Meinung

Trumps «Götterdämmerung» – eine geopolitische Sicht auf die Chaosstunden

Die Bilder aus Washington vermittelten den Eindruck der Führungslosigkeit. Wer annimmt, dass amerikanischer Widerstand momentan weltweit gelähmt ist, wird versucht sein, die Gunst der Stunde für die Ausweitung eigener Interessen zu nutzen.

Philippe Welti
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Am 6. Januar 2021 schickte sich das amerikanische Parlament an, den Wahlsieg Joe Bidens über Präsident Trump formell zur Kenntnis zu nehmen.

An diesem Tag wiegelte Trump in Washington eine riesige Ansammlung seiner Anhänger auf, das Capitol zu stürmen und den laufenden Parlamentsvorgang zu unterbrechen. Die Chaos-Bilder gingen zeitgleich um die Welt, fünf Tote sind bisher zu beklagen, zahllose Strafverfahren wurden eingeleitet, materieller Schaden wird ermittelt und die amerikanische Politik quält sich in ausufernden Debatten durch die Fragen, ob Trumps Präsidentschaft noch vor dem 20. Januar beendet werden soll, und wenn ja, wie.

Eine der innenpolitischen Klagen betrifft die Wirkung, die die Bilder der Chaosstunden auf die Welt haben. Ausländische Regierungschefs werden zitiert, Boris Johnson, Angela Merkel, andere. Alle beklagen den Schaden, den der Ruf der globalen Führungsmacht erlitten hat.

Auffällig ist Nancy Pelosis Sorge und Rückfrage beim obersten amerikanischen Militär, ob es dem noch im Amt stehenden Präsidenten möglich wäre, ungehindert nukleare Waffen irgendwo in der Welt einzusetzen. Präsident Trump wird mittlerweile weitherum als «out of his mind» betrachtet, und es wird ihm zugetraut, aus reiner Wut und Rache Zerstörung in die Welt zu tragen: Amerika als Gefahr für die Welt.

Weltweit vermutete Handlungsunfähigkeit

Es fehlt bisher eine Debatte über die Auswirkung des Reputationsschadens und der weltweit vermuteten Handlungsunfähigkeit der USA, auf die tatsächliche Sicherheitslage des Landes zu reagieren. Die Sicherheitslage befindet sich bis zur Funktionsfähigkeit der neuen Regierung in zwei oder drei Wochen in einer kritischen Situation.

Der wichtigste Aspekt der Chaos-Bilder aus Washington ist die erkennbare politische Lähmung der obersten Führung in Washington und die daraus abgeleitete Annahme, dass die USA auch weltweit bei der Aufrechterhaltung ihrer strategischen Positionen führungslos sind. Wer damit rechnet, dass amerikanischer Widerstand gegenüber strategischen Herausforderungen gelähmt ist, kann versucht sein, die Gunst der Stunde für die Ausweitung eigener Interessen zu nutzen.

Die Versuchungen Chinas

Chinas Führung, beispielsweise, hat viele solcher Versuchungen. Der ungestörte Ausbau chinesischer maritimer Positionen im Südchinesischen Meer ist die wahrscheinlichste Option. Ebenso sicher dürfte die antidemokratische Repression in Hongkong von der Schädigung des amerikanischen Demokratievorbilds profitieren.

In allen Weltregionen, die vom Projekt der chinesischen «Seidenstrasse», der «Belt and Road Initiative», erfasst oder angepeilt werden, werden überdies auch amerikanische Gegenpositionen unter verstärkten Druck geraten. Die ganz grosse Versuchung, und damit eine Kriegsgefahr für die Welt, wäre der Glaube der chinesischen Führung, dass der Moment gekommen sei für eine militärische Operation gegen Taiwan.

Es mag zwar ein zuverlässiges Merkmal chinesischer Aussenpolitik sein, direkte militärische Konfrontationen zu vermeiden. Es gibt aber keine Garantien gegen Fehlkalkulationen, die auch in Beijing gemacht werden können.

Zu ähnlichen Abenteuern könnte sich auch die nordkoreanische Führung versucht sehen, wenn sie annimmt, dass sich die USA einem neuen kriegerischen Abenteuer gegen Südkorea nicht widersetzen würden.

Schliesslich ergäben sich für diverse Akteure im Mittleren Osten, der Grossregion permanenter Krisen und Konflikte, mehrfache Versuchungen zur Überschreitung roter Linien zulasten der strategischen Interessen der USA.

Wahrnehmung schafft Realität

Nun ist zuverlässig anzunehmen, dass die globale Steuerung strategischer amerikanischer Interessen auch gegen momentane politische Schwächeanfälle in Washington geschützt ist. Eine nukleare Wahnsinnstat eines mental gestörten Präsidenten, beispielsweise, wird durch ein System mehrfacher interner Sicherungen verunmöglicht, wie die höchsten Militärs der Kongressvorsitzenden Nancy Pelosi versichert haben.

Aber bereits die durch Chaos-Bilder vermittelte Möglichkeit einer momentanen Führungslosigkeit ist eine strategisch relevante Realität, denn «perceptions are reality, too».

Philippe Welti

Philippe Welti ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Indien und in Iran. Davor war er Politischer Direktor im Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) im Range eines Botschafters. Heute arbeitet er als Experte für Geopolitik und Strategie mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell über den Mittleren Osten und den Raum um den Persischen Golf. Zusammen mit dem ehemaligen Botschafter Daniel Woker hat Welti das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geostrategische Analysen und geopolitische Due Diligence spezialisiert.
Philippe Welti ist ehemaliger Botschafter der Schweiz in Indien und in Iran. Davor war er Politischer Direktor im Eidg. Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) im Range eines Botschafters. Heute arbeitet er als Experte für Geopolitik und Strategie mit regelmässiger Vortragstätigkeit und Veröffentlichungen über den Grossraum Asien-Pazifik, speziell über den Mittleren Osten und den Raum um den Persischen Golf. Zusammen mit dem ehemaligen Botschafter Daniel Woker hat Welti das Unternehmen Share-an-Ambassador gegründet, das sich auf geostrategische Analysen und geopolitische Due Diligence spezialisiert.