Meinung

Aus Überfluss wird Knappheit

Wir haben uns an Überfluss bei Kapital, Arbeit, Rohstoffen und Wissen gewöhnt. In einer solchen Welt brauchen Anleger keine Angst vor steigenden Preisen zu haben. Doch die Zeiten dürften sich ändern.

Louis-Vincent Gave
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Die Lektüre von Thomas Malthus' Untergangsprognosen für die Menschheit veranlasste Thomas Carlyle, die Wirtschaftswissenschaften als «trostlose Wissenschaft» zu bezeichnen. Der Spitzname blieb haften. Das macht Sinn: Ökonomen beschäftigen sich mit der Frage, wie knappe Ressourcen – Land, Arbeit, Kapital oder Rohstoffe – am besten für das Allgemeinwohl eingesetzt werden können. Der Gedanke der Knappheit untermauert daher das gesamte Konzept der Wirtschaftswissenschaften als Disziplin.

Die letzten Jahrzehnte haben dieses Konzept jedoch erschüttert:

  • Die Globalisierung hat der Vorstellung, dass es einen Mangel an Arbeitskräften geben könnte, ein Ende bereitet; eine Schlussfolgerung, die durch die rasanten Fortschritte bei künstlicher Intelligenz und Robotik noch verstärkt wurde.
  • Die Schieferölrevolution zerstörte die malthusianische Idee des «Peak Oil», eine Entwicklung, die durch die heutigen Hoffnungen auf eine grüne Energiewende noch verstärkt wird.
  • Dank der Zentralbanken, die vielerorts Null- oder sogar Negativzinsen einführen, ist Kapital kaum noch knapp.

Hinter diesen Verschiebungen steht die bedeutendste Entwicklung von allen: dass Wissen zunehmend der wichtigste Input im Produktionsprozess ist. Und Wissen ist, im Gegensatz zu anderen Ressourcen, weder knapp, noch erschöpft es sich, wenn es genutzt wird. Im Gegenteil: Wenn man Wissen teilt, hat man am Ende nicht weniger, sondern vielleicht sogar mehr. In einer solchen Welt des «Überflusses» braucht man keine Angst vor höheren Preisen zu haben; jeder Preisanstieg wird nur vorübergehend sein.

Aber befinden wir uns heute noch in einer Welt des Überflusses?

Angesichts der Tatsache, dass das Fed jeden Monat 120 Mrd. $ in die US-Wirtschaft pumpt, mangelt es der Welt nicht an Kapital. Und da das globale Bevölkerungswachstum nun sinkt, geht uns offensichtlich auch nicht das Land aus. Ich verzichte daher auf eine Diskussion dieser Inputs in der wirtschaftlichen Gleichung und konzentriere mich auf Arbeit, Rohstoffe und Wissen, wo die Schlussfolgerungen viel weniger eindeutig sind.

1. Arbeit

Von Krisen wird manchmal gesagt, dass sie Trends beschleunigen, die sich ohnehin schon abzeichneten. Dies war bei der Krise 2008 der Fall. Das Jahrzehnt vor der Hypothekenkrise war durch eine Beschleunigung der Globalisierung gekennzeichnet. Nachdem China 2001 der Welthandelsorganisation beigetreten war, wurden ganze Lieferketten neu ausgerichtet, um von Chinas einzigartigem Angebot zu profitieren: eine Infrastruktur mit Industrieländer-Qualität zu Preisen der Dritten Welt.

Dann kam das Jahr 2008, und der Welthandel brach zusammen, da die Handelsfinanzierung eingefroren war. China reagierte mit einem keynesianischen Plan für Infrastrukturausgaben in nie gekanntem Ausmass: Projekte für Hochgeschwindigkeitseisenbahnen, Autobahnen, Kanäle und Flughäfen, die für das folgende Jahrzehnt geplant waren, wurden vorgezogen und in nur wenigen Jahren umgesetzt.

Gleichzeitig versprachen die politischen Entscheidungsträger in aller Welt, die protektionistischen Fallstricke zu vermeiden, die in den Dreissigerjahren die Weltwirtschaft in den Abgrund gerissen hatten. In der ultimativen Show der Globalisierung schufen sie die G-20.

Aber was wirklich zählte, war, dass dank Chinas pharaonischer Infrastrukturausgaben Hunderte von Millionen chinesischer Arbeiter in die Weltwirtschaft gebracht wurden. Vor 2008 produzierte ein Unternehmen, das Waren in China herstellte, typischerweise entweder im Perlflussdelta oder im Jangtse-Delta. Nach 2008 konnten westliche Unternehmen Rohstoffe und Komponenten nach Chongqing, Zhengzhou oder Wuhan verschiffen und dann die hergestellten Waren wieder zurückschicken. Und natürlich waren die Arbeiter in Chongqing oder Zhengzhou um einiges billiger als die in Shenzhen und Schanghai, und sie waren reichlich vorhanden.

Wenn das Jahr 2008 die Globalisierung beschleunigt hat, ist es wahrscheinlich, dass Covid in die Geschichte eingehen wird, weil es die Relokalisierung der Lieferketten beschleunigt hat. Erstens waren schon vor 2020 protektionistische Tendenzen auf dem Vormarsch. Zweitens begannen die USA und andere westliche Demokratien – vor allem Australien, Kanada und Grossbritannien – schon vor Covid, die wachsende Bedeutung Chinas in globalen Lieferketten infrage zu stellen. Nun hat die Covid-Krise deutlich gemacht, dass optimierte Lieferketten zwar effizient, aber von Natur aus fragil sind.

Kombiniert man dies mit den Bestrebungen in der gesamten westlichen Welt, entweder (i) die Mindestlöhne zu erhöhen, wie in den USA, oder (ii) die Menschen dafür zu bezahlen, dass sie zu Hause bleiben und Netflix schauen, wie unter Frankreichs chômage partiel, scheint es wahrscheinlich, dass die Tage des Überschusses des Arbeitsangebots hinter uns liegen. In der Tat ist eines der interessanten Merkmale der Rezession 2020, dass sie im Gegensatz zu früheren Abschwüngen das Lohnwachstum völlig unberührt gelassen zu haben scheint.

Vielleicht liegt der Einbruch des Lohnwachstums also noch vor uns. Oder ist es dieses Mal anders, und der deflationäre Druck, der von einem reduzierten Lohnwachstum nach einem Konjunktureinbruch ausgeht, gehört der Vergangenheit an?

Quelle: Gavekal Research

2. Rohstoffe

Bislang war 2021 ein solides Jahr für die meisten Rohstoffe. Aber wenn Sie nicht direkt in Kupfer, Stahl, Nickel oder Lithium investiert sind, interessiert Sie die Entwicklung der einzelnen Rohstoffe wahrscheinlich nicht so sehr. Wie viel Kupfer oder Zinn verbraucht man täglich? Die einzigen beiden Rohstoffe, die für den Durchschnittsverbraucher von Bedeutung sind, sind Nahrungsmittel und Energie. Und im Moment notieren sowohl die Energie- als auch die Nahrungsmittelpreise über ihren einjährigen gleitenden Durchschnitten, wobei die gleitenden Durchschnitte nach oben tendieren.

Quelle: Gavekal Research

Von diesen beiden ist der Energiepreis der wichtigere, und sei es nur, weil Änderungen des Energiepreises die Preise der meisten anderen Rohstoffe beeinflussen. Der Anbau von Nahrungsmitteln ist sehr energieintensiv, ebenso wie ihr Transport. Kupfer, Silber, Gold oder jedes andere Metall aus dem Boden zu holen und in eine nutzbare Form zu bringen, ist extrem energieintensiv. Folglich hat ein steigender Energiepreis tendenziell weitreichende Auswirkungen.

Werden die Energiepreise also weiter steigen? Durchaus möglich. In letzter Zeit wurde kaum noch in die Förderung neuer fossiler Brennstoffe investiert. Wenn die Milliarden von Dollars, die von den Regierungen in grüne Technologien gesteckt werden, nicht schnell zu unvorhergesehenen Produktivitätssteigerungen in der Energieproduktion führen, wird der Mangel an Investitionen in fossile Brennstoffe wahrscheinlich einen weiteren Anstieg der Energiepreise unterstützen. Kurz gesagt, ohne eine «grüne Energierevolution» sollten wir wahrscheinlich davon ausgehen, dass die Rohstoffpreise weiter steigen werden.

Neben dem Einbruch der Investitionen in kohlenstoffhaltige Energie könnte die sich abzeichnende Wohnungsknappheit in einer Reihe von wichtigen Volkswirtschaften, einschliesslich der USA, zu einer Rohstoffinflation beitragen. Heute ist der Bestand an zum Verkauf stehenden Häusern in den USA so niedrig wie nie zuvor.

Quelle: Gavekal Research

Kombiniert man diese Wohnungsknappheit mit historisch niedrigen Zinsen, scheint die Bühne für einen Bauboom epischen Ausmasses bereitet. Dies ist wichtig, weil nur wenige Aktivitäten in der westlichen Welt so rohstoffintensiv sind wie die Bauwirtschaft. Die nachstehende Grafik zeigt den US-Holzpreis, der in den letzten zwölf Monaten um das Dreifache gestiegen ist, und veranschaulicht, welche Auswirkungen rekordtiefe Wohnungsbestände und niedrige Zinsen auf die Rohstoffpreise haben können.

Ich könnte noch weitere Beispiele für Kupfer, Nickel und andere Rohstoffe anführen. Aber es genügt zu sagen, dass die jüngste Trendwende bei den Rohstoffpreisen darauf hinzudeuten scheint, dass wir uns von einer Welt mit reichlich vorhandenen Rohstoffen zu einer Welt entwickelt haben, in der eine Reihe wichtiger Rohstoffe plötzlich knapp ist.

Quelle: Gavekal Research

3. Wissen

Das 21. Jahrhundert ist bisher das Jahrhundert des Wissensaustauschs. Das Aufkommen von Internet, Smartphones, globalen Plattformen und neuer Software hat es uns ermöglicht, Wissen auf der ganzen Welt zu teilen wie nie zuvor. In den letzten Jahrzehnten hat das Wachstum des Technologiesektors einen beispiellosen globalen Wissensanstieg ermöglicht. Aber werden sich diese Trends von hier aus beschleunigen? Oder werden sie sich zurückbilden?

Auf den ersten Blick scheint die Vorstellung, dass die Ausbreitung von Wissen einen Rückschritt machen könnte, lächerlich. Es ist ja nicht so, dass ein Brand in der grossen Bibliothek von Alexandria die weltweite wissenschaftliche Forschung plötzlich um mehrere Jahrzehnte zurückwirft. Im Gegenteil, die Rekordgeschwindigkeit, mit der in Grossbritannien, den USA, China, Russland und anderswo Covid-Impfstoffe entwickelt und auf der ganzen Welt eingeführt wurden, legt nahe, dass wir hinsichtlich unserer Fähigkeit, Wissen zu teilen und zu nutzen, optimistisch sein können.

Dennoch sind einige aktuelle Trends besorgniserregend:

  • Big Tech ist zunehmend mehr mit dem Schutz von Monopolen beschäftigt als mit der Förderung des Wettbewerbs. Denken Sie nur an die Klagen, die letztes Jahr in der EU über Apples Praxis eingereicht wurden, von App-Entwicklern eine Provision von 30% auf ihre App-Store-Verkäufe zu verlangen – oder an Facebooks Kampf in Australien, um die Bezahlung für Nachrichteninhalte zu vermeiden.
  • Anstatt die freie Meinungsäusserung aufrechtzuerhalten, werden im Westen in den Bereichen, die eigentlich Zentren des Lernens (Universitäten), Foren für Debatten (Tech-Plattformen) und Instrumente für die Suche nach der Wahrheit (die Medien) sein sollten, die Bedingungen für Debatten immer mehr eingeengt. Ich möchte nur anmerken, dass die Verengung der Begriffe in jeder Debatte selten dem Wachstum des Wissens förderlich ist.
  • Das globale Technologieuniversum fragmentiert sich zunehmend in zwei oder sogar drei Blöcke: eine westliche Technologiewelt, die auf dem Rücken riesiger US-Konzerne aufgebaut wird, eine Technologiewelt der Schwellenländer, die von chinesischen Giganten aufgebaut wird, und zunehmend eine indische Technologiewelt, die teilweise aufgrund der nationalistischen Politik der Regierung von Narendra Modi entsteht. Wenn wir akzeptieren, dass das Wachstum der Technologie das Fundament ist, auf dem die Verbreitung von Wissen beruht, kann diese Fragmentierung kaum positiv für die zukünftige Verbreitung von Wissen sein.

Der letzte Punkt ist besonders wichtig, weil dahinter die wachsende Gefahr eines neuen kalten Krieges zwischen den USA und ihren Verbündeten auf der einen Seite und China, möglicherweise im Bündnis mit Russland, auf der anderen Seite steht. Während sich dieser kalte Krieg aufheizt, fordern Politiker in den USA die Schliessung von Chinas Konfuzius-Instituten und die Beschränkung der Zahl chinesischer Doktoranden an US-Universitäten. Mit anderen Worten: Sie wollen den Austausch von Wissen blockieren. Das macht Sinn – in Friedenszeiten wird Wissen geteilt, in Kriegszeiten, selbst in einem kalten Krieg, wird Wissen eifersüchtig gehütet.

Fazit

Wenn wir die kurzfristigen Daten beiseite lassen – seien es die Inflationszahlen, das Wachstum der US-Geldmenge, der Anstieg des US-Haushaltsdefizits oder das wachsende US-Handelsdefizit – stehen wir vor einer wichtigen strukturellen Frage. Leben wir immer noch in einem Zeitalter des Überflusses? Wenn ja, dann wird das Umfeld auf längere Sicht disinflationär bleiben. Oder treten wir nun in ein Zeitalter der Knappheit ein?

Zugegebenermassen scheint es heute keinen Mangel an Kapital zu geben; und die Zentralbanken scheinen nicht daran interessiert zu sein, eine solche Knappheit zu erzeugen. Aber darüber hinaus könnte sich die Gleichung «Überfluss versus Knappheit» vor unseren Augen verändern. Es ist unwahrscheinlich, dass im kommenden Jahrzehnt Wissen so frei geteilt werden kann wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Es ist unwahrscheinlich, dass Arbeitskräfte so reichlich vorhanden sein werden wie in den ersten Jahren des Jahrhunderts. Und, was am deutlichsten zu sehen ist, eine Reihe von Rohstoffen zeigt bereits verräterische Anzeichen von Knappheit – man kann sie schlicht nicht auftreiben.

Um diesen letzten Punkt zu illustrieren, möchte ich eine Anekdote erzählen. Ich baue derzeit ein Haus auf Vancouver Island im kanadischen Bundesstaat British Columbia um. Vor ein paar Wochen konnte mein Bauunternehmer im gesamten südlichen Teil von Vancouver Island für kein Geld der Welt Bauholz finden. Wohlgemerkt: Das ist Kanada, wo Holz scheinbar im Überfluss vorhanden ist. Das ist ungefähr so, wie wenn Paris die mürrischen Menschen ausgehen oder der Sahara der Sand. So sieht der Übergang vom Zeitalter des Überflusses zum Zeitalter der Knappheit aus.

Louis-Vincent Gave

Louis-Vincent Gave ist Gründungspartner und CEO von Gavekal Research, die er gemeinsam mit Charles Gave und Anatole Kaletsky 1999 in London ins Leben gerufen hatte. Im Jahr 2002 verliess er das Londoner Büro und kehrte nach Hongkong zurück, wo er zuvor als Finanzanalyst für Paribas gearbeitet hatte. Louis-Vincent hat einen Bachelor-Abschluss von der Duke University, und an der Nanjing University hat er Mandarin studiert. Zudem war er Oberleutnant in einem Gebirgsjägerbataillon der französischen Armee.
Louis-Vincent Gave ist Gründungspartner und CEO von Gavekal Research, die er gemeinsam mit Charles Gave und Anatole Kaletsky 1999 in London ins Leben gerufen hatte. Im Jahr 2002 verliess er das Londoner Büro und kehrte nach Hongkong zurück, wo er zuvor als Finanzanalyst für Paribas gearbeitet hatte. Louis-Vincent hat einen Bachelor-Abschluss von der Duke University, und an der Nanjing University hat er Mandarin studiert. Zudem war er Oberleutnant in einem Gebirgsjägerbataillon der französischen Armee.