Meinung

Uno: 75 Jahre alt, aber nicht reif für die Rente

Dieses Jahr jährt sich die Gründung der Vereinten Nationen zum 75. Mal. Doch von Freude ist wenig zu spüren, höchstens Schadenfreude. Multilateralismus ist so angeschlagen wie lange nicht mehr. Doch das ist selbst für die Kritiker der internationalen Kooperation keine gute Nachricht.

Nicolas Zahn
Drucken
Teilen

Nicht erst seit der Corona-Krise steht es schlecht um den Multilateralismus und die Institution, die ihn verkörpert: die Vereinten Nationen. Diese feiern 2020 ihren 75. Geburtstag, doch es dürfte eine überschaubare Party werden.

Laufende Diskussionen zum Umgang der Weltgesundheitsorganisation WHO mit der Corona-Krise, ein blockierter Sicherheitsrat und ein steigendes Desinteresse bedeutender Staaten bezüglich des Engagements in und der Finanzierung von multilateralen Institutionen – allen voran die USA unter der aktuellen Regierung – dämpfen die Freude.

Dabei sind nicht nur die Vereinten Nationen und ihre zahlreichen Unterorganisationen betroffen, sondern auch andere multilaterale Institutionen, beispielsweise die Welthandelsorganisation WTO. Deren Generalsekretär räumt frühzeitig seinen Sitz und der oder die Nachfolgerin wird kein leichtes Spiel haben.

Arena der Streitigkeiten

Die grossen Mächte sehen die Institution nicht mehr als Werkzeug ihrer Interessen, sondern als Arena für ihre Streitigkeiten. Deshalb sind für den freien Handel wichtige Themen seit Jahren in der WTO blockiert und die Rücktrittsentscheidung des ehemaligen Generalsekretärs ist nur allzu nachvollziehbar.

Für einige Leute dürften diese Entwicklungen keine Überraschung sein, im Gegenteil: Ihr Misstrauen in multilaterale Institutionen ist grundsätzlich, denn für sie zählt nur der Nationalstaat als Akteur. Wer sich auf Verträge und ferne Technokraten verlassen möchte, ist nicht nur naiv, sondern schadet aus dieser Sicht seinem eigenen Land.

Der aktuelle Zustand des multilateralen Systems dient nun als Beweis zu sagen: Wir haben es immer gewusst. Dabei wird allerdings gerne übersehen, welchen Anteil das eigene Verhalten am aktuellen Zustand des multilateralen Systems hat. Denn natürlich kann eine multilaterale, d.h. aus mehreren Akteuren zusammengesetzte, Institution nur funktionieren, wenn wichtige Akteure das wollen.

Ineffiziente und intransparente Prozesse

Klar, internationale Organisationen bieten viel Angriffsfläche: von ineffizienten und intransparenten Prozessen hin zu tatenlosen Ansprachen und politischen Entscheidungen und Machtspielen, wie beispielsweise der Eiertanz der WHO in Bezug auf Taiwan. Doch egal ob Kritiker motiviert sind von Misstrauen, Zynismus oder Ideologie: Grund zur Freude dürfte der aktuelle Zustand der global governance auch für sie nicht sein.

Was wir heute sehen ist nicht nur die durchaus berechtigte Kritik an der Effizienz und Effektivität internationaler Organisationen. Vielmehr sehen wir eine Abkehr vom Grundgedanken des Multilateralismus, nämlich dass sich globale Probleme durch internationale Zusammenarbeit für alle Seiten gewinnbringend adressieren lassen.

Wenn der 75. Geburtstag schon nicht gefeiert wird, so sollte er zumindest Anlass geben, sich die Beweggründe hinter multilateralen Institutionen in Erinnerung zu rufen. Wir leben schon so lange mit ihnen, dass ihre Vorteile leicht vergessen gehen.

Die Vorteile nicht vergessen

Obwohl ihnen oft Ineffizienz nachgesagt wird, ist einer der Gründe sich als Akteur auf eine multilaterale Institution einzulassen eben gerade, dass sie eine höhere Effizienz verspricht, wenn es um die Bewältigung eines Problems mit globalem Ausmass geht. Institutionen können Ressourcen poolen, Informationsasymmetrien beheben und Verantwortung aufteilen sowie Raum ermöglichen für eine Debatte über bestimmte Regeln und Normen.

Und an Problemen mit globalem Ausmass mangelt es wahrlich nicht: Pandemie, Klimawandel aber auch die Regulierung der globalisierten Wirtschaft sowie die Regulierung des grenzüberschreitenden Phänomens par excellence: die digitalen Technologien. Trotz allen Schwächen sind multilaterale Institutionen besser gewappnet diese Probleme zu adressieren als einzelne Staaten, egal wie gross sie sein mögen.

Auch 75. Jahre nach der Gründung ist nicht die Zeit, UNO und Co. in Rente zu schicken. Zielführender wäre es – gerade für demokratische Industrienationen – sicherzustellen, dass auch in Zukunft multilaterale Institutionen in der internationalen Politik einen Beitrag zur rule of law leisten und die Institutionen im Hinblick darauf zu reformieren.

Nicolas Zahn

Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium derInternationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.
Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium der
Internationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.