Meinung

Sustainable Finance: Wie man zwischen ESG und Greenwashing unterscheidet

ESG ist manchmal bloss ein Marketing-Etikett. Um seriöse ESG-Anlagen zu finden, können Anleger Ratingagenturen in Anspruch nehmen und müssen eine sorgfältige Due-Diligence-Prüfung durchführen. Wichtig ist, zu eruieren, welche Nachhaltigkeitskriterien für einen am wichtigsten sind.

Myret Zaki
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In diesem Herbst wird Sustainable Finance das grosse Thema sein. Einerseits auf globaler Ebene, denn zwischen dem 31. Oktober und dem 12. November findet die Uno-Klimakonferenz COP26 in Glasgow statt. Aber auch auf lokaler Ebene, denn in Genf wird eine grosse Veranstaltung durchgeführt: das «Building Bridges»-Treffen, das von Patrick Odier, Seniorpartner der Lombard Odier Gruppe, geleitet wird. Es wird seit 2019 von «Sustainable Finance Geneva» organisiert und von 28 Institutionen, hauptsächlich Banken (die Genfer Privatbanken stehen im Mittelpunkt der Initiative), öffentlichen Einrichtungen und internationalen Organisationen unterstützt.

Ziel ist es, «den Übergang zu einem globalen Wirtschaftsmodell zu beschleunigen, das mit den Erfordernissen der Uno-Ziele für nachhaltige Entwicklung im Einklang steht, wobei die Finanzwirtschaft ein wichtiger Katalysator für den Wandel ist».

Im Mittelpunkt dieser ehrgeizigen Art von «grünem WEF» stehen dieses Jahr «Taten, nicht nur Worte» und «konkrete Verpflichtungen», eine Botschaft, die von der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg inspiriert zu sein scheint. Die Banker und Finanzfachleute mögen sich wirklich engagieren, aber eigentlich spielt es keine Rolle, denn die EU reguliert den Sektor sehr streng und ist entschlossen, den grössten Teil des Finanzsektors auf dem Kontinent bis zum Ende des Jahrzehnts auf Nachhaltigkeit umzustellen.

Wie kann man Greenwashing vermeiden?

Auf der Ebene der Schweizer Anleger besteht ein erster Schritt darin, hart gegen Greenwashing vorzugehen. Um die Umstellung auf wirklich nachhaltige Finanzen zu fördern, muss man lernen, besser zu erkennen, welche Finanzprodukte den Umwelt-, Sozial- und Governance-Prinzipien (ESG) tatsächlich verpflichtet sind. Es gibt zwar eine wachsende Zahl von ESG-Fonds, aber manchmal sind diese drei Buchstaben nicht viel mehr als ein Marketing-Label.

Es gibt mehrere Möglichkeiten für Anleger, Greenwashing zu vermeiden. Ich habe mit einigen Experten gesprochen, die als Berater für Pensionskassen tätig sind. Sie warnen, dass es für ESG immer noch keinen universellen Standard mit allgemein anerkannten Kriterien gibt. Das macht es schwierig, den Grad des Greenwashings zu beurteilen, da man einen klaren Rahmen braucht, um das zu beurteilen. Dennoch ist allen klar, dass das ESG-Siegel auch Produkten angeheftet werden kann, die nicht sonderlich nachhaltig sind.

Seitdem Sustainable Finance die breite Masse erreicht hat, kann man auf Fonds stossen, die von Vermögensverwaltern zu Marketingzwecken mit dem ESG-Siegel versehen werden, obwohl der Fonds nach wie vor die gleiche Aktienauswahl umfasst – einzig der Marketingtext ist mit einem ESG-Touch aufgewertet.

Mit der EU-Verordnung über die Offenlegung nachhaltiger Finanzprodukte (EU Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) entsteht ein neuer Standard. Sie verlangt von den Marktteilnehmern, genaue Informationen darüber offenzulegen, wie sie Nachhaltigkeitskriterien in ihren Anlageprozess integrieren. Einige Fonds mit einem ESG-Label erhalten keine nachhaltige Klassifizierung nach der SFDR, die seit März dieses Jahres in der EU gilt. Wenn man sich selbst als ESG-Fonds vermarktet, aber nicht als nachhaltig im Sinne der SFDR eingestuft wird, kann das den Eindruck erwecken, dass man Greenwashing betreibt.

Auf der Ebene des Anlegers muss geprüft werden, ob die Portfoliokonstruktion oder die Fondsauswahl wirklich auf Unternehmen ausgerichtet ist, die bei einem grossen Teil ihrer Aktivitäten positive Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Umwelt haben. Eine Möglichkeit ist die Nutzung von ESG-Ratingagenturen. Dabei ist zu beachten, dass jede ESG-Ratingagentur ihre eigenen Kriterien anwendet und verschiedene Agenturen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können.

Sorgfältige Prüfung ist der Schlüssel

Eine gründliche Due-Diligence-Prüfung ist der Schlüssel dazu, damit Anleger sicherstellen können, dass die Fonds ihre ESG-Chartas einhalten. Zugegeben, die meisten dieser Untersuchungen sind für institutionelle Anleger einfacher als für Privatkunden. Während des gesamten Due-Diligence-Prozesses kann man den Fondsmanager über die Erfolgsbilanz seines Ansatzes, die eingesetzten Humanressourcen, die Art und Weise der Durchführung der Analysen, die Quellen der ESG-Ratings und die Ergebnisse befragen. Es geht darum, zu prüfen, wie tief die ESG- oder Impact-Kriterien im Anlageprozess verankert sind.

Einige Vermögensverwaltungsfirmen beschäftigen beispielsweise seit Jahren interne ESG-Spezialisten, während andere das Fachwissen weitgehend auslagern. Der Grad des Engagements des Vermögensverwalters kann auch anhand seiner eigenen Nachhaltigkeitsbewertung beurteilt werden, die ein guter Hinweis auf sein Engagement für die von ihm verwalteten Fonds sein kann. Man sollte nicht vergessen, die Praktiken der Vermögensverwalter in Bezug auf ihr Engagement in der Unternehmensführung und deren Ergebnisse sowie in Bezug auf die Stimmrechtsausübung zu prüfen. Diese Elemente können helfen, Nachhaltigkeit von Greenwashing zu unterscheiden.

Ihre eigenen Kriterien

Letztlich ist es aber besser, wenn Sie selbst entscheiden, welche Kriterien für Sie bei einer nachhaltigen Anlage zentral sind, bevor Sie sich auf die Suche nach entsprechenden Fonds machen. Die Entscheidung darüber, was am wichtigsten ist, hilft beispielsweise bei der Wahl zwischen einem Manager, der Unternehmen aus seinem Portfolio ausschliesst, wenn mehr als 5% ihrer Einnahmen aus nicht nachhaltigen Aktivitäten stammen, und einem Manager, der diese Schwelle bei 10% der Einnahmen ansetzt.

Die Anleger könnten auch entscheiden, ob Alkohol Teil des Ausschlusses sein sollte oder nicht, oder ob es vorzuziehen ist, Aktien von Unternehmen, die fossile Brennstoffe fördern, zu veräussern oder die Unternehmen aktiv zu unterstützen, damit sie ihre CO2-Bilanz verbessern.

Und schliesslich noch eine Prise Realismus. Unternehmen, die ihre Praktiken (gemessen an ihren Behauptungen) nur langsam auf Nachhaltigkeit umstellen, betreiben oft kein Greenwashing, sondern stehen unter dem Druck der Aktionäre, hohe Gewinnziele zu erreichen. Das gibt ihnen wenig Handlungsspielraum und bremst sie. Das beweist einmal mehr, dass der Schlüssel in den Händen der Investoren liegt, die letztlich die Katalysatoren für nachhaltige Praktiken sind.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Junior-Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Aktienanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.