Meinung

Swiss Market Index: mehr Basel, weniger Zürich

Die Zürcher Finanzwerte haben gegenüber den Basler Pharma- und Chemieaktien stark an Terrain eingebüsst. Die Bedingungen für das Wachstum der Schweiz in den nächsten dreissig Jahren werden nicht die gleichen sein wie in den letzten drei Dekaden.

Myret Zaki
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Die Schweizer Wirtschaft hat sich immer an die globalen Umstände angepasst. Das Wachstum stammt aus dem internationalen Bankwesen, das sich in Zürich konzentriert, und von den Pharmaunternehmen von Weltrang, die hauptsächlich in Basel angesiedelt sind. Der Swiss Market Index (SMI) spiegelt die Bedeutung dieser beiden Pole des Wohlstands. Er beruht auf einer besonderen Mischung aus regulatorischen Bedingungen wie Neutralität und Bankgeheimnis sowie einem ausgezeichneten Bildungswesen und Know-how.

Da das Schweizer Wachstum jedoch in hohem Masse dem internationalen Kontext ausgesetzt war, kam es zu einigen grossen Umwälzungen, die zu einem allmählichen Niedergang von Zürich und einem gleichzeitigen Aufstieg von Basel führten. Die Zürcher Finanzbranche erlitt vor zwanzig Jahren nach dem Platzen der Dotcom-Blase einen ersten Schock; der Sektor verlor im SMI etwas an Gewicht, während die Basler Gesundheitskonzerne mehr Platz im Blue-Chip-Index einnahmen. Das Gewicht der Zürcher Finanzwerte im SMI sank von 30 auf 21%, womit sie sich ihrem Gewicht von 1992 (19,8%) annäherten. Der Anteil der Basler Aktien, im Wesentlichen Pharma- und Chemiewerte, stieg dagegen 2002 sprunghaft von 42% auf 50%.

Das letzte Hurra vor der Finanzkrise

Nach 2008 führte ein weiterer Rückgang bei den Finanzwerten zu einer noch stärkeren Gewichtung des Gesundheitssektors. Eine Phase der Bankeneuphorie hatte die Finanzwerte davor innerhalb des SMI zu ihrem Höhepunkt geführt, wobei die UBS im Jahr 2006 mit 160 Mrd. Fr. fast das Dreifache ihres heutigen Wertes erreichte und Zürich zum Zentrum des Schweizer Wachstums machte.

Und seit 2017, mit dem Boom der Kryptowährungen, dem Abstieg von Julius Bär aus dem SMI, den Problemen bei der Credit Suisse und den positiven Auswirkungen der Covid-Medikamente auf die Pharmawerte, hat sich der Abstand nur noch vergrössert. Heute machen alle Blue Chips mit Sitz in Zürich, unabhängig vom Sektor, nur 13% des SMI aus. Die in Basel ansässigen Konzerne haben einen Anteil von gegen 40%.

Was die Sektoren anbelangt, so haben die Schweizer Pharmawerte unabhängig vom Standort die Finanztitel übertroffen, und zwar nicht nur, weil erstere defensiv und letztere zyklisch sind, sondern auch, weil sich die Pharmaindustrie in einem säkularen Wachstumstrend befindet, der mit der weltweiten Demografie zusammenhängt. Derweil sind die Banken in einem säkularen Abwärtstrend, der mit schwierigen technologischen Entwicklungen zusammenhängt.

Die Aktien der Credit Suisse haben mehr als 90% verloren

Die Bewertungen von Schweizer Pharma- und Chemiewerten sind innerhalb des SMI im Laufe der Jahrzehnte gestiegen und haben ihr SMI-Gewicht von 36% Ende 2001 auf 41% im Jahr 2017 und heute auf 46% erhöht. Andererseits ist der Anteil der Finanzvaloren im SMI von 35% Ende 2001 auf 22% im Jahr 2017 und auf nur noch 14,8% im Jahr 2022 gesunken. Dies ist zum grossen Teil darauf zurückzuführen, dass die Aktie der Credit Suisse in 15 Jahren mehr als 90% ihres Wertes verloren hat (und die UBS fast 80%). In den Top Ten des SMI finden sich nur noch zwei Finanztitel, nämlich Zurich und UBS, wie aus den Zahlen von SIX und Bloomberg hervorgeht.

Ein Blick auf den SMI liefert wertvolle Informationen darüber, was die Schweizer Wirtschaft hauptsächlich antreibt. Heute dominieren Nahrungsmittel-, Pharma- und Chemiebranchen und gedeihen als Weltmarktführer am besten. Der Rückzug des Finanzsektors spiegelt den Margenschwund im Vermögensverwaltungsgeschäft nach dem Ende des internationalen Bankgeheimnisses, die Schwierigkeiten beim Eintritt in den amerikanischen Corporate-Finance- und Investment-Banking-Markt, aber auch die Herausforderungen für das Trade-Finance-Geschäft im globalen Rohstoffhandel und das Ende der Bankenneutralität im Zusammenhang mit dem Krieg.

Der Bewertungsrückgang bei den Banken ist auch ein Beleg dafür, dass Fintech eine globale Angelegenheit ist, bei dem das Silicon Valley und China am besten positioniert sind. Eines ist jedoch sicher: Die Faktoren, die das Wachstum der Schweiz in den letzten drei Jahrzehnten angetrieben haben, werden nicht die gleichen sein, die das zukünftige Wachstum bestimmen werden.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.