Die Meinung

Und wenn der Kapitaltod vor dem Sterben kommt?

Kapital versus Rente: Das ist für viele Leute die vielleicht wichtigste Anlageentscheidung des Lebens. Bei deren Beurteilung gilt es rationale Elemente zu berücksichtigen. Doch am Schluss sind emotionale Elemente genau so wichtig.

Erwin W. Heri
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Mehr und mehr werden heute künftige Rentner vor die Frage gestellt, ob die angesparten Alterskapitalien als Rente oder als einmaliger Betrag zu beziehen sind. Es ist dies eine der schwierigsten und gleichzeitig eine der vielleicht wichtigsten Anlagefragen, die es im Leben zu beantworten gilt.

Erwin W. Heri

Erwin W. Heri ist Professor für Finanztheorie an der Universität Basel und am Swiss Finance Institute in Zürich. Neben seinen universitären Mandaten war er früher als Chief Investment Officer beim früheren Schweizerischen Bankverein (UBS), als Generaldirektor und Group CFO bei der Winterthur Versicherungsgruppe und als Chief Investment Officer bei Credit Suisse Financial Services tätig. Während rund 10 Jahren leitete er danach die Privatbankengruppe Valartis Group. Er ist Autor einer Reihe von Büchern aus dem Finanz- und Anlagebereich. Heri ist Gründer von Fintool, einer videobasierten Internetplattform für Finanzausbildung.
Erwin W. Heri ist Professor für Finanztheorie an der Universität Basel und am Swiss Finance Institute in Zürich. Neben seinen universitären Mandaten war er früher als Chief Investment Officer beim früheren Schweizerischen Bankverein (UBS), als Generaldirektor und Group CFO bei der Winterthur Versicherungsgruppe und als Chief Investment Officer bei Credit Suisse Financial Services tätig. Während rund 10 Jahren leitete er danach die Privatbankengruppe Valartis Group. Er ist Autor einer Reihe von Büchern aus dem Finanz- und Anlagebereich. Heri ist Gründer von Fintool, einer videobasierten Internetplattform für Finanzausbildung.

Tatsache ist, dass es für den Entscheid, wie man sein Alterskapital beziehen soll – wenn man denn überhaupt eine Wahl hat –, kein richtig oder falsch gibt. Und da können wir noch so viel Robotisches oder noch soviel Digitales herankarren, der Entscheid ist ausgesprochen individuell und hat neben der familiären finanziellen Situation und den rationalen Elementen eine stark emotionale Seite.

Am Ende des Tages dürfte sie das Zünglein an der Waage sein – und das soll es auch.

Die Psychologie des Sparens

Die verhaltensorientierte Forschung im Finanzbereich hat uns in den letzten Jahren Einsichten geliefert, die hier eine wichtige Rolle spielen. So ist beispielsweise die Psychologie des Sparens in unserem Kulturkreis eine sehr spezielle. Das zeigt sich nicht zuletzt an der verbreiteten Attitüde, wenn immer möglich weniger auszugeben als einzunehmen.

Das mag für unsere Ohren trivial tönen. Es ist aber keineswegs in allen Kulturkreisen der Standard. Bezüglich der Frage Rente versus Kapital ist interessant, dass diese Denkhaltung auch dann bestehen bleibt, wenn eine Rente bezogen wird. Verhaltensforscher stellen fest, dass die Regel sogar unabhängig vom Vermögen ist.

Robert Leitner betont in einem kürzlichen Artikel, dass das Ausgabe- und Sparverhalten auch im höherem Alter weniger vom Vermögensstand als vielmehr vom Renteneinkommen abhängt. Das zeigt, dass das oft analysierte «Entsparen» von aufgebauten Vermögenswerten in unseren Breitengraden ein ziemlich schwieriges Unterfangen zu sein scheint. Das in der Behavioral Finance betonte Prinzip des Mental Accounting lässt grüssen.

(Renten-)Einkommen und (Alters-)Kapital befinden sich in völlig unterschiedlichen mentalen Konten. Die unterschiedlichen mentalen Konten sind durch unterschiedliche finanzielle Verhaltensweisen, Grundsätze und Anreize charakterisiert. Diese Elemente werden beim Entscheid Rente versus Kapital eine ebenso wichtige Rolle spielen, wie die bereits betonten rational-technischen Elemente.

Deswegen ist ein Konsulent gut beraten, wenn er sich auch mit der psychologisch/emotionalen Ausstattung seiner Kundschaft auseinandersetzt: Risiken muss man nicht nur im Portemonnaie und im Kopf, sondern auch «im Bauch» aushalten können – ein nicht ganz triviales Unterfangen. Nicht zuletzt deswegen, weil in vielen Fällen bei den Diskussionen zum Alterskapital auch ein Partner, eine Partnerin, vielleicht eine ganze Familie involviert sind.

Entscheiden über das Unvorhersehbare

Natürlich hat die Bedeutung der psychologischen und emotionalen Elemente auch damit zu tun, dass inzwischen jedem bewusst ist, dass auch die rationalen Elemente der Fragestellung letztlich auf Erwartungen und Zukunftseinschätzung bezüglich an sich nicht voraussehbarer Ereignisse basieren: Lebenserwartung, Gesundheit, Finanzmarktrenditen, politische Entwicklungen, etc. Mit anderen Worten, auch das vermeintlich Rationale ist oft nicht so eindeutig wie es ausschaut.

Wir wollen versuchen, dies an einem Beispiel zu exemplifizieren, das auf Iwan Brot zurückgeht: Ein Kapitalbezug von 500'000 Fr. im Alter von 65 bei einem gemäss Budgetschätzung notwendigen Einkommen aus dem Kapital von 30'000 p.a.

Das Kapital wird alternativ mit Renditen von 0% bis max. 5% p.a. investiert. Daraus ergeben sich die unterschiedlichen Entwicklungen des Kapitalstocks nach Bezahlung der Kapitalleistungssteuer sowie dem Bezug der 30'000 Fr. zu Beginn jedes Jahres.

Auf der horizontalen Achse ist das Alter des Rentners/der Rentnerin abgetragen. Die einzelnen Linien zeigen, wie lange der Kapitalstock ausreicht, um die Budgetvorgaben (die ihrerseits auch auf Langfristeinschätzungen zu Lebensstandard, Gesundheit etc. basieren) zu erfüllen. Die Männlein/Weiblein-Skizzen illustrieren die gegenwärtige Restlebenserwartung von Männern und Frauen im Alter 65.

Der Vergleich mit den Renditelinien zeigt, welche Renditen mit dem Kapitalstock zu erwirtschaften sind, damit das Budget «bis zum durchschnittlichen Sterben» erfüllt werden kann. Oder eben: Damit der Kapitaltot nicht vor dem Lebensende kommt.

Der Umgang mit grossen Beträgen

500'000 Fr. sind ein grosser Betrag. Vielleicht der grösste Betrag, mit dem sich unser Rentner/unsere Rentnerin je beschäftigt haben. Und Renditezahlen von 3 bis 4% über einen so langen Zeitraum mögen dem einen oder anderen vielleicht trivial erscheinen.

Wir wollen dazu aufzeigen, was in den letzten zwölf Jahren in der Schweiz an den Finanzmärkten erwirtschaftet wurde. Als Beispiel dienen die durchschnittlichen Renditen der Pensionskassen.

Die roten Balken zeigen die jährliche Performance der durchschnittlichen Pensionskasse, die in der Swisscanto PK-Studie mitmachen. Das arithmetische Mittel der Renditen liegt bei 3% p.a. Ein Vergleich mit der ersten Grafik zeigt, dass der für den Aufsatz gewählte Titel durchaus nicht nur der Phantasie des Autors entspringt.

Nun mag unser Rentner der Meinung sein, er würde seine Anlagen besser verwalten als die durchschnittliche Pensionskasse und würde mit seinem immer noch relativ langen (von ihm erwarteten!) Anlagehorizont viel stärker in Aktien investieren können. Deswegen findet sich in der obigen Grafik auch noch die Performance des Schweizer Aktienmarktes über die Zeitperiode.

Flatterhafte Risikoneigung

Die Indexperformance können wir ihm allerdings nicht zugestehen. Wir haben Vermögensverwaltungskosten von 1% p.a. verrechnet (eine wahrscheinlich eher konservative Rechnung). Das hätte ihm in den letzten 13 Jahren eine durchschnittliche jährliche Rendite von etwas über 4 ½% erbracht – und wenn wir das an sich richtige geometrische Mittel wählen, wäre er auf nicht viel mehr als 3% p.a. gekommen. Und wenn wir schon über Emotionen sprechen: Es wäre zu schauen, wenn nach Entscheid des Kapitalbezugs und aggressiver Investition in den Aktienmarkt so etwas wie 2008 passiert. Risikoneigungen sind eben flatterhaft.

Eines wird bereits an diesem einfachen Denkmodell deutlich: Die Unwägbarkeiten, Unsicherheiten und damit die Risiken in solchen Analysen sind dergestalt, dass das mit Abstand wichtigste Element beim Entscheid Kapital versus Rente in der Beurteilung der verschiedensten Formen von Risikofähigkeit der involvierten Personen liegt.

Kapital versus Rente ist eine komplexe Fragestellung. Gleichzeitig ist es für viele Leute die vielleicht wichtigste Anlageentscheidung des ganzen Lebens. Bei der Beurteilung gibt es viele rationale Elemente: die finanzielle Tragbarkeit der involvierten Risiken oder die vermutete Rest-Lebensdauer.

Daneben gibt es aber mentale und emotionale Elemente, die am Schluss ebenso wichtig sind. Wir sollten ihnen mehr Beachtung schenken.

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