Meinung

Schottlands «Brexit»

Wegen Brexit und Boris Johnson wird England seine letzten Kolonien verlieren. Statt Global Britain, steht ein Disunited Kingdom bevor.

Daniel Woker
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Brexit-Premier Johnson will beweisen, dass Grossbritannien unter seinem Motto Global Britain mehr ist als eine nostalgische Reminiszenz an längst vergangene Zeiten, als das Diktum Britannia rules the waves noch Tatsache war.

Insbesondere die Verteidigungsausgaben werden erhöht. Im Mittelpunkt steht in Fortführung britischer Tradition die massive Vergrösserung der Seestreitkräfte. Was in der Vergangenheit Lord Nelson’s Fregatten als Ausdruck von Power Projection waren, sind heute Flugzeugträger. Ein erster, die Queen Elizabeth, ist in Richtung Grossraum Asien-Pazifik unterwegs, ein zweiter, die Prince of Wales, wird gebaut.

Keine Special Relationship

Die Queen Elizabeth hatte bei ihrem Auslaufen aus Portsmouth allerdings eben so viele Flugzeuge der US-Navy auf dem Flugdeck, als solche der Royal Navy. Grossbritannien hat schlicht zu wenige Flugzeuge, um seine Verteidigung erneut global auszurichten.

Nun mag man eine solche amerikanisch-britische Zusammenarbeit unter dem Dach der Special Relationship der beiden traditionellen Verbündeten ansehen. Aber das greift zu kurz. Washington erklärt sich zu solch temporärer Unterstützung bereit, weil die Mission des Trägers ausdrücklich als Machtdemonstration gegen den wachsenden Einfluss Chinas in Asien etikettiert wurde.

Generell hält der irisch-stämmige Joe Biden wenig von einem speziellen Verhältnis zu Grossbritannien. Was er als Teil der Regierung von Obama vor der Brexitabstimmung auch klar gemacht hatte. Seit er Präsident ist, war seine einzige klare Aussage mit Bezug auf den Brexit eine ausdrückliche Warnung an Johnson, im Seilziehen mit der EU keinesfalls den Frieden auf der irischen Insel zu gefährden.

Man darf auch getrost davon ausgehen, dass Washington in strategischer Sicht ein geeintes Europa, inklusive der britischen Wirtschafts- und Verteidigungskraft, als kontinentales Gegengewicht zu China viel lieber gesehen hätte als den nationalistischen Sololauf von Johnson, neben David Cameron der Hauptverantwortliche für den autistischen Brexit der Mittelmacht.

Weder Mittel noch Raum

Nicht nur im Verteidigungshaushalt, sondern auch generell, fehlen Johnson die Mittel, um all seine grossspurigen Versprechen aus verschiedenen Wahlkämpfen einzuhalten. Dies gilt besonders für den Wiederaufbau des de-industrialisierten Nordens, wo er dank seines nationalistischen Sprücheklopfens auf Kosten der Sozialisten konservative Geländegewinne gemacht hat. Das kann sich bei anhaltendem Niedergang der Region aber rasch ins Gegenteil verkehren.

Johnson fehlt zudem der Raum, um als seriöser Global Player aufzutreten. Vom ehemaligen britischen Empire mit militärischen Stützpunkten rund um die Welt sind heute wenig mehr als kümmerliche Reste auf Zypern und Brunei (nepalesische Gurkha) sowie kleinere Hafenanlagen in Bahrain und Oman übrig. Ein Netzwerk von grösseren Stützpunkten ist aber auch heute noch für wirklich global ausgerichtete Mächte unverzichtbar – im Moment noch allein die USA, allerdings bald auch China.

Der Schrumpfprozess zeichnet sich ab

Mit der erneuten Mehrheit für eine Unabhängigkeit von Schottland im eben gewählten Regionalparlament in Edinburgh rückt die Ansetzung eines erneuten Referendums in unmittelbare Zukunft.

Regionalpräsidentin Nicola Sturgeon hat bereits bekräftigt, dass sie sobald die Pandemie überwunden sei, also allenfalls schon 2022, eine Entscheidung herbeiführen wolle, zunächst im eigenen Parlament. Ob Johnson einem solchen Votum wirklich ein zentralstaatliches Veto entgegensetzten kann – letztlich müsste das höchste Gericht entscheiden – und auch will, ist fraglich. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich London aus Teilen seines ehemaligen Weltreichs sehr rasch zurückzieht.

Wahrscheinlicher erscheint ein mittelfristiger Schrumpfprozess, mit dem allmählichen Austritt der letzten nicht-englischen Besitzungen des Vereinigten Königreichs: Schottland wird unabhängig, womit auch die Basis der britischen Nuklearmacht nach England umziehen muss. Nordirland wird im Zuge der Vereinigung mit der Republik Irland wieder Teil der EU; im keltischen Wales könnten sich angesichts einer solchen Entwicklung längerfristig ebenfalls sezessionistische Regungen durchsetzen.

London am kürzeren Hebel

Dem Austritt aus dem Königreich wird für Schottland und Nordirland, als Teil der Republik, eine Aufnahme in die EU folgen. Nicht ohne Schwierigkeiten, da verschiedene EU-Mitglieder wie etwa Spanien Sezessionen naturgemäss mit scheelen Augen sehen.

Mit einer schottischen und gesamtirischen EU-Mitgliedschaft wäre dann aber der weithin sichtbare Beweis erbracht, dass London geografisch, wirtschaftlich und auch weltpolitisch am kürzeren Hebel sitzt als Brüssel. Was Johnson alle, ausser nationalistisch verblendete Engländer, immer schon gesagt hatten.

Es würde darauf hinauslaufen, dass der glühende Churchill-Fan Boris, im Gegensatz zu seinem Vorbild, Grossbritannien nicht gerettet, sondern zerschlagen hat. Mit allen Konsequenzen für die englische Wirtschaft und vor allem den Finanzplatz London.

Daniel Woker

Daniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Frühere diplomatische Posten umfassten Paris (Ministre Conseiller), Stockholm (stv. Missionschef) sowie Wirtschaftsrat an der Uno-Mission in New York. Heute arbeitet er als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.
Daniel Woker ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Australien, Singapur und Kuwait. Davor war er erster Direktor des Genfer Zentrums für Sicherheitspolitik (GCSP), mit dem Titel eines Botschafters. Frühere diplomatische Posten umfassten Paris (Ministre Conseiller), Stockholm (stv. Missionschef) sowie Wirtschaftsrat an der Uno-Mission in New York. Heute arbeitet er als Spezialist für Geopolitik und Strategie, mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell die ASEAN und Australien, über die arabische Halbinsel und die Entwicklung der EU. Zusammen mit dem früheren Schweizer Diplomaten Philippe Welti hat Woker das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geopolitische Due Diligence spezialisiert.