Meinung

Soll der Welthandel zurück ins 18. Jahrhundert?

Internationale Kooperation und Freihandel haben massgeblich zur Bewältigung der Coronakrise beigetragen. Die wirtschaftliche Erholung sollte nicht leichtfertig durch zu starkes Gegensteuern aufs Spiel gesetzt werden.

Nicolas Zahn
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Die Pandemie lässt weltweit Zweifel aufkommen an komplexen Lieferketten und an der Globalisierung. Doch mittelfristig dürfte sich eher die Renaissance alter Handelspolitik aus dem 18. Jahrhundert als potenter Gegner einer globalisierten Weltwirtschaft erweisen.

Mit der Verbreitung von Sars-CoV-2 und der starken Betroffenheit von eng mit dem internationalen Handel verknüpften Regionen wie der Lombardei dauerte es nicht lange, bis auch der Globalisierung eine Mitschuld an der Pandemie attestiert wurde.

Die verschiedenen Massnahmen nationaler Regierungen mit entsprechenden Konsequenzen für den freien Verkehr von Waren und Personen führten zudem dem letzten Politiker und CEO vor Augen, wie fragil die hochkomplexen Lieferketten und das Mass an Auslagerung geworden sind, das die Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte erst möglich gemacht hat.

Die Kehrseite der globalisierten Wirtschaft

Doch auch wenn das Virus mit unserer Verletzlichkeit auch die Kehrseite einer eng verknüpften globalisierten Wirtschaft aufgezeigt hat, so stellt es diese nicht grundsätzlich in Frage. Die erkannten Schwächen, wie zu kleine Lager oder Klumpenrisiken durch wenig diversifizierte Lieferanten, können behoben werden. Es besteht jedoch weiterhin der alte Trade-off zwischen Resilienz und Effizienz.

Wie sich nun zeigt, lag in der Vergangenheit der Fokus auf der Effizienz. Keine unnötigen Lagerkosten anhäufen, Just-in-time-Produktion und Auslagerung waren die Devisen. Das dürfte sich nun ändern, allerdings nur so lange, bis Investoren höheren Ausgaben für Resilienz wieder kritischer gegenüberstehen. An der Grundidee, von freiem Handel und Personenverkehr zu profitieren, ändert sich aber hierdurch nichts.

Alte Geister werden geweckt

Hat die Coronakrise also keine anhaltenden Auswirkungen auf die Globalisierung? Das wäre zu optimistisch gedacht. Denn im Schatten der Coronakrise erwachen alte Geister zu neuem Leben.

Interessensgruppen und Politiker, denen die Globalisierung schon immer ein Dorn im Auge war – sei es weil sie an die Überlegenheit der eigenen nationalen Volkswirtschaft glauben oder ihnen «der Neoliberalismus» ungeheuer ist – sehen nun ihre Stunde gekommen, der Globalisierung einen Riegel zu schieben oder ihr zumindest Steine in den Weg zu legen.

Auf beiden Seiten des politischen Spektrums blüht der Neo-Merkantilismus und die Illusion der Selbstsuffizienz. Alles soll im eigenen Land hergestellt werden – am besten von «eigenen» Arbeitskräften – und alles muss gebunkert werden. So legitim eine Diskussion um Lagerung und strategische Produktions- und Lieferkapazitäten ist, so schmal ist der Grat zwischen vernünftiger Politik und unnötiger Einschränkung des freien Handels.

Inkohärente Strategien

Der konjunkturelle Rückgang erhöht den Druck auf die Politik und erleichtert es gut organisierten Interessengruppen zusätzlich Einfluss zu nehmen und beispielsweise Zölle wiedereinzuführen oder Ausschreibungsrecht anzupassen, von direkten Unterstützungsmassnahmen wie staatlich gesicherten Kreditlinien ganz zu schweigen. Wer möchte schon als Politiker für die globale Wirtschaft einstehen, wenn im eigenen Land steigende Arbeitslosenzahlen drohen?

Die Vereinigten Staaten unter Präsident Trump verfolgen eine weiterhin inkohärente Strategie mit «America First»-Parolen und gross inszenierten Handelsdeals bei gleichzeitiger Unterminierung globaler Institutionen. China nutzt Möglichkeiten, die globale Wirtschaftsordnung noch stärker nach den eigenen Vorstellungen zu formen und die «alte» Globalisierung möglichst rasch wieder zu erreichen. Auch in Europa sieht es nicht besser aus.

Grossbritannien ist weiterhin mit dem Brexit beschäftigt und versucht ausländische Arbeitskräfte wieder anzuziehen, in Frankreich feiert der Traum nationaler Champions – der nie so ganz weg war – ein Comeback und Deutschland spricht Milliarden für etablierte Industriezweige statt Wettbewerb zu forcieren.

Der Versuchung nicht erliegen

Es könnte also durchaus sein, dass die Globalisierung nach Corona eine andere ist: mit weniger Austausch, weniger Kooperation und undurchlässigeren Grenzen. Doch das wäre nicht die Schuld des Virus, sondern die Konsequenz alter Ideen aus der Mottenkiste.

Bevor weitere Politiker dieser Versuchung erliegen, sollten sie jedoch daran denken, dass gerade internationale Kooperation und Freihandel massgeblich zur Bewältigung der Krise beigetragen haben. Die wirtschaftliche Erholung sollten sie deshalb nicht leichtfertig durch zu starkes Gegensteuern aufs Spiel setzen.

Nicolas Zahn

Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium derInternationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.
Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium der
Internationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.