Meinung

Supernova: Eileen Gu und die Strahlkraft des Kapitalismus

Die amerikanisch-chinesische Freestyle-Skifahrerin und Olympiasiegerin Eileen Gu begeistert und verblüfft zugleich. In der heutigen Welt, in der sich die Spannungen zwischen Ost und West verschärfen, ist sie eine leuchtende Botschafterin für freie Märkte und internationalen Handel.

Kevin Duffy
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«Ich mache Schrauben-Sprünge in einer eisigen, sieben Meter hohen Halfpipe aus Schnee. Das hat nichts mit Politik zu tun. Es geht um die Überwindung menschlicher Grenzen, und das verbindet Menschen.»
~ Eileen Gu, Gewinnerin von drei olympischen Medaillen in Peking

Die 18-jährige Freestyle-Skifahrerin Eileen Gu hat sich in den Abgrund der angespannten Beziehungen zwischen den USA und China gestürzt. Diesen Februar eroberte sie die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking im Sturm, wie eine Naturgewalt.

Gu wurde als Tochter chinesisch-amerikanischer Eltern geboren und wuchs bei ihrer chinesischen Mutter in San Francisco auf. Im Juni 2019 entschied sie sich, für das chinesische Nationalteam an Sportwettkämpfen teilzunehmen, als noch kaum jemand von ihr gehört hatte. Neunzehn Monate später gewann sie als erste Newcomerin bei den X-Games zwei eine Bronze- und zwei Goldmedaillen und avancierte damit zu einer globalen Sportikone.

Eileen Gu

Eileen Gu

Bild: Instagram

Die Welt wird kleiner, vernetzter und die Grenzen verschwinden immer mehr. Unternehmen sind zunehmend global, warum also nicht auch Menschen? Eileen Gu ist Halbchinesin und verbringt 25 bis 30% ihres Lebens in China. «Ich bin zweisprachig aufgewachsen und habe jeden Sommer in Peking verbracht. Damit kenne ich sowohl die chinesische als auch die amerikanische Kultur», erklärte sie vor einem Jahr gegenüber Chinas staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. «Ich besitze diese doppelte Identität, wobei die zwei Hälften für mich ein Ganzes bilden.»

Wenig überraschend hat sich Gu zu einem Magneten für lukrative Werbeverträge entwickelt, unter anderem für Modemarken wie Louis Vuitton und Tiffany, für Red Bull sowie für über zwanzig chinesische Konzerne wie China Mobile, JD.com und ANTA Sports (den zweitgrössten Sportartikelhändler in China und den drittgrössten weltweit).

Für Regierungen, die von ihren Bürgern ein kompromissloses Treuegelöbnis zum Nationalstaat verlangen, kommt der Erfolg von Gu ungelegen. Noch schlimmer: Gu stellt das offizielle Anti-China-Narrativ infrage und passt damit nicht in eine enge Box mit vorgegebenen Meinungen. Sie ist nicht «für uns oder gegen uns». Vielmehr spricht sie sich offen gegen Polarisierung aus und baut aktiv Brücken. Sie schwebt über der kleinkarierten Politik, kann die Unbedarftheit der Jugend für sich beanspruchen, ist aber dennoch klüger als es ihr Alter vermuten lassen würde. Sie und ihre «Mom» wissen offenbar genau, was sie tun.

Eileen Gu und ihre Mutter Yan Gu.

Eileen Gu und ihre Mutter Yan Gu.

Bild: Instagram

Eileen Gu zieht sowohl von links wie auch von rechts Kritik auf sich. Tucker Carlson zum Beispiel, Moderator beim Sender «Fox News» machte Stimmung für eine «kollektive Empörung» in der amerikanischen Bewölkung über Gus Entscheid, im Sport für China anzutreten. «Junge Leute machen dumme Sachen», meinte er abschätzig während seiner Sendung. Sein Gast, Will Cain, legte noch einen drauf:

«Es ist unglaublich undankbar von ihr, dass sie Amerika verrät und dem Land den Rücken kehrt, das sie nicht nur grossgezogen, sondern auch zu einer Weltklasse-Skifahrerin gemacht hat. Einen solchen Support und solche Trainingsmöglichkeiten können nur die Vereinigten Staaten bieten. Dass sie sich dann im Tausch gegen Geld von den USA abwendet, ist beschämend. Sie ist so undankbar wie ein Kind, das sagt: ‹Ich haue ab und ziehe woanders hin›, nachdem es in einem fürsorglichen Zuhause aufgewachsen ist.»

Es braucht vielleicht ein ganzes Dorf, um eine olympische Athletin grosszuziehen. In diesem Fall aber waren private Ersparnisse und die Unterstützung einer entschlossenen «Tiger Mom» nötig. Yan Gu, Eileens Mutter, begann ihr Studium an der Universität Peking in den 1980er-Jahren, erwarb ein Diplom in Chemie, Biochemie sowie Molekularbiologie und schloss mit einem MBA an der Stanford University ab, bevor sie eine Karriere als Investmentbankerin und Venture-Capital-Investorin einschlug (ganz zu schweigen von einer Teilzeitstelle als Skilehrerin).

Sie zahlte ihrer Tochter sogar den Besuch einer angesehenen privaten Vorbereitungsschule in San Francisco, an der Eileen angeblich ein nahezu perfektes Zeugnis erhielt und ein Jahr früher den Abschluss machte, um sich auf das Training für die Olympischen Spiele zu konzentrieren.

Li Jingjing, eine Reporterin des staatlichen chinesischen Fernsehsenders CGTN, reagierte folgendermassen auf die Attacken westlicher Medien:

«Es lässt sich nicht leugnen, dass die Erziehung in den USA Gu geholfen hat. Doch die Medienangriffe sind kindisch. Es ist so, als würde man sagen: «Du bist erfolgreich, weil wir es Dir erlauben». Gu ist Amerikanerin, aber auch Chinesin. Sie ist beides. Sie verrät keine Seite. Und es gibt keinen Grund, irgendeine Seite von ihr zu verleugnen, denn sie ist ein perfektes Beispiel für viele Menschen in der heutigen Welt: multikulturell. Die Medien, die sie attackieren, vernachlässigen völlig Gus chinesische Hälfte und wie stark ihr chinesisches Erbe sie beeinflusst hat. Und vor allem, wie talentiert und fleissig sie ist. Deshalb ist sie heute so erfolgreich. Sie hat dermassen viele Stunden ihres Lebens in einen Sport investiert, den sie liebt. Ein weiterer Grund für ihren Erfolg ist die Erziehung durch ihre Eltern.»

Gu scheint eine Mischung aus beiden Kulturen zu sein: chinesisch (hohe Arbeitsmoral, Fokus auf Bildung, Respekt vor Traditionen) und amerikanisch (Nonkonformität, Risikobereitschaft, Offenheit, Freiheit). Ihr unternehmerischer Instinkt kommt wahrscheinlich von beiden Kulturen. Was ihre Kritiker betrifft, hat Gu eine passende Antwort parat: «Mein Ziel ist es, Optimismus zu verbreiten. Wer aber trotzdem negative Stimmung machen will, kann das ruhig tun. Jeder hat sein gutes Recht darauf, ich werde mich aber nicht daran beteiligen.»

Warum sich Gu für China entschieden hat

Ich persönlich liebe die Olympischen Winterspiele. Teils, weil ich ein passionierter Skifahrer bin, aber auch, weil der Anlass nicht von den Supermächten der Welt dominiert wird.

Bei den Olympischen Spielen von 2018 im südkoreanischen Pyeongchang klassierte sich Norwegen – ein Land mit einer Bevölkerung in der Grösse von South Carolina – mit 14 Goldmedaillen und insgesamt 39 Medaillen an der Spitze. Die Vereinigten Staaten, Russland und China belegten die Plätze 4, 13 und 16. China gewann eine Goldmedaille, obwohl es nur in 12 von insgesamt 102 Disziplinen antrat.

Medaillenspielgel zu den Olympischen Winterspielen 2018

Rang Land Bevölkerung (Mio.) Goldmedaillen Medaillen Total
1Norwegen5.31439
2Deutschland82.91431
3Kanada37.11129
4USA326.8923
5Niederlande17.2820
6Schweden10.2714
7Südkorea51.6517
8Schweiz8.5515
9Frankreich67.1515
10Österreich8.8514
11Japan126.5413
12Italien60.4310
13Russland144.5217
14Tschechische Republik10.627
15Belarus9.523
16China1'39319

Eileen Gu ist eine Trophäe, die jede Regierung eines Landes gerne für sich beanspruchen würde. Für China aber bedeutete ihr Erfolg mehr. Nicht nur, weil es dieses Mal das Gastgeberland der Spiele war, sondern auch, weil es im Wintersport noch am Anfang seiner Entwicklung steht. (Nach den Olympischen Spielen vom Februar ist China mit 9 Goldmedaillen, darunter zwei von Gu, auf Platz 3 vorgerückt.)

Der YouTube-Kommentator und ehemalige Sportvermarkter Cyrus Janssen ist ein amerikanischer Auswanderer, der 14 Jahre lang im Ausland gelebt hat, die meiste Zeit davon auf dem chinesischen Festland. Zur Frage, warum sich Gu für China entschieden hat, meinte er Folgendes:

«Der Wintersport verzeichnet in China enormes Wachstum. In den letzten zehn Jahren haben Millionen von Chinesen begonnen, Wintersport zu treiben, und sogar Chinas Präsident Xi Jinping hat gesagt, er würde es begrüssen, wenn 300 Millionen Chinesen damit beginnen würden. China braucht aber einen Helden. Die Bevölkerung braucht jemanden, zu dem sie aufschauen kann. Snowboarden ist in China bereits enorm populär ... Im Skisport hat es jedoch nicht genügend Talente, und Eileen Gu könnte das mit ihrer Leistung in Peking im Alleingang ändern ... Ich glaube, dass ihre Entscheidung, für China anzutreten, ein reifer Entscheid einer jungen Frau ist, die eine seltene Chance erkennt. Wenn sie Amerika bei den Olympischen Spielen vertreten würde, wie das viele junge amerikanische Frauen tun, wen würde sie dann zum Skifahren inspirieren? Wohl sehr wenige Menschen, weil der amerikanische Skisport weit fortgeschritten und der Markt stark gesättigt ist. Selbst wenn Eileen nach Peking fahren und drei Goldmedaillen für das Team USA gewinnen würde, würde das den Frauensport in Amerika nicht wirklich vorantreiben. Indem sie jedoch China vertritt, hat Eileen nicht nur die Möglichkeit, etwas zu bewegen, sie würde zu einer grossen Kraft in China werden. Sie könnte im Alleingang Millionen junger Mädchen dazu inspirieren, Sport zu treiben.»

Der Hockeystock des menschlichen Wohlstands

Dass der Fortschritt der Menschheit einem Aufwärtspfad gleicht, sollte nie als selbstverständlich angesehen werden. Harmonie und Wohlstand erfordern eine sich ständig ausdehnende Arbeitsteilung und einen ungezwungenen, für beide Seiten vorteilhaften Handel.

Wir streben von Natur aus nach Spezialisierung, entwickeln unsere individuellen Talente und tauschen die Früchte unserer Arbeit mit anderen aus, die das Gleiche tun. In einem komplexen, nicht durchgeplanten System ist Ungleichheit ein Segen. Wären die Menschen alle Automaten, gäbe es keine Arbeitsteilung mehr - und damit auch keinen Fortschritt der Menschheit.

Selbstgenügsamkeit ist eine Illusion. Wenn es um den freien Handel geht, gilt: Je mehr, desto besser. Nur wenige erkennen die grosse Bedeutung des Eintritts von 956 Millionen Chinesen in die Weltwirtschaft im Jahr 1978 unter Deng Xiaoping.

Chinas Aufstieg von der Müllhalde des maoistischen Sozialismus zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt sollte vom Westen mit Beifall begrüsst werden. Doch stattdessen wird ihm mit Misstrauen begegnet. Ironischerweise ist ein Grossteil der Kritik an China von einer antikapitalistischen Mentalität geprägt: Es mangelt an Verständnis für die wirtschaftsfreundlichen Voraussetzungen, die es dem Westen ermöglicht haben, zu Wohlstand zu gelangen: Im Westen tolerieren Regierungen weitaus mehr Freiheit als im Osten.

Angst vor dem Drachen

Antichinesische Karikatur aus dem Jahr 1886.

Antichinesische Karikatur aus dem Jahr 1886.

Quelle: The Coffee Can Portfolio

China scharf zu kritisieren, ist im Westen zu einem Volkssport avanciert. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen:

  • Merkantilismus - Handel wird als Ausbeutung betrachtet, entweder man gewinnt dabei oder man verliert. Donald Trump ist der prominenteste und lauteste Verfechter dieser Ansicht. «Wir werden schon seit langem von China abgezockt», sagte er seinerzeit dem «CNBC»-Moderator Joe Kernen im Juli 2018. Schon im März 1990, kurz vor dem Höhepunkt der Japan-Blase, beklagte sich Trump, dass japanische Investoren absichtlich zu viel für Immobilien im New Yorker Stadtteil Manhattan zahlen würden: «Die Japaner zahlen mehr, als eine Liegenschaft wert ist, nur um uns zu betrügen.» Doch durch weniger Handel nimmt die Arbeitsteilung ab. Gegenseitige Interdependenzen werden durch Konflikte ersetzt.
  • Irrtum der Verdinglichung - Bezeichnungen wie «USA» und «China» reduzieren Menschen auf abstrakte Objekte. Das führt zu binärem Denken, individuelle Interessen werden dem Gemeinwohl geopfert und die andere Seite entmenschlicht. Der US-Politiker David Bergland stellte dazu in seinem Buch «Libertarianism in One Lesson» fest: «Ein Ziel dieses Trugschlusses ist es, Menschen zu entpersonalisieren, die man misshandeln will.»
  • «Böser Diktator» - Der übliche Weg, um unliebsame ausländische Machthaber zu beseitigen, besteht aus einer endlosen Litanei von Handelsauflagen, Sanktionen und Embargos. Natürlich hat dies genau den gegenteiligen Effekt: Es schadet den Volkswirtschaften beider Länder und liefert dem bösen Diktator den perfekten Sündenbock, dem er die Schuld für das Leid seines Volkes zuschieben kann (während er selber weiterhin im Luxus lebt). Seine Macht wird dadurch noch verstärkt.
  • Externe Feinde - Für den Staat ist Krieg gut fürs Geschäft. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen heissen, einen kalten oder einen Krieg gegen ein spezifisches Problem handelt; z.B. Armut, Drogen, Terrorismus, Diskriminierung, Klimawandel, ein Virus usw.

Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang

Am 23. Dezember 2021 unterzeichnete US-Präsident Biden den Uyghur Forced Labor Prevention Act. Doch wie damit «die Notlage der Uiguren und anderer verfolgter Minderheitengruppen in Chinas autonomer Region Xinjiang» gelöst werden soll, ist leider ungewiss.

Der Erlass stützt sich auf «den unwiderlegbaren Verdacht», dass sämtliche Waren in Xinjiang durch Zwangsarbeit hergestellt werden, ausser die amerikanischen Zoll- und Grenzschutzbehörden entscheiden anders. Mit anderen Worten: schuldig bis zum Beweis der Unschuld.

Unternehmen, die in der Region rechtmässig Handel treiben, müssen sich entweder durch einen juristischen Morast bewegen oder ihre Geschäfte woanders abwickeln. Kein Wunder also, dass der Erlass im amerikanischen Kongress mit fast einstimmiger Unterstützung verabschiedet wurde (428 zu 1 Stimmen im Repräsentantenhaus und 100 zu 0 Stimmen im Senat). Die US-Regierung kann unter dem Vorwand, die Menschenrechte zu verteidigen und gegen Unterdrückung zu kämpfen, unschuldigen Muslimen schaden und China verärgern.

Was genau meine ich damit? Es geht nichts über einen äusseren Feind auf der anderen Seite der Welt, um fremde Bettgenossen zu vereinen. Nach den Terroranschlägen vom 11. September schaute die US-Regierung weg, als China seine muslimische Bevölkerung aufgrund blosser Anschuldigungen, dem islamischen Terrorismus zuzugehören, internierte. Doch jetzt, da China der erklärte Bösewicht ist, richtet sich der Fokus auf die Situation der Uiguren. Von links bis rechts ziehen die «New York Times», die «Washington Post», ESPN, der Showmaster Bill Maher und Tucker Carlson an einem Strang. Alle stimmen in die Doppelmoral des Anti-China-Chors ein.

Doch hier die entscheidende Frage: «Sollen die amerikanische Basketball-Liga NBA und alle Unternehmen dem chinesischen Markt den Rücken kehren?» Selbst die Journalistin und Aktivistin Melissa Chen, die sich als traditionelle Liberale und Verfechterin der freien Meinungsäusserung bezeichnet, antwortet darauf mit: «absolut». Diese Antwort fällt ihr natürlich leicht, zumal sie nicht auf millionenschwere Werbedeals verzichten muss.

Eileen Gu ist unter anderem Werbebotschafterin für die US-Automarke Cadillac in China.

Eileen Gu ist unter anderem Werbebotschafterin für die US-Automarke Cadillac in China.

Bild: The Coffee Can Portfolio

Wirtschaftliche Beziehungen mit China haben den riesigen chinesischen Markt für amerikanische Sportler aus der zweiten und dritten Garde geöffnet und sorgen dafür, dass Chinas Liebesaffäre mit amerikanischen Marken anhält; zur Freude beider Geschäftspartner bei jeder Transaktion. «Mit Honig fängt man mehr Fliegen als mit Essig», sagt ein englisches Sprichwort. Profitstreben und Gutes zu tun, schliessen sich nicht gegenseitig aus.

Damit soll nicht gesagt werden, dass Chinas Wirtschaft eine Art Ideal für eine Laissez-faire-Politik darstellt - im Gegenteil. Xi Jinping, der oberste Führer Chinas, ist kein Deng Xiaoping. Seine allumfassenden Interventionen und sein Misstrauen gegenüber der unsichtbaren Hand des freien Marktes stützen den Bear Case für China. Was Propaganda angeht, kennen beide Seite dieses Spiel. Wie Marko Papic, Chefstratege von Clocktower Group, sagt:

«In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt. Ich bin nicht abschätzig gegenüber der amerikanischen Propaganda. Gott segne die USA! Und Gott segne China! Beide haben das Recht, die Schwächen des anderen hervorzuheben und sie zum eigenen Vorteil zu nutzen.»

Olympische Spiele, Amateursport und Jim Thorpe

Die olympische Bewegung wandte sich bei ihrer Gründung unter dem Deckmantel des «Amateurismus» vom ökonomischen Streben nach Gewinn ab. James Francis Thorpe, dem ersten Athleten aus der Urbevölkerung Amerikas, der an Olympischen Spielen von 1912 zuoberst auf dem Podest stand, wurden damals seine beiden Goldmedaillen aberkannt, weil er zuvor als Halbprofi in der amerikanischen Baseball-Liga gespielt hatte.

James Ring Adams, leitender Historiker am National Museum of the American Indian der Smithsonian Institution, bemerkt dazu:

«[Die Aberkennung von Jim Thorpes Goldmedaillen bei den Olympischen Sommerspielen 1912] schuf einen Präzedenzfall für eine extreme Auslegung der Definition von Amateursport, die damals keineswegs festgelegt war und die heute völlig aufgegeben wurde. Diese Interpretation besagte, dass ein Olympiateilnehmer zu keiner Zeit eine Entschädigung in irgendeiner Sportart, oder für eine Tätigkeit, die mit Sport zusammenhängt, erhalten darf; selbst, wenn dieser nichts mit der betreffenden Wettkampfdisziplin zu tun hat. Der grosse Schwimmer und Surfer George Freeth aus Hawaii, Mentor von Duke Kahanamoku, wurde 1912 von den Olympischen Spielen ausgeschlossen, weil er als Rettungsschwimmer arbeitete. Dieses Prinzip würde heute antiquiert erscheinen, wenn es nicht so grausam wäre.»

Diese Richtlinie schränkte den Zugang zu den Wettkämpfen ein und machte diejenigen Sportler zu Opfern, die weniger Glück hatten und ausgeschlossen wurden. Weiter schreibt der Historiker Adams dazu:

«Wie es heisst, ist diese Interpretation des Amateurismus nach dem Vorbild der Sportbetätigung der englischen Oberschicht entstanden - und das ist der entscheidende Hinweis: Die englischen Regeln waren offenkundig darauf ausgelegt, die unteren und mittleren Klassen der Bevölkerung davon abzuhalten, mit der Aristokratie zu konkurrieren. Die Henley Royal Regatta schloss ausdrücklich jeden aus, der «von Beruf oder gegen Entgelt ein Mechaniker, Handwerker oder Arbeiter ist oder war»; die Teilnahme wurde dadurch beispielsweise John B. Kelly verweigert, dem amerikanischen Olympiasieger im Rudern und Vater der Schauspielerin Grace Kelly, der späteren Fürstin von Monaco. (Kelly gewann später drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 1920 und 1924, obwohl er zuvor Profifussballer gewesen war). Historiker würden sagen, dass diese Doktrin des Amateurismus ein Fall von Statusangst war, ein Mittel zum Schutz von Privilegien gegen einen aufkommenden Klassenkampf. Es ist bezeichnend, dass die einzige Gruppe von Profis, die in ihrer Sportart bei den Olympischen Spielen antreten durfte, Fechtmeister waren, da diese per Definition ‹Gentlemen› waren.»

Jim Thorpe an den Olympischen Spielen von 1912.

Jim Thorpe an den Olympischen Spielen von 1912.

Bild: The Coffee Can Portfolio

Hier kommt Avery Brundage ins Spiel, der einflussreiche Präsident des Internationalen Olympischen Komitees in den Jahren 1952 bis 1972. Marc Faber, der in Zürich geboren wurde und in den späten 1960er-Jahren zum Schweizer Ski-Team zählte, als der Sport noch für Amateure war, schreibt in der Ausgabe vom 1. August 2018 seines «Gloom, Boom & Doom Report»:

«Um die Veränderungen zu verstehen, zu denen es in den ... meisten Sportarten seit den früheren Zeitperioden kam, ist es wichtig, die Rolle von Avery Brundage (1887-1975) zu betrachten, dem umstrittenen fünften Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Brundage ist als eifriger Verfechter des Amateurismus in Erinnerung geblieben ... [Er] wurde zu einer äusserst unpopulären Figur in der Welt des Sports. Als Mitglied der International Association of Athletic Federations verbot er bei den Olympischen Sommerspielen 1932 in Los Angeles dem finnischen Langstreckenläufers Paavo Nurmi die Teilnahme, dem wahrscheinlich besten Langstreckenläufer des 20. Jahrhunderts. 1972 verbannte er den seinerzeit mit Abstand besten Abfahrtsspezialisten, den Österreicher Karl Schranz, von der Teilnahme an den Olympischen Winterspielen in Sapporo und bezeichnete ihn als ‹wandelndes Werbeplakat›. (Dank der Abwesenheit von Schranz konnte ein Freund von mir, der Schweizer Skifahrer Bernhard Russi aus Andermatt, die Goldmedaille gewinnen.)»

Zu allem Überfluss wurden Thorpe seine Medaillen erst 29 Jahre nach seinem Tod rechtmässig anerkannt. James Adams vom National Museum of the American Indian berichtet dazu:

«Thorpes Familie und Freunde forderten das IOC immer wieder auf, die ihm zustehenden Auszeichnungen zurückzugeben. Ihre Bemühungen wurden nach Thorpes Tod im Jahr 1953 noch intensiver. Sie stiessen jedoch auf den hartnäckigen Widerstand einer Person, die ein persönliches Interesse daran hatte, Thorpe zur Unperson zu machen. Von 1952 bis 1972 war der Amerikaner Avery Brundage Präsident des IOC. Wie es der Zufall will, war Brundage nicht nur Thorpes Mannschaftskamerad bei den Olympischen Spielen 1912, sondern er trat auch im Fünf- und Zehnkampf gegen Thorpe an und wurde im Fünfkampf Sechster. Nachdem Thorpe aus den Reihen der Amateure gestrichen worden war, wurde Brundage nationaler Mehrkampfmeister; eine Position, die ihm, wie er später zugab, die Türen für seine Baufirma öffnete.

Selbstgerecht und nachtragend, wurde Brundage in der Thorpe-Affäre zum Bösewicht gestempelt. Es wurde ihm - mehr oder weniger glaubwürdig - alles Mögliche vorgeworfen, von der Denunziation Thorpes an das IOC bis hin zum Diebstahl seiner Laufschuhe in Stockholm. Einer von Thorpes wichtigsten Biografen, Robert Wheeler, bezweifelt, dass Brundage an der ursprünglichen Disqualifikation beteiligt war. Brundage machte in seinem späteren Leben aber jeglichen Zweifel an seinem schlechten Charakter wett, indem er Petitionen für Thorpes Rehabilitierung schroff zurückwies, von denen einige von Thorpes Tochter Grace und von Wheeler selbst initiiert worden waren.»

An dieser Stelle kommt noch einmal Marc Faber zu Wort:

«Aus Fairness gegenüber Brundage muss man ihm attestieren, dass er die Ideale von Pierre de Coubertin (dem Vater der modernen Olympischen Spiele) verfocht und vertrat, die im olympischen Credo zum Ausdruck kommen: ‹Das Wichtigste an den Olympischen Spielen ist nicht zu gewinnen, sondern teilzunehmen, genauso wie das Wichtigste im Leben nicht der Triumph ist, sondern der innere Kampf. Das Wesentliche ist nicht zu siegen, sondern sich wacker geschlagen zu haben.›»

Avery Brundage an den Olympischen Spielen von 1968

Avery Brundage an den Olympischen Spielen von 1968

Bild: The Coffee Can Portfolio

Brundage und de Coubertin teilten eine noble Vision: Menschen aller Nationen durch Sport zu vereinen, frei von Diskriminierung und Politik. Allerdings haben sie die Bedeutung von Wohlstand nicht verstanden. Schliesslich hat die industrielle Revolution die Freizeitgesellschaft erst möglich gemacht. Zuvor war das Leben «gemein, brutal und kurz», und die Menschen gingen sich ständig gegenseitig an den Kragen.

Der Amateurismus schränkte den Zugang ein und förderte Betrug, was im Modell des staatlichen Sponsorings im damaligen Ostblock seinen Ausdruck fand. Seit die Olympischen Spiele 1986 erstmals auch Profis zuliessen, sind Athleten in hohem Mass auf das Sponsoring durch Unternehmen angewiesen, was Eintrittsbarrieren senkt und das allgemeine Niveau der Wettkämpfe anhebt. Heute gibt es viele Wege an die Olympischen Spiele, beispielsweise arbeiten einige Eiskunstläufer sogar Teilzeit auf Kreuzfahrtschiffen, um zu trainieren.

Der Wettbewerb des Kapitalismus

Kapitalismus ist ein Wettbewerb um das beste Angebot an den Verbraucher bei gleichzeitiger Schonung der knappen Ressourcen Land, Arbeit, Kapital und unternehmerisches Talent. Gewinn oder Verlust ist lediglich die Art und Weise, wie man den Spielstand erfasst. Wie im Sport ist die Qual der Niederlage genauso wichtig wie der Nervenkitzel des Sieges, vielleicht sogar noch wichtiger. Scheitern liefert wertvolle Informationen und motiviert, es treibt die Teilnehmer zu Höchstleistungen an.

Alle Zwangsverhältnisse sind Win-Lose-Beziehungen. Eine Partei wird auf Kosten der anderen geschädigt. Ein solches System untergräbt die menschliche Motivation, ersetzt Kameradschaft durch Zwietracht, erstickt Innovation und behindert den Fortschritt.

Eileen Gu ist die seltene Ausnahme, die sich weitgehend von der Konformität des Nationalstaats befreit hat. Sie spielt nicht nach dessen Regeln. Sie setzt sich hohe Ziele und erreicht sie. Sie geht mit gutem Beispiel voran. Sie verkörpert die besten Eigenschaften zweier Kulturen. Sie bringt die Menschen zusammen. Sie ist für das Verhältnis zwischen den USA und China das, was die Beatles für die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion während des Kalten Krieges waren. Sie ist der Bruce Lee ihrer Generation, der sich zwischen zwei verschiedenen Welten bewegt. Eileen Gu ist ein frischer Wind, eine Supernova, die über Grenzen und Politik hinausschiesst.

Letztes Jahr, als sie sich auf die Olympischen Spiele vorbereitete, sagte Gu: «Das Wichtigste im Leben ist, etwas zu finden, das einem Spass macht. Das Zweitwichtigste ist, zu versuchen, die Welt zu verändern.»

Der Sprung mit dem Eileen Gu in der Kategorie Big Air olympisches Gold gewann.

Der Sprung mit dem Eileen Gu in der Kategorie Big Air olympisches Gold gewann.

Bild: The Coffee Can Portfolio

Dieser Artikel ist ein Auszug aus «The Coffee Can Portfolio», einem Investmentbulletin, das der Verfasser in loser Folge publiziert.

Kevin Duffy

Kevin Duffy ist Mitgründer von Bearing Asset Management. Die US-Investmentboutique konzentriert sich auf Makrotrends und führt zwei Hedge Funds, die auf Contrarian-Strategien spezialisiert sind. Duffy ist vor allem als Leerverkäufer bekannt. Beispielsweise sorgte er während der Finanzkrise mit Wetten gegen Aktien wie New Century Financial, Bear Stearns und Lehman Brothers für Aufmerksamkeit in der Branche. Bekannt ist er ebenso für seinen pointierten Blog Notable and Quotable. Bevor er mit seinem Geschäftspartner Bill Laggner 2002 Bearing lancierte, war er Mitgründer und Researchleiter der Investmentfirma Lighthouse Capital. Duffy lebt in der Umgebung von Philadelphia. Unter dem Titel «The Coffee Can Portfolio» gibt er zudem ein Investmentbulletin heraus.
Kevin Duffy ist Mitgründer von Bearing Asset Management. Die US-Investmentboutique konzentriert sich auf Makrotrends und führt zwei Hedge Funds, die auf Contrarian-Strategien spezialisiert sind. Duffy ist vor allem als Leerverkäufer bekannt. Beispielsweise sorgte er während der Finanzkrise mit Wetten gegen Aktien wie New Century Financial, Bear Stearns und Lehman Brothers für Aufmerksamkeit in der Branche. Bekannt ist er ebenso für seinen pointierten Blog Notable and Quotable. Bevor er mit seinem Geschäftspartner Bill Laggner 2002 Bearing lancierte, war er Mitgründer und Researchleiter der Investmentfirma Lighthouse Capital. Duffy lebt in der Umgebung von Philadelphia. Unter dem Titel «The Coffee Can Portfolio» gibt er zudem ein Investmentbulletin heraus.