Meinung

The Great Progression: Das Jahrzehnt massiver Beschleunigung

Megatrends wie Klimawandel, Digitalisierung, Monetisierung und politische Spaltung werden die Zukunft entscheidend verändern. Diese Dynamik ist bereits deutlich spürbar, wird sich bis 2030 aber noch weiter beschleunigen – mit oftmals disruptiver Kraft. Was sich abzeichnet, ist das Bild einer «Grossen Progression».

Heinz-Werner Rapp
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Die weltweite Corona-Pandemie hat Alltag und Arbeitswelt bis auf die Grundfesten erschüttert. Sie ist jedoch nur ein plakatives Beispiel für die Art disruptiver Entwicklungen, die unsere Welt derzeit tiefgreifend verändern und dies auch in Zukunft tun werden. Auslöser dafür sind starke strukturelle Trends, die sich mit grosser Wucht und hoher Dynamik entfalten. Diese Megatrends finden zeitgleich in den verschiedensten Bereichen statt, betreffen aber speziell die Felder Technik, Politik, Finanzsystem und Umwelt, wobei der Klimawandel eine zentrale Rolle spielt.

Unsere gesamte Gesellschaft ist von diesen Veränderungen stark betroffen. Manche dieser Umwälzungen sind positiv, andere eher negativ. Wichtige Themenbereiche wie der globale Klimawandel haben sogar existenzielle Relevanz. Gemeinsamer Faktor ist jedoch vor allem eines: ein progressives Verlaufsmuster, das ungewöhnlich starke, extrem dynamische und oftmals exponentielle Trendentwicklungen mit sich bringt. Das Besondere dieser progressiven Trends ist jedoch nicht nur deren hohe Dynamik, sondern auch ihre Gleichzeitigkeit und Parallelität in der Dekade bis 2030. Wir bei Feri haben dafür den Begriff der «Progressive Twenties» geprägt.

Stärkste progressive Treiber sind die Bereiche Technik, Umwelt und Finanzsystem

Drei Bereiche stechen besonders hervor: das Feld Technik/Technologie, das globale Finanzsystem sowie – von überragender Bedeutung – das Thema Umwelt/Klimawandel.

Im Bereich Technik steht der Megatrend Digitalisierung in den kommenden zehn Jahren vor einer massiven Progression. Speziell der Vormarsch von Künstlicher Intelligenz und der Durchbruch von Quantencomputern erzeugen starke Wirkungsketten und exponentielle Trends. Im Kontext der Künstlichen Intelligenz werden moderne Computersysteme, aber auch alltägliche Gegenstände (smart devices), schon in wenigen Jahren zu kaum vorstellbaren Leistungen befähigt sein und unser Verständnis von Intelligenz revolutionieren. Dies wird der Wissenschaft auf vielen Gebieten enorme Fortschritte ermöglichen, unter anderem in der Biotechnologie, der Material- und Medizinforschung sowie der Klima- und Weltraumforschung.

Beim globalen Finanzsystem sind Stichworte wie Asset Price Inflation, also die massive Aufblähung von Finanzmärkten durch neu gedrucktes Notenbankgeld, sowie monetäre Verwässerung die entscheidenden Parameter. Begleitend dazu entwickelt sich das Phänomen der finanziellen Repression, schon heute deutlich sichtbar an globalen Niedrigzinsen, Nullzinsen oder sogar Negativzinsen, wie etwa in der Europäischen Währungsunion (EWU). Die Bilanzen grosser Notenbanken wurden bereits in den letzten zehn Jahren durch progressive Geldschöpfung oftmals um das Zehnfache ausgeweitet.

Inzwischen hat die neue Geldschöpfung solch enorme Ausmasse erreicht, dass das gesamte Finanzsystem gravierende Verzerrungen und Aufblähungen aufweist. Da ein kontrollierter Ausstieg aus der Politik monetärer Verwässerung kaum noch möglich ist, wächst auch die Wahrscheinlichkeit steigender Inflation in den kommenden Jahren progressiv. Mit anderen Worten: Die Notenbanken haben sich auf eine Reise begeben, die nahezu unumkehrbar ist – ihre Geldpolitik folgt einem progressiven Pfad, der langfristig nicht tragbar ist und an dessen Ende Inflation und/oder monetäre Zerrüttung droht.

Es droht der Point of No Return

Im Bereich Umwelt ist schon jetzt eine Vielzahl besorgniserregender Entwicklungen zu beobachten, überwiegend als Folge des Klimawandels und der nachweisbaren Erderwärmung. Der globale Klimawandel ist somit das perfekte Beispiel für progressive Trends, da hier sehr viele Faktoren ineinandergreifen, sich gegenseitig verstärken und über dynamische Rückkopplungen und das Auslösen wichtiger Kipp-Punkte (Trigger Points) heftige Dominoeffekte auslösen.

Falls bis 2030 kein massiver Rückgang beim Ausstoss klimaschädlicher Emissionen erfolgt, wird bei der Erderwärmung nach Ansicht führender Klimawissenschaftler ein kritischer Point of No Return erreicht und überschritten. Um noch «irgendwie» einen möglichst milden Verlauf dieser Progression zu organisieren, sind massive Programme zur Dekarbonisierung der gesamten Weltwirtschaft und zur Veränderung bisheriger klimaschädlicher Verhaltensweisen unerlässlich.

Investitionen in die grüne Transformation der Schlüsselindustrien müssen jetzt getätigt werden, flankiert von wirtschaftlichen und regulatorischen Anreizen für klimaneutrale Technologien. Diese massive Transformation dürfte für viele Wirtschaftsbereiche schmerzhaft sein, zugleich aber strategischen Investoren auch ein breites Feld attraktiver Anlagemöglichkeiten bieten.

Weltwirtschaft an der Schwelle zur Bifurkation

Zusätzlich zu den drei genannten Kernbereichen entwickeln sich auch im Bereich der Geopolitik bedeutsame Trends, die die «Progressive Twenties» prägen: Seit einigen Jahren schwinden Kohärenz und Dominanz des Westens; gleichzeitig verstärkt sich der globale Führungsanspruch von China – beides mit progressiver Tendenz. Dies verstärkt die strategische Rivalität zwischen der bisherigen Supermacht USA und der aufstrebenden Grossmacht China, die in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird.

Andere Länder und Regionen werden hierdurch ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen, so auch Europa als export- und handelsorientierter Block. Schon jetzt gibt es eindeutige Signale einer strategischen Abkopplung (Decoupling) des chinesischen Wirtschaftssystems, mit dem Ziel grösserer Autarkie. Die Weltwirtschaft steht damit an der Schwelle einer Aufspaltung in zwei Hemisphären (Bifurkation), die sich in Zukunft progressiv verschärfen könnte.

Die «Progressive Twenties» bieten auch Chancen

Die Dekade der Great Progression wird ein Jahrzehnt massiver Beschleunigung, und zwar in vielen Bereichen gleichzeitig. Die zugrunde liegenden progressiven Trends werden enorme Veränderungen und Umbrüche auslösen, vielfach sehr schnell und überraschend. Deshalb ist die Gefahr gross, dass derartige Trends lange unterschätzt oder ignoriert werden.

Da progressive Trends Entscheidern oftmals nur eine sehr begrenzte Reaktionszeit bieten, ist es umso wichtiger, frühzeitig informiert zu sein, um schnell handeln und auch unter Zeitdruck weitreichende Entscheidungen treffen zu können. Das gilt sowohl für die Politik als auch für Unternehmer und Investoren. Die «Progressive Twenties» repräsentieren aber nicht nur verschärfte Probleme, sondern bieten Investoren auch ein breites Spektrum an Möglichkeiten, um daran mit attraktiven Renditechancen zu partizipieren.

Dieser Artikel basiert in Teilen auf einer aktuellen Studie des Feri Cognitive Finance Institute mit dem Titel «The Great Progression: Das Jahrzehnt massiver Beschleunigung – Ursachen und Konsequenzen».

Heinz-Werner Rapp

Heinz-Werner Rapp ist Vorstand und CIO beim unabhängigen Investmenthaus Feri mit Standorten in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz, wo er die Anlagestrategie und sämtliche Investmentaktivitäten verantwortet. Rapp beschäftigt sich seit Jahren mit neuartigen Kapitalmarktmodellen und hat zuletzt die Grundlagen der «Cognitive Finance»-Theorie entwickelt. 2016 gründete er das Feri Cognitive Finance Institute als strategisches Forschungszentrum und kreative Denkfabrik der Feri-Gruppe. Seine aktuellen Interessen- und Analyseschwerpunkte sind Komplexitätstheorie, progressive Trends sowie systemische Risiken als Folge weltweit exzessiver Notenbankpolitik. Rapp hat an der Universität Mannheim Wirtschafts- und Rechtswissenschaften studiert und 1994 dort über psychologisch geprägtes Anlegerverhalten doktoriert.
Heinz-Werner Rapp ist Vorstand und CIO beim unabhängigen Investmenthaus Feri mit Standorten in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz, wo er die Anlagestrategie und sämtliche Investmentaktivitäten verantwortet. Rapp beschäftigt sich seit Jahren mit neuartigen Kapitalmarktmodellen und hat zuletzt die Grundlagen der «Cognitive Finance»-Theorie entwickelt. 2016 gründete er das Feri Cognitive Finance Institute als strategisches Forschungszentrum und kreative Denkfabrik der Feri-Gruppe. Seine aktuellen Interessen- und Analyseschwerpunkte sind Komplexitätstheorie, progressive Trends sowie systemische Risiken als Folge weltweit exzessiver Notenbankpolitik. Rapp hat an der Universität Mannheim Wirtschafts- und Rechtswissenschaften studiert und 1994 dort über psychologisch geprägtes Anlegerverhalten doktoriert.