Meinung

Schweizer Anbieter von Krypto-Plattformen in aussichtsreicher Position

Dezentrale Plattformen sind für Crypto Finance, was früher die ersten Hedge-Fonds für die traditionellen Banken waren. Schweizer Vermögensverwalter wollen sich als regulierte Alternative bei der Vergabe von Krediten und Verpfändungen von Kryptowährungen etablieren. Eine Übersicht.

Myret Zaki
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In den letzten zwei Jahren, unmittelbar nach dem Wahnsinn mit den Initial Coin Offerings, haben Investoren eine weitere Modeerscheinung jenseits des reinen Handels und des Haltens von Kryptowährungen gefunden. Das neuste Spiel in der Kryptowelt bestand darin, Erträge oder ein passives Einkommen durch den Verleih von Coins sowie Market Making zu erzielen.

Bei dem, was wir heute Decentralized Finance (DeFi) nennen, ging es hauptsächlich darum, digitale Währungen an spekulativen Handelsplattformen auszuleihen, um darauf Zinserträge zu erzielen. Neben dem einfachen Spot- und Margin-Handel mit Coins mit manchmal extremer Hebelwirkung stand dabei bei einigen DeFi-Lending-Apps die Akkumulation von Renditen, das sogenannte Yield Harvesting, im Mittelpunkt.

Die Menge an Blockchain-Apps, mit denen Inhaber von Krypto-Vermögenswerten Renditen erzielen können, hat exponentiell zugenommen. Im August und September zeigte sich, wie gefährlich der Hype geworden war, als mit Shushi und Yam zwei der beliebtesten DeFi-Plattformen zusammenbrachen.

«Wir befinden uns immer noch im frühen Stadium einer DeFi-Blase», sagt Chris Thomas, Leiter des Bereichs Digital Assets bei der Swissquote Bank. «Die DeFi-Blase wird sich in den nächsten Monaten wieder aufblähen und schliesslich platzen», fügt er hinzu. «Einige Projekte durchschnittlicher Qualität haben zu viel Geld erhalten, aber die besten Projekte dürften am Ende überleben.»

Um was geht es dabei genau?

Zinserstrag durch Ausleihe von Coins

Für Besitzer von Kryptowährungen geht es darum, ihre Coins für sich arbeiten zu lassen. Mit diesen dezentralisierten Protokollen, die alle auf Ethereum basieren, kann nun jeder mit seinen Coins ein passives Einkommen erzielen. In den letzten Monaten konnten wir beobachten, wie die Kreditvergabe und das Market Making mit Protokollen wie Uniswap (dem derzeitigen Marktführer), Aave, MakerDao oder Compound.finance in Schwung kamen.

Diese Plattformen ermöglichen es den Benutzern, Zinsen zu verdienen oder Vermögenswerte gegen Sicherheiten zu leihen. Liquiditätsanbieter können mit kontinuierlich steigenden Zinsen belohnt werden. Wer seine Coins bloss hält und aufbewahrt, verdient darauf per se keine Zinsen. Über die DeFi-Börsen können die Einlagen jedoch gegen Zinsen an andere Händler ausgeliehen werden. Der Zinssatz kann für Bitcoin zwischen 1% und 30% pro Jahr liegen, je nachdem, ob der Inhaber der Wallet sein Konto auf derselben Plattform auch aktiv für den Margin-Handel nutzt.

Die Renditen der Einsätze – beziehungsweise die Zinsen, die bei Kryptowährungen auf der Basis von Proof-of-Stake erwirtschaftet werden – können auf einigen Einsatzplattformen je nach den eingesetzten Münzen bis zu 100% betragen.

Signifikant gestiegene Volumen

Gemäss der Website DeFiPulse.com stieg der Gesamtwert, der auf dem DeFi-Markt gebunden ist, in nur zwei Monaten, von Juni bis August, von 1 auf 10 Mrd. $, bevor er im September wieder leicht auf 8 Mrd. $ sank. Parallel dazu stiegen auch der Spot-Handel und der Margin-Handel aufgrund der erhöhten Liquidität sprunghaft an.

Wahrscheinlich begünstigt durch die allgemeine Verlangsamung im Zusammenhang mit Covid-19 wurden gemäss einem Bericht von Apptopia allein im Juli 2020 über 3,5 Mio. Crypto Wallet Apps heruntergeladen. Die Zahl der aktiven Benutzer stieg zwischen dem 1. Januar und dem 19. August dieses Jahres um 110%.

Während der Spot-Handel nur dann Gewinne verspricht, wenn der Kurs der gekauften Kryptowährungen steigt, hat sich der Margin-Handel im Gleichschritt mit den zinsbringenden Aktivitäten entwickelt, da er es ermöglicht, auch in einem rückläufigen Markt Gewinne durch Leerverkäufe von Coins zu erzielen.

Ein weiteres wichtiges Merkmal von DeFi ist die Hebelwirkung, d.h. die Fähigkeit des Händlers, auf Kredit zu handeln und seinen Einsatz zu vervielfachen. «Leverage erhöht die Gewinne, besonders in Phasen hoher Volatilität, vergrössert aber natülich in der Abwärtsbewegung auch die Verluste», sagt Chris Thomas von Swissquote. Der Veteran in Sachen Kryptomärkte schätzt, dass die Hebelwirkung an einigen Börsen typischerweise das 30- bis 40-Fache erreicht, während 10% des Handels sogar mit 100-facher Hebelwirkung erfolgt.

Kein Identitätsbeweis: Einladung für Geldwäsche

Die meisten DeFi-Plattformen werben mit niedrigen Kosten und hoher Sicherheit – aber gegenüber diesen Versprechen ist grosse Skepsis angebracht. Das Risiko von Hacking ist permanent, wie der Fall des Yam-Protokolls zeigt. Der Fall Shushi zeigte zudem das Risiko eines potenziell betrügerischen Kontrolltransfers.

Ein weiteres Problem bei DeFi-Plattformen ist das Fehlen von «Know your Customer»-Anforderungen (KYC); einige Anbieter preisen dies sogar explizit weit oben auf der Liste ihrer Nutzervorteile an. Registrierungen werden einzig per E-Mail-Verifizierung vorgenommen. Es ist kein Identitätsbeweis und kein Bankkonto erforderlich, was das Risiko eines hohen Anteils an Geldwäsche erhöht. «Handelsbeginn innerhalb weniger Minuten», lautet das typische Versprechen.

«Sie müssen mehrmals an Demos trainieren, um sicherzustellen, dass Sie wirklich wissen, wie man die Plattform benutzt, und um zu vermeiden, dass Sie Ihre Münzen an eine falsche Adresse transferieren. Denn es gibt keine Kundenbetreuung: Wenn Sie Ihre Münzen an die falsche Adresse schicken, sind sie verloren», sagt Chris Thomas.

Die heutige DeFi-Landschaft ist also primär ein Angebot für spekulativen Handel am Schnittpunkt von Wildwest-Schattenbanking und Computercodierung für Nerds. Die Tatsache, dass der Markt unreguliert ist und es keine Kundendienst-Callcenter gibt, zeigt, dass er nicht für jeden geeignet ist.

Schweizer Anbieter als regulierte Alternative

Swissquote und andere Schweizer Akteure wie Bitcoin Suisse, Sygnum Bank und SEBA entwickeln sich zu regulierten Alternativen zu den wilden DeFi-Plattformen.

Bitcoin Suisse ist zwar keine Bank, kombiniert aber ein regelkonformes Onboarding mit Fachkenntnissen im Staking, unterstützt durch Supportdienstleistungen für Kunden. SEBA und Sygnum bieten kein Yield Farming an, sondern vergeben «normale» Kredite an ihre Kunden, um ihnen zu helfen, ihre Liquidität gegen Krypto-Assets wie Bitcoin, Ethereum und XRP zu erhöhen.

Swissquote, in der Hoffnung, dass ihre Infrastruktur erste Wahl für institutionelle Anleger wie Privatbanken, Hedge-Fonds, Krypto-Fonds oder Family Offices wird, bietet die Kreditvergabe und das Staking von Bitcoin und anderen Kryptowährungen an. Investoren können mit ihrer Kreditvergabe zwischen 3,5% und 8% Rendite pro Jahr erzielen.

Sygnum hat in ähnlicher Weise seine eigene sichere Infrastruktur aufgebaut. Damit sehen wir, dass sich sichere, aber zentralisierte Alternativen zu Binance, Kraken oder Hitbtc herausbilden.

Diese genannten Vermögensverwalter bieten eine benutzerfreundliche Umgebung an, während nicht regulierte DeFi-Börsen alles andere als benutzerfreundlich sind. Die wichtigsten Verkaufsargumente für die Schweizer Anbieter sind Risikoaversion, Reputation und Sauberkeit. «Die Richtlinien der Finma gehören zu den strengsten der Welt, und Swissquote setzt diese robusten AML/CTF-Prozesse um», sagt Chris Thomas.

Die Schweizer Anbieter sind auch bei den Preisen konkurrenzfähig: Ihre Gebühren richten sich nach dem Volumen, d.h. je grösser die Transaktionen, desto niedriger die Gebühren. Natürlich sind Compliance und Intermediation mit zusätzlichen Kosten verbunden, die unregulierte Plattformen nicht tragen müssen. Hohe Investitionen in die Cybersicherheit sind auch für zentralisierte Online-Vermittlungsplattformen erforderlich.

«Es ist teuer, Kunden an Bord zu holen. Wir sind zu Beginn der Kundenbeziehung teurer, weil unser Standard höher ist als bei Krypto-Börsen», sagt Chris Thomas. «Aber die billigeren unregulierten Börsen kosten am Ende mehr, wenn man zahlreiche Transfers von einer Börse zur anderen ausführen muss. Am Ende kann es billiger sein, innerhalb eines Ökosystems zu bleiben.»

Alles in allem investieren die Schweizer Akteure in den Schutz ihrer Marke, indem sie dafür sorgen, dass jeder einzelne Kunde sauber ist. «Wir sind auch bereit, auf Einnahmen zu verzichten, wenn wir uns bei einem Kunden nicht ganz sicher sind. Es ist eine Risiko-Ertrags-Abwägung», sagt Chris Thomas.

In ähnlicher Weise wird Swissquote vorerst keine eigenen Hebelprodukte anbieten. Einige Produkte, die über ihre Plattform verkauft werden, bieten zwar Leverage (etwa gewisse ETF von 21Shares, Vontobel oder Leonteq), nicht aber der eigene Vermögensverwaltungsdienst für Krypto-Assets. «Stellen Sie sich vor, wie die Preise aggressiv gehebelter Produkte während einer Marktliquidation einbrechen. Wenn sich das Marktumfeld eintrübt, gibt jeder das Risiko wie eine heisse Kartoffel weiter.»

Grundsätzlich ist Chris Thomas aber überzeugt, dass die Preisermittlung an den Märkten für Krypto-Assets gut funktioniert: «Zumindest in dieser Hinsicht sind Krypto-Märkte weniger manipuliert als traditionelle Finanzmärkte», sagt er.

Insgesamt kann gesagt werden, dass sich die wilden DeFi- und die regulierten Plattformen kaum überschneiden. Ihre Kunden befinden sich quasi auf verschiedenen Planeten. Um wirklich das Beste aus DeFi herauszuholen, muss man eine Mischung aus Abenteurern, erfahrenen Händlern und Computerprogrammierern sein. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass grosse, seriöse Investoren nach einer anderen Art von Dienstleistung suchen. Und bei diesen Dienstleistungen können sich die Schweizer Anbieter sehen lassen.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.