachdem der Fahrdienst Didi seinen Börsengang in New York überstürzt hatte.

Der Hang Seng China Enterprises Index (HSCEI) ist seit Jahresbeginn um 12% gesunken und der MSCI China Overseas Index sogar um 26%. Im Vergleich dazu hat der amerikanische S&P-500-Index rund 18% gewonnen. Global aktive Anleger reduzierten angesichts der signifikanten Zunahme der politischen Risiken ihr China-Engagement.

Regulierungsmandat von ganz oben

Die Offensive der Regulierungsbehörden ist breit angelegt und hat viele Sektoren betroffen. Den heftigsten Schlag erlitt der Bildungssektor, als Peking Unternehmen, die Schulbildung anbieten, aufforderte, sich vom Kapitalmarkt abzukoppeln und auf ein Nonprofit-Geschäftsmodell umzusteigen. Dies führte zu einem Zusammenbruch der «Education Technology»-Aktien, die zum Teil mehr als 95% verloren haben.

Das harte Durchgreifen ist noch lange nicht vorbei, da das Mandat dafür direkt von Präsident Xi Jinping kommt. Allerdings wird sich das Tempo wahrscheinlich ein wenig verlangsamen, da die Häufigkeit der politischen Ankündigungen im Juli abnormal hoch war.

Der Ausverkauf breitete sich von Bildungs- und Technologiewerten auf den gesamten Aktienmarkt sowie auf chinesische Staatsanleihen und den Renminbi aus. Dieser seltene «Triple Kill» – Aktien, Bonds und Währung fallen gemeinsam – erinnert an das, was während einer Finanzkrise passiert. Die Anleger zeigten sich erschüttert, dass Peking die Verbindungen zwischen dem Bildungssektor und dem Kapitalmarkt mit einem Federstrich kappte.

Der Schritt zeigte, dass die Regierung nicht davor zurückschreckt, einen ganzen Sektor vom Aktienmarkt zu verdrängen, wenn die politische Führung dies für notwendig hält.

Viele Anleger fragen sich nun: «Welche Unternehmen und Branchen sind als Nächste dran?»

Wer die Ungleichheit fördert, ist in Gefahr

Unternehmen aus dem Gesundheitswesen könnten in Gefahr sein, da der Sektor mit der Bereitstellung von öffentlichen Gütern verbunden ist und in China traditionell als nicht gewinnorientiert gilt. Gewinnorientierte Krankenhausketten – vor allem solche, die eine Börsenkotierung anstreben – könnten gezwungen werden, ihre Pläne zu überdenken.

Ein anderes mögliches Ziel ist die Unterhaltungsbranche, vor allem im Gaming-Bereich. Wenn Peking nicht will, dass Kinder nach der Schule zu viel Zeit mit Nachhilfeunterricht verbringen, warum sollten sie dann endlos Spiele auf ihrem Mobiltelefon spielen?

Hinzu kommt ein ideologischer Aspekt: Der Präsident möchte Chinas Bevölkerung zu «allgemeinem Wohlstand» führen, und er verabscheut Ungleichheit. Das war mit ein Grund für die Bildungsreform und die Beschränkung der Immobilienpreise. Es ist daher plausibel, dass viele Sektoren, die die Ungleichheit fördern, potenzielle Ziele neuer regulatorischer Attacken sind. Die Propagandaabteilung der Regierung hat bereits Prominente davor gewarnt, ihren luxuriösen Lebensstil in den sozialen Medien zur Schau zu stellen.

Lieber «Hard Tech» als «Soft Tech»

Die Liste der «nächsten Massnahmen» liesse sich beliebig fortsetzen. Es scheint auch, dass Xi staatliches Kapital lieber in «Hard Tech» als in «Soft Tech» investiert: China benötigt angesichts der langfristigen Auseinandersetzung mit den USA dringend die Entwicklung von Spitzentechnologien, und «Soft Tech» ist da nicht sehr hilfreich. Das Problem mit «Hard Tech» wie Halbleitern und neuartigen Materialien ist jedoch, dass sie kurz- bis mittelfristig nicht sehr profitabel sind.

Statt sich mit den Feinheiten möglicher Regulierungsstrategien zu befassen, haben viele global agierende Investoren offenbar bereits mit den Füssen abgestimmt. In Anbetracht der Intensität des sektorübergreifenden Durchgreifens in den letzten neun Monaten haben sie einfach alles über Bord geworfen. Das politische Risiko ist in ihren Augen zu gross geworden, und es erscheint zu schwierig, zwischen den einzelnen chinesischen Unternehmen zu unterscheiden. Für viele Anleger ist es am einfachsten, alles zu verkaufen.

Grössere Toleranz für Rückschläge an den Börsen

Peking hat den Ausverkauf der in New York kotierten chinesischen Unternehmen sowie den Kursverfall in Hongkong wahrscheinlich gleichgültig zur Kenntnis genommen. Angesichts der Turbulenzen an den inländischen Finanzmärkten kann die Regierung jedoch kaum untätig bleiben, zumal die Bond- und Devisenmärkte im Gleichschritt mit dem Aktienmarkt fielen.

Peking hat eine grössere Toleranz für Rückschläge an den Aktienmärkten als viele Behörden im Westen, und der chinesische Markt ist ohnehin volatiler. Ein derart synchroner Ausverkauf über alle Anlageklassen hinweg findet jedoch in der Regel nur dann statt, wenn der Finanzmarkt eine Krise in irgendeiner Form erwartet.

Peking mag es nicht, wenn internationale Medien behaupten, China befinde sich in einer Krise. Die Regierung kann nicht zulassen, dass inländische Anleger in Panik geraten. Aufgrund der Erfahrungen seit 2013 ist es für Peking an der Zeit, den Markt sowohl durch Reden als auch durch Handeln zu stabilisieren. Staatliche Finanzmedien haben bereits unisono die Losung ausgegeben, es gebe kein systemisches Risiko an Chinas Finanzmärkten.

People's Bank of China wird bald einschreiten

Eines ist klar: Investoren dürfen kein Zurückdrehen der regulatorischen Massnahmen erwarten; bestenfalls kann mit einer Drosselung des Tempos für neue Massnahmen gerechnet werden. Das Generalbüro der Kommunistischen Partei und das Generalbüro des Staatsrats haben die Dokumente zur Überprüfung der Cybersicherheit und zur Bildungsreform bereits unterzeichnet, was darauf hindeutet, dass sie die Ansichten der obersten Parteiführung repräsentieren.

Hingegen werden die Finanzmarkt-Aufsichtsbehörden sehr bald beraten und handeln. Es gibt mehrere Optionen, und eine Kombination davon dürfte umgesetzt werden. Vizepremier Liu He, Xis oberster Wirtschaftsberater, kann den Ausschuss für Finanzstabilität und Entwicklung (Financial Stability and Development Committee, FSDC) einberufen, welcher über ein Communiqué Signale zur Stabilisierung des Marktes aussenden kann.

Die China Security Regulatory Commission (CSRC) kann eingreifen und versuchen, den Aktienmarkt zu stabilisieren. Die sogenannten «nationalen Teams», zu denen auch mehrere grosse staatliche Vermögensverwalter gehören, können ebenfalls direkt in den Markt eingreifen.

Dies könnte einige Tage lang funktionieren, doch ist hier in Peking niemand wirklich von einem nachhaltigen Aufschwung überzeugt, da die verschiedenen regulatorischen Massnahmen noch nicht vorbei sind und sich das Wirtschaftswachstum weiter verlangsamen wird.

Die People's Bank of China (PBoC) wird wahrscheinlich versuchen, die Bond- und Devisenmärkte zu beruhigen. Sollte sich die Lage weiter verschlechtern, kann die PBoC die Geldpolitik durch die Bereitstellung von mehr Liquidität über Offenmarktgeschäfte expansiver gestalten oder sogar die Leitzinsen direkt senken, und zwar rascher als derzeit erwartet.

Schliesslich könnte Präsident Xi ein weiteres Symposium mit Vertretern der Privatwirtschaft abhalten, wenn Peking das Bedürfnis verspürt, sie zu beruhigen und ihnen Vertrauen einzuflössen. Xi hat im vergangenen Jahr mehrere Symposien abgehalten, an denen ausländische Firmen, chinesische Privatunternehmen, staatliche Unternehmen, Wissenschafter und andere zivile Experten teilnahmen. Er kann dies wiederholen und ihnen etwas Wohlwollen entgegenbringen. Diese Option steht zwar im Raum, aber sie wird vielleicht nicht so schnell umgesetzt wie die anderen.

Jörg Wuttke

Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.
Jörg Wuttke ist Präsident der EU-Handelskammer in China – ein Amt, das er bereits von 2007 bis 2010 sowie von 2014 bis 2017 besetzt hatte. Wuttke ist Chairman der China Task Force des Business and Industry Advisory Committee der OECD (BIAC) sowie Mitglied des Beratergremiums des Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin. Er lebt seit mehr als drei Jahrzehnten in Peking.