Meinung

Value setzt sich durch

Trendwenden brauchen drei Ingredienzen. Sie sind für Value-Aktien alle erfüllt. Das Comeback dürfte also nachhaltig sein.

Alfons Cortés
Drucken
Teilen

In den letzten rund zwanzig Jahren ist eine Fülle akademischer Untersuchungen zum Thema Momentum erschienen. Gegenstand war nicht das Kursmomentum, sondern das Momentum eines Objektes gemessen am Momentum eines anderen Objektes. Zum Beispiel das Momentum des DJ US Value gemessen am Momentum des MSCI-Welt. Das heisst: Es wurde die relative Stärke ermittelt, oder, mit anderen Worten, das relative Momentum.

Der Befund war und ist bislang unwidersprochen eindeutig: Was während sechs Monaten relativ hohes Momentum aufwies, hat eine sehr starke Neigung, dieses Verhalten noch für lange Zeit fortzusetzen. Werner de Bondt, der in seiner Karriere Professuren an mehreren amerikanischen Universitäten innehatte, spricht von rund drei Jahren.

Ich habe mit der Zeit noch zwei weitere Ingredienzen dazugegeben. Nachstehend werde ich zeigen, dass der DJ US Value alle drei Kriterien erfüllt.

Verdrängte Informationen werden wieder beachtet

Aktienmärkte können sich über Jahre gegenüber gewissen Informationen abschotten. Irgendwann beginnen sich einzelne Populationen dafür zu öffnen. Das führt dann dazu, dass das relative Momentum sich verändert. Das geht zunächst zögerlich vonstatten, wird kaum beachtet, setzt sich gegenüber einigen Marktsegmenten dann doch langsam durch, aber nicht gegenüber anderen.

Zweifel treten auf, dass das, was ein Wandel zu sein scheint, sich nicht durchsetzen werde. Doch wenn sich das Momentum gegenüber immer weiteren Segmenten im Markt verändert, wird die lange verdrängte Information immer mehr zum bestimmenden Faktor. So geschehen mit dem DJ US Value:

Quelle: Unifinanz

Die erste zusätzliche Ingredienz einer verdrängten Information, obwohl leicht zugänglich und für alle verständlich, ist offensichtlich: die Bewertungsdiskrepanz zwischen Value- und Growth-Aktien. Die zweite Ingredienz ist in der Grafik gelb markiert: sich über sechs Monate aufbauende relative Stärke.

Die Abbildung zeigt den US-Value-Index mit seinem relativen Momentum zum MSCI-Welt im ersten unteren Fenster und zum DJ US Growth im zweiten. Hier ist von November 2020 bis jetzt genau das geschehen, was ich oben beschrieben habe.

Der Zeitfaktor ist relevant. Nachhaltige Veränderungen im Markt erfolgen nicht ruckartig. Sie brauchen Zeit. Das leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass Tausende von Menschen, die sich am Marktgeschehen beteiligen, ihre Erwartungshaltung zu künftigen Entwicklungen revidieren müssen, damit sich genau das in den relativen Preisen niederschlägt.

Die dritte Ingredienz ist das Narrativ

Noch einmal: Nicht jede Information setzt sich durch. Selbst eine so einleuchtende Information wie z.B. eine Bewertungsdiskrepanz, die fast jedermann an der Börse versteht und die lange ignoriert wurde, setzt sich erst durch, wenn sie einmal das Momentum auf ihrer Seite hat. Allerdings sieht man das nicht an ein oder zwei Gegenüberstellungen, sondern erst durch die Analyse in der Breite.

Alleinstehenden technischen Signalen einzelner Charts messe ich keine Bedeutung zu, weil sie nicht viel bringen. Ich will sehen, dass gleichgerichtete Signale sich in allen Segmenten durchsetzen, die mit einem übereinstimmenden Narrativ verbunden werden können. Relative Stärke ohne Narrativ ist wie die einsame Schwalbe, die noch keinen Frühling bringt.

Die Clusterbildung erzählt das Referenznarrativ

Die relative Stärke von unterbewerteten Sektoren und Industrien wie Energie, Banken und Minenaktien und die relative Schwäche von IT, Medical Devices, Health Care Equipment und anderen Marktsegmenten, die vom Narrativ der Schumpeter’schen schöpferischen Zerstörung profitierten, gehören in das stimmige Gesamtbild eines Bullenmarktes, der das Referenznarrativ gewechselt hat: Es wird eine Geschichte der Geldschwemme erzählt, von einer Flut, die alle Boote hebt, und von einer sich am Horizont abzeichnenden Inflation.

«Surtout pas trop de zèle, Sire» sagte Talleyrand

Den Rat des Abbés an Napoleon finde ich auch für die Börsen relevant. Sehr wenig, was über mehrere Jahre Bestand hat, verändert sich an der Börse plötzlich. Es baut sich alles sehr langsam auf. Daher sollte man auch jetzt das Kind nicht mit dem Bad ausschütten.

Erstens befinden sich der MSCI Information Technology und technologisch stark geprägte Industrien immer noch in steigenden Kurstrends, und zweitens gibt es Industrien und Wachstumsaktien aus diesem Sektor, die nach wie vor relative Stärke zum DJ US Value aufweisen. Sie sollten aber nicht mehr gegen den Nasdaq oder dem MSCI Information Technology gemessen werden, sondern gegen den MSCI-Welt, wenn man grosszügig sein will, oder gegenüber dem DJ US Value Index, wenn man einen sehr strengen Massstab ansetzen will.

Alfons Cortés

Alfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt. Er schreibt jeden zweiten Donnerstag eine Kolumne für The Market.
Alfons Cortés ist seit März 1971 professionell an der Börse unterwegs. Bis Juni 2017 war er Geschäftsführender Partner von UnifinanzTrust reg., Vaduz. Seit Juli 2017 ist er Senior Partner im Unternehmen und für den Bereich Research zuständig. Diesem hat er von Anbeginn seiner Tätigkeit an besonderes Augenmerk zukommen lassen. Daraus erwuchs die prominente Position des Unternehmens in der Anwendung von Behavioral-, Neuro- und Evolutionary Finance. Cortés hat nicht nur als Vermögensverwalter und Analyst, sondern auch als Mitglied von Anlageausschüssen institutioneller Anleger über Jahrzehnte Erfahrungen mit den Finanzmärkten gesammelt. Er schreibt jeden zweiten Donnerstag eine Kolumne für The Market.