Die Meinung

Strohfeuer oder Trendwende im Industriesektor?

Viele der grossen Verlierer der letzten zwölf Monate im Industriesektor zeigten zuletzt eine Erholungsbewegung. Schafft es der Sektor, aus dem Performance-Mittelfeld auszubrechen? 

Alfons Cortés

In den letzten rund zwei Wochen sind einige Industrieaktien positiv aufgefallen. Die Frage, die sich nun stellt, geht aus dem Titel dieses Beitrages hervor. Ein alter Börsenspruch lautet «Hin und her macht Taschen leer». Dem Gründer der Rothschild-Dynastie wird die Feststellung in den Mund gelegt, «if you are not prepared to change your mind, your mind is not prepared for this business».

Alfons Cortés

Alfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt.
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Zwischen diesen Leitplanken gilt es, an der Börse zu navigieren. Dabei kommt die Antwort zum Zug, die John Maynard Keynes einem Kritiker gab, der monierte, er habe seine Meinung geändert: «When the facts change, I change my mind. What do you do, Sir?». Allerdings ist es an der Börse schwierig, die Fakten wirklich zu kennen. Ich nehme die Ratings, die mein RSMV-Modell ermittelt, als solche an, wobei R für relative Stärke, S für Sentiment, M für Momentum und V für Volumen steht. Dieses Modell erlaubt mir, alles mit allem zu vergleichen und Veränderungsraten auf der Zeitachse zu prüfen.

Auch meine Fakten sind nicht 100% richtig. Meistens vermitteln sie jedoch eine ausreichende Nähe zu den tatsächlichen Fakten, um valable Mustervorhersagen im Sinne von F.A. von Hayek vorzunehmen. Trotzdem sollten die Informationen immer mit einer gesunden Priese Skepsis genommen werden.

Nachstehend führe ich die neuesten Daten auf, zeige in Klammern die in der Kolumne vom 25. Juli publizierten Werte und kommentiere die Ereignisse auf der Suche nach einer wahrscheinlich gültigen Antwort auf die eingangs gestellte Frage.

Quote der attraktiven Aktien im Industriesektor

Global             57,2% (59%)

Nordamerika    65% (66%)

Europa            67% (64%)

Asien-Pazifik    39% (47%)

Diese Zahlen zeigen, dass sich seit dem 25. Juli strukturell keine grossen Veränderungen eingestellt haben. Im Prinzip gilt die Annahme, dass Sektoren, in denen deutlich mehr als drei Viertel der Aktien positive Ratings aufweisen, Käufer anziehen, weil die gesamtwirtschaftlichen Umstände als positiv für den Sektor angesehen werden.

Die gleiche Annahme gilt für grössere Industrien. Als solche gelten Industrien, die eine Kapitalisierung von mindestens 2,5% des Weltaktienindex von MSCI aufweisen und aus mindestens sechs Aktien zusammengesetzt sind. Weisen weniger als zwei Drittel der Aktien ein positives Rating auf, ist die Handlungsattribution eher auf Ebene der Unternehmen angesiedelt.

Die Annahme stütz sich auf empirische Daten, die der am Massachusetts Institute of Technology lehrende Professor Andrew W. Lo unter Bezugnahme auf James Surowiecki in die folgende Gleichung packt: «Es gilt die Weisheit der Massen – bis sie von der Verrücktheit des Mobs abgelöst wird». In der Praxis heisst das, dass wenn die relative Stärke zu hoch wird, im Ratingmodell über den Faktor «Sentiment» ein Korrektiv erfolgt.

Die Daten in diesem Segment der Darstellung weisen darauf hin, dass man tiefer graben muss, nämlich auf die Ebene der Industrien, um herauszufinden, ob es in diesem Sektor mehr als nur trendige Einzelaktien gibt. Gesucht ist eine Faktenlage, die dafür spricht, dass ausreichend nachhaltige Trends in genügend Aktien entstehen, um sich «an der Weisheit der Massen» zu beteiligen, bis sie zur Verrücktheit des Mobs entartet.

Auch das wird in meinem Modell stets getestet. Wir sind allerdings immer noch weit davon entfernt, auch in den besten Aktien in die Falle zu tappen, mit einer Masse zu wandern, die die Bodenhaftung verloren hat.

Relative Attraktivität des Industriesektors zum MSCI World

Global              1,00 (0,99)

Nordamerika     1,02 (1,02)

Europa             1,02 (0,99)

Asien-Pazifik    0,96 (0,96)

Wie bei der Quote der attraktiven Einzelaktien hat sich auch in Bezug auf die relative Attraktivität des Sektors zum Weltindex in den Regionen wenig geändert. Die leichte Erholung Europas ist jedoch angesichts der Nachrichtenlage, die den Alten Kontinent am Rande einer oder bereits in einer Rezession sieht, bemerkenswert. Da scheint sich die Ansicht durchzusetzen, dass die Kurse etlicher Aktien in diesem Sektor eine allzu starke konjunkturelle Abkühlung vorweggenommen haben.

Auffällig sind die schwachen Daten für die Region Asien-Pazifik wie auch die extrem niedrige Quote an attraktiven Aktien. Obwohl letztere in den vergangenen zwei Monaten weiter abgenommen hat, bleibt der Sektor im asiatisch-pazifischen Raum relativ zum MSCI Welt auf einer Attraktivitätsquote von 0,96. Daraus ist ersichtlich, dass zwar weniger Aktien attraktiv sind als vor zwei Monaten, diese aber an Momentum etwas zugelegt haben. Trotzdem sollte man sich in diesem Sektor auf europäische und nordamerikanische Aktien konzentrieren.

Relative Attraktivität zum Sektor

Vier Industrien bleiben attraktiv relativ zum Sektor, nämlich:

Aerospace & Defense           1,07 (1,04)

Building Products                1,04 (1,04)

Professional Services            1,05 (1,08)

Road & Rail                          1,06 (1,06)

Diese vier Industrien machen rund 35% der Kapitalisierung des Sektors aus. Ihr hohes Momentum wirkt sich deshalb positiv auf den Gesamtsektor aus. Einen deutlich negativen Einfluss auf den Sektor hätten

Airlines und                        0,92 (0,87)

Industrial Conglomerates,    0,94 (0,99)

wenn ihre Kapitalisierung nennenswert wäre, was sie aber nicht ist.

Commercial Services & Supplies ist die einzige Industrie von Gewicht mit 2,25% des MSCI Welt, respektive 20% des Sektors, deren relative Attraktivität von 1,02 auf 0,98 gefallen ist.

Unattraktiv bleiben wie bislang

Air Freight & Logistics           0,98 (0,92)

Airlines                                  0,92 (0,87)

Construction & Engineering    0,97 (0,95)

Industrial Conglomerates        0,94 (0,99)

Marine                                   0,98 (0,90)

Die leichte Erholung der Ratings der meisten noch relativ unattraktiven Industrien ist eine zu geringe Veränderung, um darauf zu reagieren.

Unverändert knapp unter positiv sind:

Electrical Equipment              0,99 (0,99)

Machinery                             0,98 (0,99)

Diese beiden Industrien besetzen mit 37% den grössten Teil der restlichen Kapitalisierung des Sektors und wirken sich seit vielen Monaten neutral auf diesen aus.

Die relative Attraktivität der einzelnen Industrien zum Sektor und jene der Sektoren zum MSCI Welt bleiben meistens über viele Monate stabil im positiven oder negativen Bereich. Somit tragen sie entscheidend dazu bei, zu verstehen, wann sich die Fakten im Sinne von Keynes geändert haben.

Der Sektor Industrials kam Ende letzter Woche in der Rangordnung nach meinem Modell auf Platz sieben aller MSCI-Sektoren zu stehen. Seit zwölf Monaten schwankt er zwischen den Plätzen sechs und acht und gehörte somit stets zum Mittelfeld. Das täuscht jedoch über die stark divergierenden Kursveränderungen der Konstituenten hinweg, die von -63,76% bis 40,5% reichen, während der Sektorindex mit einem Minus von 0,31% davonkam. Dabei sind nicht bloss «Exoten» unter den grössten Verlierern und Gewinnern, sondern auch gestandene Unternehmen von Weltrang.

Wir leben in einer Zeit der Umbrüche. Ein «weiter wie bisher» gibt es in sehr vielen Bereichen nicht – ökonomisch nicht, gesellschaftlich nicht, und letzteres wirkt sich auch auf die Börsen aus. George Soros postulierte «Reflexivität» als ein sich gegenseitig beeinflussendes Verhältnis zwischen Börse und Wirtschaft. Ich glaube, es kommt noch eine dritte Dimension dazu: Die gesellschaftliche Entwicklung mit ihrer Evolution der Normen, welche Konsum- und Investitionsverhalten beeinflusst.

Die Avancen einiger Titel, die über längere Zeit mit fallenden Kursen auffielen, geben nicht Anlass, die Mustervorhersage zu ändern, die darin besteht, dass die weiter oben mit positiven Attraktivitätsratings versehenen Industrien im sehr heterogenen Sektor sich weiterhin besser als der MSCI Welt entwickeln werden. Die besten Aktien werden weiterhin in diesen Industrien zu finden sein.

Der breite Industriesektor wird jedoch bis auf weiteres im Mittelfeld verharren. Viele der grossen Verlierer der letzten zwölf Monate zeigen Erholungsbewegungen, die sehr wahrscheinlich nur vorübergehender Natur sein werden. Bestenfalls findet im Theater eine erste Probe für die anstehende Neuaufführung statt. Eine Generalprobe liegt jedoch noch in einiger Ferne.