Die Meinung

Weshalb steigende Ungleichheit die Wirtschaft schwächt

Gelänge es, die Ungleichheit der Einkommen zu verringern, würde die Wirtschaft mit weniger Schulden solider und gesünder wachsen. Das wäre, wie es ein weiser Mann schon 1933 versprach, auch für die Reichen von Vorteil. 

Michael Pettis

Die Einkommensungleichheit ist in den USA und in vielen, wenn nicht gar den meisten grossen Volkswirtschaften der Welt ausserordentlich hoch. Doch diese Werte sind historisch betrachtet nicht einzigartig. Sie sind bereits mehrmals in der amerikanischen Geschichte aufgetreten, am bekanntesten in den 1920er-Jahren, aber auch diverse Male im 19. Jahrhundert.

Michael Pettis

Michael Pettis ist Professor für Finanztheorie an der Guanghua School of Management an der Peking University. Der gebürtige Amerikaner lebt seit 2002 in Chinas Hauptstadt. Zuvor hatte er knapp zehn Jahre an der Columbia University in New York gelehrt. Vor seinem Eintritt in die akademische Welt war Pettis Banker; er arbeitete für Bear Stearns und Credit Suisse First Boston als Spezialist für Emerging Markets. Er beriet die Regierungen Mexikos, Südkoreas und Mazedoniens in der Restrukturierung ihres Bankensystems. Er schreibt eine regelmässige Kolumne für das Carnegie Endowment for International Peace und ist Autor mehrerer Bücher. Er lebt unweit der Verbotenen Stadt in Peking.
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Diese Perioden weisen eine wichtige Parallele zur Gegenwart auf: Die Wirtschaft wuchs damals – genau wie heute – nur, wenn auch die Verschuldung im Land sehr schnell zunahm.

Das ist kein Zufall. Die Hauptauswirkung der Einkommensungleichheit auf das Wachstum in jeder Volkswirtschaft besteht darin, die Sparquote zu erhöhen. Der Grund dafür ist einfach: Menschen in den unteren Schichten geben in der Regel den grössten Teil ihres Einkommens für den Konsum aus. Sie können nicht sparen. Die Reichsten hingegen können gar nicht ihr gesamtes Einkommen konsumieren, daher sparen sie mehr. Steigen also die Einkommen der obersten Schichten und steigt die Ungleichheit, steigt auch die Sparquote in der Volkswirtschaft.

Dieser Spareffekt kann positiv oder negativ für das Wachstum der Wirtschaft sein: Die Schlüsselbedingung liegt in der Frage, was die Investitionstätigkeit im Land limitiert. Sind es die niedrigen Ersparnisse und damit die hohen Kapitalkosten, oder wird die Investitionstätigkeit durch die schwache Nachfrage begrenzt?

Die Hoffnung auf den «Trickle-Down»-Effekt

Wenn Ersteres der Fall ist – niedrige Ersparnisse und hohe Kapitalkosten –, dann bringt eine Erhöhung der Sparquote Impulse für das Wachstum. Die höheren Ersparnisse senken die Kapitalkosten, was den Unternehmen die Möglichkeit bietet, durch Investitionen Produktivitätsgewinne zu erzielen.

In diesem Umfeld ist eine höhere Einkommensungleichheit nicht unbedingt problematisch. Wenn die erhöhte Sparquote von den Unternehmen genutzt werden kann, um Investitionen anzukurbeln, dann wächst die Wirtschaft schneller. Der dadurch geschaffene Wohlstand «rieselt» schliesslich auf die ärmsten Mitglieder der Gesellschaft hinunter. Im Englischen spricht man vom «Trickle-Down»-Effekt.

Dieser Zustand galt für einen Grossteil der amerikanischen Geschichte, als die Ersparnisse unzureichend waren und die Investitionen hauptsächlich durch die hohen Kapitalkosten eingeschränkt wurden.

Dies gilt jedoch nicht für Volkswirtschaften, in denen die Investitionen nicht durch den Mangel an Ersparnissen, sondern vor allem durch die schwache Nachfrage eingeschränkt sind. In diesem Fall führt eine höhere Einkommensungleichheit zwar ebenfalls zu einer höheren Sparquote, aber für diese Spargelder besteht keine Nachfrage von der Investitionsseite. Der Effekt ist einzig, dass durch die erhöhte Sparquote der Konsum in der Wirtschaft sinkt, was das Wachstum unterdrückt.

Ohne Konsum keine Investitionen

In diesem Zustand befanden sich die USA in den letzten Jahrzehnten: Die schwache Inlandsnachfrage hat das Wachstum behindert, und als Folge davon haben die Unternehmen weniger investiert. Ohne die Konsumsteigerung, die durch das Wachstum der Einkommen der einfachen Haushalte getrieben wird, sehen die Unternehmen wenig Grund zu investieren.

Ausserdem kann die Einkommensungleichheit unter diesen Bedingungen die Gesamtersparnis in der Volkswirtschaft nicht erhöhen, auch wenn sie die Ersparnisse der Reichen erhöht. Der Grund dafür ist, dass ihre Auswirkungen auf die Gesamtersparnis in einer geschlossenen Volkswirtschaft durch die Anforderung bestimmt werden, dass die Ersparnisse per Definition den Investitionen entsprechen müssen.

Die USA sind natürlich keine geschlossene Wirtschaft, aber als Empfängerin von fast der Hälfte der weltweiten Überschussersparnisse ist diese Bedingung noch strenger: Weil die USA ein Leistungsbilanzdefizit erwirtschaften, muss per Definition Kapital aus dem Ausland ins Land strömen. Und das wiederum bedeutet, dass in den USA die inländischen Ersparnisse um den Betrag ihres Leistungsbilanzdefizits niedriger sein müssen als die Investitionen.

Angesichts der schwachen globalen Nachfrage und der Tatsache, dass viele reiche Länder und einige Entwicklungsländer nicht in der Lage sind, ihre Ersparnisse produktiv zu nutzen, exportieren sie ihren Ersparnis-Überschuss in Länder wie die USA und das Vereinigte Königreich, deren liquide und flexible Finanzmärkte sie zum besten Ort machen, um Ersparnisse zu akkumulieren.

Deshalb müssen in den USA die Investitionen per Definition die Ersparnisse übersteigen, wobei die Grösse der Lücke zwischen den beiden durch den Leistungsbilanzsaldo bestimmt wird. Mit anderen Worten: Die USA sind gezwungen, die Tendenz, dass die Ersparnisse der Reichen als Folge der Einkommensungleichheit schnell wachsen, mit der Tendenz der nur langsam wachsenden Investitionen in Einklang zu bringen. Aber weil die gesamten Ersparnisse in der Volkswirtschaft nicht schneller steigen können als die gesamten Investitionen, muss etwas passieren, um die Ersparnisse an anderer Stelle in der Wirtschaft zu reduzieren.

Es gibt im Wesentlichen zwei Möglichkeiten, wie sich die Wirtschaft anpassen kann, um den höheren Ersparnissen der Reichen zu begegnen. Eine Möglichkeit besteht im Anstieg der Arbeitslosigkeit, und die andere darin, mehr Haushalts- oder Staatsschulden zu fördern. Beide Effekte reduzieren die gesamten Ersparnisse in der Volkswirtschaft.

Im ersten Fall kann der durch die zunehmende Einkommensungleichheit verursachte Abwärtsdruck auf den Konsum zur Schliessung von Fabriken und Unternehmen führen, wobei die damit verbundene, steigende Arbeitslosigkeit zu einem Rückgang der Gesamtersparnis führt.

Um der steigenden Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken, kann entweder die Notenbank die Zinsen senken oder Washington das Haushaltsdefizit ausweiten, so dass die Ersparnisse reduziert werden, entweder durch steigende Haushaltsverschuldung oder durch steigende Staatsverschuldung.

Die Weisheit von Marriner Eccles

Wir sind nicht die Ersten, die den Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und Verschuldung entdeckt haben. In den 1930er-Jahren machte der brillante Gouverneur des Fed, Marriner Eccles, in seinen Memoiren denselben Punkt: «Indem die Sparer den Konsumenten die Kaufkraft entzogen, verweigerten sie sich selbst die Art der effektiven Nachfrage nach ihren Produkten, die eine Reinvestition ihres Kapitals rechtfertigen würde (…) Das ist es, was uns in den Zwanzigerjahren passiert ist. Wir haben in diesem Zeitraum mit Hilfe einer aussergewöhnlichen Ausweitung der Verschuldung ein hohes Beschäftigungsniveau gehalten. Diese Verschuldung wurde durch das starke Wachstum der Ersparnisse von Unternehmen und Privatpersonen verursacht, insbesondere in den oberen Einkommensgruppen, die von niedrigen Steuern profitiert haben.»

In einer Wirtschaft, in der die Investitionen nicht durch Kapitalknappheit, sondern durch ein Nachfragedefizit eingeschränkt sind, muss also eine steigende Einkommensungleichheit durch steigende Arbeitslosigkeit oder, wahrscheinlicher, durch steigende Schulden ausgeglichen werden.

In den Zwanzigerjahren trieben die Erfindung neuer Formen von Konsumentenkrediten und eine zu lockere Geldpolitik die Wirtschaft voran, bis die Gesamtverschuldung nicht mehr schnell genug wachsen konnte, um das durch die extreme Vermögenskonzentration ausgelöste Sparwachstum zu unterdrücken. Als dies geschah, drei Jahre nach dem Börsencrash von 1929, ersetzte die markant steigende Arbeitslosigkeit die steigende Verschuldung als Gegenpol zu den hohen Ersparnissen der Reichen – genau so, wie es Eccles erklärte.

Die Torheit der Reichen

Wir stehen heute in der gleichen Situation. In einer Wirtschaft, in der es für Unternehmen einfach ist, Geld zu beschaffen, aber schwer zu rechtfertigen ist, dieses Geld zu investieren, muss die Einkommensungleichheit entweder zu mehr Arbeitslosigkeit oder zu mehr Schulden führen. Die negativen Auswirkungen der Einkommensungleichheit auf den Konsum werden nicht durch höhere Investitionen ausgeglichen.

Es ist zwingend: Entweder steigt die Verschuldung, oder die Arbeitslosigkeit. Nur so können die Auswirkungen der Einkommensungleichheit auf die Ersparnisse ausgeglichen werden.

Wie Marriner Eccles 1933 vor dem Kongress erklärte: «Es ist unmöglich, dass die Reichen so viel sparen können, wie sie zu sparen versucht haben. Sie können ungenutzte Fabriken und nutzlose Eisenbahnwaggons sparen; sie können leere Bürogebäude und geschlossene Banken sparen; sie können Papierbelege von Auslandskrediten sparen; aber als Klasse können sie nichts sparen, was es wert ist, gespart zu werden, über den Betrag hinaus, der durch die Zunahme von Konsumentenkäufen profitabel gemacht wird. Es liegt im Interesse der Wohlhabenden – um sie vor den Folgen ihrer eigenen Torheit zu schützen –, dass wir ihnen einen ausreichenden Teil ihres Spar-Überschusses abnehmen, damit die Verbraucher konsumieren und die Unternehmen mit Gewinn arbeiten können. Das ist kein Schröpfen der Reichen, sondern die Rettung der Reichen.»

Die gleiche Erkenntnis gilt auch heute. Hohe Einkommens- und Vermögenskonzentrationen führen zu negativen sozialen und politischen Folgen – aber sie werden meist mit der Begründung gerechtfertigt, dass die Einkommensungleichheit durch die Steigerung der Ersparnisse zu höheren Investitionen führt. Das wiederum soll zu Wirtschaftswachstum und zu einem «Trickle-Down»-Effekt führen.

Der Punkt ist jedoch, dass dies nur unter Bedingungen funktioniert, die nicht mehr gelten. Heute, da es die schwache Nachfrage und nicht die hohen Kapitalkosten sind, die die Investitionen der Unternehmen einschränken, verringert die steigende Einkommensungleichheit tatsächlich die Investitionen. Das schwächt die Wirtschaft.

Gelänge es, die Ungleichheit zu verringern, würde die US-Wirtschaft mit weniger Schulden solider und gesünder wachsen. Und, wie Marriner Eccles es vor bald 90 Jahren versprach, wäre das am Ende auch für die Reichen von Vorteil.