Meinung

Politiker in Panik

Die harten Lockdown-Massnahmen im vergangenen Jahr haben sich als übertrieben erwiesen. Die überhasteten Staatsinterventionen trugen wenig zur Eindämmung der Pandemie bei, schadeten der Wirtschaft und wirkten sich damit sogar negativ auf unsere Gesundheit aus.

John Tamny
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Seit dem Ausbruch der Pandemie ist viel passiert. Lassen Sie uns deshalb eine kurze Zeitreise zurück zum März 2020 unternehmen. Mit den steigenden Covid-Fallzahlen in Europa und in den USA wurden damals rasch düstere Prognosen über ein drohendes Massensterben gemacht. Neil Ferguson zum Beispiel, Berater der britischen Regierung und Epidemiologe am Imperial College London, sagte in einer Studie voraus, dass allein in den USA mehr als 2 Millionen Menschen am Coronavirus tödlich erkranken würden.

Mit solchen horrenden Zahlen wurden daraufhin harte Lockdown-Massnahmen begründet. «Wir wussten zu dieser Zeit einfach zu wenig über das Virus», werden diese rigorosen Interventionen heute im Nachhinein oft gerechtfertigt. Die Frage lautet daher, ob man Politiker auf regionaler und nationaler Ebene angesichts der Prognosen zu dermassen vielen Todesfällen für ihre panikartige Reaktion von damals verantwortlich machen kann.

Meiner Meinung nach lautet die Antwort eindeutig: ja.

Um zu begründen, warum, kann ich auf ein simples Rechenbeispiel verweisen. Stellen Sie sich vor, Ferguson hätte für die USA 30 Millionen Todesfälle vorhergesagt, und mehrere hundert Millionen Todesopfer für die ganze Welt. Was hätte das damals wohl für Ängste ausgelöst? Genau das ist mein Argument: Je bedrohlicher ein Virus, desto überflüssiger sind Zwangsmassnahmen von Regierungen. Anders gesagt: Wem muss schon befohlen werden, vorsichtig zu sein, wenn unvorsichtiges Handeln mit grosser Wahrscheinlichkeit tödlich endet?

Doch lassen wir die Projektionen zu den Opferzahlen einmal beiseite. Die Lockdowns wurden im März 2020 auch damit gerechtfertigt, dass eine kurze Intervention die Kurve der Hospitalisierungen verflachen werde. In diesem Fall, so wird nun argumentiert, sei die Einschränkung persönlicher Freiheitsrechte angeblich sinnvoll, um Krankenhäuser vor einem massiven Zustrom an Patienten zu bewahren. Das, weil die Überlastung von Spitälern zu einer Katastrophe im Gesundheitswesen geführt hätte. Auch diese Argumentation erweist sich als Trugschluss, wenn man es genau bedenkt.

Wieder stellt sich hier die gleiche Grundsatzfrage: Wer muss wirklich dazu gezwungen werden, sein Verhalten zu ändern, wenn das sonst einen Aufenthalt im Krankenhaus zur Folge haben könnte? Oder noch besser: Wer muss dazu gezwungen werden, seine Verhaltensweise zu ändern, die zu einem Aufenthalt im Spital während einer Zeit führen könnte, in der Ärzte und Krankenhäuser derart stark überlastet sind, dass man als Patient möglicherweise nicht behandelt werden kann?

Überlebenswichtige Signale gehen verloren

Sie verstehen meinen grundsätzlichen Einwand: Mit den düsteren Projektionen, die im letzten Frühjahr im Zusammenhang mit dem drohenden Horror der Pandemie gemacht worden sind, lassen sich Lockdowns nicht rechtfertigen. Dafür kann man aber leicht erkennen, wie drakonisch und sinnlos die meisten dieser Interventionen waren.

Der gesunde Menschenverstand und unsere genetische Veranlagung zum Überleben legen nahe, dass die Angst vor einer Einlieferung ins Krankenhaus oder sogar vor dem Tod uns von selbst dazu veranlasst hätte, noch viel strengere Vorsichtsmassnahmen gegen eine Infektion mit dem Virus zu treffen, als das mit staatlich diktierten Verhaltensregeln möglich wäre. So waren Masken und Handreiniger in der Schweiz und in Deutschland bereits ausverkauft, als das Virus in der Politik zunächst noch heruntergespielt wurde.

Auf diese Ausführungen hin könnte man jetzt folgendes Gegenargument einwenden: «Nicht alle sind mit gesundem Menschenverstand ausgestattet. In der Realität gibt es viele dumme Leute, die unzureichend informiert sind und alle Warnungen ignoriert hätten. Lockdowns wären für die Klugen unter uns nicht nötig gewesen. Sie waren aber deshalb so wichtig, weil es eben viele dumme Leute gibt.»

Diese Behauptung ist in Tat und Wahrheit aber das beste Argument gegen Lockdowns. De facto kann man gar nicht entschieden genug betonen, dass «wenig informierte» Leute in Zeiten der Unsicherheit am wichtigsten sind. Gerade weil sie die Warnungen von Experten nicht kennen, missverstehen oder ablehnen, gehen aus ihrem Verhalten wertvolle Informationen hervor, die wir sonst nicht erhalten würden, wenn alle die Regeln strikt befolgen.

Indem sich weniger gut informierte Bürger anders verhalten als die vermeintlich Klugen unter uns, lassen sich daraus nämlich Schlussfolgerungen ziehen, durch welches Verhalten sich Erkrankungen und Todesfälle am besten verhindern lassen – und noch wichtiger: welches Verhalten demgegenüber zu Problemen führt.

Undifferenzierte Verordnungen von Politikern tragen daher wenig dazu bei, unsere Gesundheit zu schützen. Vielmehr machen sie uns für Massnahmen (oder deren Fehlen) blind, die uns am besten vor Erkrankungen bewahren (oder nicht). Unsere individuellen Freiheitsrechte sind deshalb eine wünschenswerte Errungenschaft, und sie liefern wichtige Informationen.

Wirtschaftswachstum ist die beste Medizin

«Aber halt», könnte man jetzt einwenden, «das ist doch elitäres Denken, wenn wir manche Leute für unser Eigenwohl wie Laborratten für solche Verhaltensexperimente einsetzen.» Dieses Argument erachte ich als naiv. Schliesslich sind Heroin und Kokain beispielsweise schon lange illegal, und dennoch werden beide Drogen nach wie vor missbraucht. Auch hier sage ich: zum guten Glück. Wie sollten wir denn wissen, was gut für uns ist oder nicht, wenn es keine Rebellen gäbe?

Doch nochmals zurück zum Einwand bezüglich elitären Denkens. Ich bin der Ansicht, dass die Lockdowns bei Weitem die brutalste Form von Elitismus waren. Sie implizierten im Prinzip, dass diejenigen von uns, welche die Unverschämtheit haben, im Gastgewerbe, in der Reiseindustrie oder in verwandten Dienstleistungsbranchen zu arbeiten, halt zwangsläufig ihren Job verlieren müssen.

Die Lockdowns haben Millionen von Arbeitsplätzen in diesen Sektoren zerstört sowie Millionen von Unternehmen beeinträchtigt oder vernichtet. Ganz zu schweigen von den Hunderten von Millionen Menschen weltweit, die Hunger, Armut oder beides erlitten, nur weil einige Politiker in wohlhabenden Ländern beschlossen hatten, sich temporär von der Realität zu verabschieden. Nur schon die Idee, die Wirtschaft zur Eindämmung eines Virus zu demolieren, wird als eine der dümmsten politischen Massnahmen in die Geschichte eingehen.

Ich sage das deshalb, weil eine florierende Wirtschaft eindeutig der grösste Widersacher ist, den Krankheit und Tod kennen. Umgekehrt ist Armut der gefährlichste Killer. Wenn die Konjunktur expandiert, werden die notwendigen Ressourcen produziert, damit Ärzte und Forscher Rezepte gegen die Ursachen finden können, die uns unnötig krank machen oder unsere Lebensdauer verkürzen.

Wer an dieser Kernaussage zweifelt, sollte sich die Lebensumstände im 19. Jahrhundert vergegenwärtigen. Ein gebrochener Oberschenkelknochen bedeute damals in einem von drei Fällen den Tod. Patienten, die das Glück hatten, den Bruch zu überleben, blieb nur eine Amputation übrig. Ein Kind, das zu dieser Zeit geboren wurde, hatte eine gleich grosse Chance, zu leben wie zu sterben. Eine gebrochene Hüfte glich einem Todesurteil, ebenso Krebs. Die meisten Leute starben jedoch nicht an einem Tumor, weil sie schon vorher einer Lungenentzündung oder Tuberkulose erlagen.

Was ist seither also passiert? Warum werden wir heute nicht mehr so leicht krank und leben viel länger als früher? Die Antwort ist Wirtschaftswachstum. Titanen der Industrie wie Johns Hopkins und John D. Rockefeller häuften enormen Wohlstand an und gaben einen bedeutenden Teil davon zur Finanzierung der medizinischen Forschung aus. Vieles, was uns früher umbrachte, haben wir inzwischen vergessen.

Individuelle Freiheitsrechte haben bewundernswerte Vorzüge, kreieren wichtige Informationen und Signale, die uns schützen. Doch obschon freie Bürgerinnen und Bürger die Ressourcen schaffen, tödliche Krankheitserreger zu bekämpfen, haben Politiker unsere Freiheitsrechte im vergangenen Jahr annulliert; aus dem Trugschluss, dass persönliches und ökonomisches Elend die beste Lösung im Kampf gegen das Coronavirus sei.

Über die unglaubliche Naivität der politischen Eliten im Jahr 2020 werden sich Historiker deshalb noch lange wundern.

John Tamny

John Tamny ist Vice President beim konservativ-libertären Think Tank FreedomWorks sowie Herausgeber des Wirtschafts- und Finanzmarktportals RealClearMarkets. Er hat im Lauf seiner Karriere zudem eine Reihe von Büchern verfasst. Sein neustes Werk ist soeben unter dem Titel «When Politicians Panicked: The New Coronavirus, Expert Opinion, and a Tragic Lapse of Reason» erschienen.
John Tamny ist Vice President beim konservativ-libertären Think Tank FreedomWorks sowie Herausgeber des Wirtschafts- und Finanzmarktportals RealClearMarkets. Er hat im Lauf seiner Karriere zudem eine Reihe von Büchern verfasst. Sein neustes Werk ist soeben unter dem Titel «When Politicians Panicked: The New Coronavirus, Expert Opinion, and a Tragic Lapse of Reason» erschienen.