Meinung

Schwarzer Schwan im Anflug

Die Zeichen mehren sich, dass sich die Börsenhausse dem Zenit nähert. Privatanleger spekulieren wild mit Optionen und glauben, dass sie mit Aktien kein Geld verlieren können. Gleichzeitig werfen Unternehmen immer mehr Titel auf den Markt. Ein sicheres Rezept für einen Crash.

Charles Biderman
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Immer, wenn ich vor der Finanzkrise der Jahre 2008/09 ein Referat vor Investoren hielt, begann ich meine Präsentation mit der gleichen Frage: Was haben die Aktienmärkte für eine Funktion? Eine Variation dieser Frage lautet: Was ist der Sinn und Zweck der Börse?

Die Antworten erfolgten in der Regel aus der Sicht des Investors: Meist war aus dem Publikum zu hören, dass man an der Börse Geld für den Ruhestand, für Studiengebühren oder ähnliche Ziele anlegt.

Nach einer Weile rückte ich dann mit meiner Lösung heraus: Die Börse ist dazu da, um naive Investoren fortwährend um ihr Geld zu erleichtern. Dabei ist die Versuchung gross, dass sie immer wieder mit neuem Geld in den Markt zurückkommen.

Das mag nun etwas klischeehaft tönen. Daten zeigen jedoch, dass mehr als 80% der Day Trader Geld an der Börse verlieren. Hyperaktive Händler hinken dem Gesamtmarkt zudem im Durchschnitt jährlich um 6,5% hinterher.

Gegenwärtig eilen die Börsen von Rekord zu Rekord. Warum? Ein von mir aufgestelltes Liquiditäts-Theorem besagt, dass die Kurse steigen, wenn mehr Geld nach einer abnehmenden oder konstanten Zahl von Aktien jagt.

Entscheidend ist diesbezüglich, dass die Aktienmärkte im Prinzip aus nichts anderem bestehen als aus Anteilen an Unternehmen sowie aus Geld, das bei den Handelskonten von Brokern, bei ETF und bei andern Fonds hinein- und herausfliesst.

Eine Hausse basiert demzufolge darauf, dass mehr Liquidität einer gleichbleibenden oder sinkenden Zahl Aktien gegenübersteht. Umgekehrt kommt es zu einer Baisse, wenn die Anzahl Aktien steigt und/oder die Liquidität abnimmt.

Dieses Jahr haben die Zentralbanken weltweit die Aktienmärkte gestützt, indem sie Billionen von Dollar, Euro und Yen gedruckt haben. Diese Liquiditätsflut hat die Preise von Aktien und Anleihen letztlich nach oben gedrückt.

Die Manie greift um sich

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Immer mehr Privatanleger mischen an der Börse mit. Viele von ihnen sind derzeit davon überzeugt, dass man mit Aktien kein Geld verlieren kann.

Hilfe erhalten sie dabei von Trading-Plattformen wie Robinhood, wo Bruchteile von Aktien und Optionen ohne Kommission gehandelt werden können.

Quelle: Bianco Research

Glaubt man, dass die Aktienkurse auf Dauer nie sinken können, dann erscheint es auch sinnvoll, sich zum Kauf von Call-Optionen zu verschulden. Wenn der Kurs von Tesla also zum Beispiel auf 100’000 $ steigen würde, dann kann mit einigen wenigen Aktienoptionen enorme Summen von Geld verdienen.

Aus diesem Grund ist der Handel mit kleineren Optionsbeständen auf ein Rekordvolumen explodiert.

Quelle: Bianco Research

Wie es scheint, steigen viele Privatanleger nun tatsächlich aus ETF und aus anderen Aktienfonds aus und wetten mit diesem Geld stattdessen auf individuelle Aktien und Optionen.

Der Bondinvestor Jim Bianco hat dazu unlängst bemerkt: «Der Transfer von Aktienfonds und ETF hin zur Spekulation mit einzelnen Aktien und Optionen setzt sich ohne Pause fort. Das Handelsvolumen mit Optionen ist in den letzten Wochen auf einen Rekord gestiegen. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass die Manie einen neuen Höhepunkt erreicht.»

Quelle: Bianco Research

Es erübrigt sich zu sagen, dass die Strategie, sein ganzes Geld auf Aktien zu setzen, einem konsequenten Vorgehen entspricht, wenn man glaubt, dass es an den Finanzmärkten keine Risiken gibt.

Falls Sie meinen Beitrag bis zu diesem Punkt gelesen haben, dann merken Sie wohl schon, was ich hier beschreibe: den Zenit einer Hausse. Alle grossen Wendepunkte auf dem Peak eines Booms ereignen sich, nachdem Investoren ihr ganzes verfügbares Geld in den Markt gesteckt haben.

Auf einem Peak passiert in der Regel noch etwas Anderes: Unternehmen beginnen, so viele neue Aktien wie möglich an die «Trottel» an der Börse zu verkaufen, bevor die Party vorbei ist. Genau das ist momentan der Fall: Unternehmen haben in den letzten Monaten mehr Aktien emittiert, als sie mit Rückkäufen aus dem Markt genommen haben.

Dieser Trend markiert eine signifikante Veränderung: Von 2011 bis 2019 haben Konzerne an den US-Börsen für rund 6 Bio. $ mehr Aktien zurückgekauft, als sie mit Publikumsöffnungen, Zweitemissionen und Insiderverkäufen auf den Markt geworfen haben.

Überraschend ist in dieser Hinsicht, dass Privatanleger über den gleichen Zeitraum hinweg netto kein zusätzliches Geld in die Börse investiert hatten. Der Abfluss an Liquidität aus konventionellen Aktienfonds entsprach etwa dem Zufluss in ETF auf US-Aktien.

Erinnern wir uns deshalb nochmals an mein Theorem: Durch die Aktienrückkäufe der Unternehmen sind 6 Bio. $ in den Markt geflossen, während Privatinvestoren unter dem Strich kein zusätzliches Geld in die Börse investiert haben.

Insgesamt ist damit mehr Geld weniger Aktien nachgejagt, sodass sich die Kapitalisierung des amerikanischen Aktienmarkts in dieser Zeit um insgesamt rund 30 Bio. $ erhöht hat.

Das Marktumfeld hat sich geändert

Heute drängen Unternehmen demgegenüber dazu, neue Aktien ans Publikum zu verkaufen. Ein weiteres Zeichen, dass sich ein Markt auf dem Top befindet, ist die Bereitschaft von Investoren, in sogenannte «Blind Pools» zu investieren.

Solche Investmentvehikel mit wenig Transparenz und Aufsichtspflicht erachteten naive Anleger schon in den wilden Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts als bequemen und schnellen Weg, in die Börse zu investieren.

Ein Jahrhundert später dürften 2020 rund 100 Blindpools unter der Bezeichnung Special Acquisition Companies (SPAC) insgesamt bis zu 100 Mrd. $ von leichtgläubigen Investoren aufgesogen haben.

Fassen wir also zusammen: Nachdem Privatanleger ein Jahrzehnt lang so gut wie kein Geld in Aktien investiert haben, reissen sie sich jetzt geradezu darum, Aktien oder Optionen zu kaufen, weil sie glauben, nicht verlieren zu können.

Ich wiederhole deshalb meine Aussage vom Anfang dieses Beitrags: Die Börse ist dahingehend konzipiert, naiven Anlegern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Der US-Branchenverband Securities Industry Association hingegen behauptet, dass der Aktienmarkt darauf ausgerichtet ist, «Geld für Unternehmen und wirtschaftliches Wachstum aufzunehmen».

Heute wetteifern Unternehmen förmlich darum, so viele Aktien zu veräussern, bis das Publikum sagt: Genug damit! Die einzige Frage ist, wann dieser Zeitpunkt kommt.

Drucken die Zentralbanken weiterhin ungebremst Geld, kann dieses Spiel noch Monate so weitergehen. Meiner Meinung nach wird sich jedoch bald ein Schwarzer Schwan zeigen. Ein Ereignis also, das niemand für möglich gehalten hätte und das an den Börsen einen Crash auslöst.

Zugestanden: Ich habe keine Ahnung, wie dieser Schwarze Schwan aussehen könnte. Möglicherweise ist es Inflation, ein Kollaps des Dollars oder eine andere wirtschaftliche Katastrophe, die durch die Folgen der Pandemie verursacht wird. Wer kann das schon sagen? Worin ich mir aber sicher bin, ist, dass ein Schwarzer Schwan kommen wird.

Wie ich schon in meinem letzten Gastbeitrag geschrieben habe, gebe ich jedem Investor den gleichen Ratschlag: Verkaufen Sie die Hälfte Ihres Bestandes und hoffen Sie darauf, dass ich mich mit meiner Vorhersage täusche.

Charles Biderman

Charles Biderman ist der Gründer von TrimTabs Investment Research, einem 1994 lancierten Datenservice, der Angebot und Nachfrage an der Börse nach Liquiditätsflüssen analysiert. Auf Basis dieser Daten legte er 2011 einen Exchange Traded Fund auf. Die aktuelle Version ist als TrimTabs Free Cash Flow ETF unter dem Ticker TTAC in den USA gelistet. Biderman hat seine Firma inzwischen verkauft, wird aber weiterhin regelmässig in US-Finanzmedien wie «CNBC» oder «Bloomberg TV» interviewt. Seine Karriere begann er beim Anlegermagazin «Barron's». Charles Biderman lebt heute in Hawaii, wo er das idyllische Ferienresort Hawi Plantation House betreibt. Seine Einschätzungen zu aktuellen Entwicklungen in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten teilt er auf seinem Blog charlesbidermannews.com, wo er ebenfalls Kurse und Beratungen für den Umgang mit Geld anbietet.
Charles Biderman ist der Gründer von TrimTabs Investment Research, einem 1994 lancierten Datenservice, der Angebot und Nachfrage an der Börse nach Liquiditätsflüssen analysiert. Auf Basis dieser Daten legte er 2011 einen Exchange Traded Fund auf. Die aktuelle Version ist als TrimTabs Free Cash Flow ETF unter dem Ticker TTAC in den USA gelistet. Biderman hat seine Firma inzwischen verkauft, wird aber weiterhin regelmässig in US-Finanzmedien wie «CNBC» oder «Bloomberg TV» interviewt. Seine Karriere begann er beim Anlegermagazin «Barron's». Charles Biderman lebt heute in Hawaii, wo er das idyllische Ferienresort Hawi Plantation House betreibt. Seine Einschätzungen zu aktuellen Entwicklungen in der Wirtschaft und an den Finanzmärkten teilt er auf seinem Blog charlesbidermannews.com, wo er ebenfalls Kurse und Beratungen für den Umgang mit Geld anbietet.