Die Meinung

Von Auto-Complete zu Auto-Fulfill: Convenience gewinnt immer

Digitale Assistenten nehmen dem Nutzer immer mehr Arbeit ab. Die neue Bequemlichkeit hat aber ihren Preis.

Karin Frick

Karin Frick

Karin Frick ist Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI), wo sie auch das Forschungsteam leitet. Ihr Spezialgebiet sind Trends und Gegentrends in Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum. Seit ihrem Wirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen befasst sie sich mit Zukunftsthemen, gesellschaftlichem Wandel, Innovation und Veränderungen von Menschen und Märkten. So war sie Chefredaktorin von «GDI Impuls» und Geschäftsführerin der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung (swissfuture).
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Neue Technologien sollen unser Leben einfacher machen. Convenience, also effizientere und einfachere Möglichkeiten, persönliche Aufgaben zu erledigen, hat sich in den entwickelten Nationen des 21. Jahrhunderts als der mächtigste Treiber des technischen Fortschritts herausgestellt. «Convenience ist die am meisten unterschätzte und am wenigsten verstandene Kraft in der heutigen Welt», schrieb der Columbia-Professor Tim Wu letztes Jahr in der «New York Times».

Auch für Evan Williams, Mitbegründer von Twitter, ist das Internet eine riesige Convenience-Maschine. «Convenience entscheidet alles», sagte er schon 2013. Wir mögen es zwar vorziehen, selber zu kochen. Nur, Zeit ist knapp, und Fertigmahlzeiten sind praktisch und schmecken gut genug.

Noch vor neunzig Jahren wendete eine amerikanische Hausfrau im Durchschnitt zweieinhalb Stunden für die Zubereitung einer Mahlzeit auf. Heute sind es weniger als acht Minuten – falls sie überhaupt kocht. So geben amerikanische Haushalte seit 2016 mehr Geld aus für fertig zubereitete Mahlzeiten (die sie auswärts essen oder liefern lassen) als für selber gekochtes Essen.

Convenience macht andere Optionen unvorstellbar

Convenience hat die Fähigkeit, andere Optionen unvorstellbar zu machen. Wer einmal eine Waschmaschine benutzt hat, dem erscheint das Waschen von Hand absurd, auch wenn es vielleicht billiger wäre. Wer elektrisches Licht hat, nutzt Kerzenlicht nur noch als Dekoration. Wer Streaming kennt, dem erscheint das Warten auf die Ausstrahlung einer TV-Sendung zu einer bestimmten Uhrzeit unsinnig. Wer ein GPS-Navigationsgerät besitzt, nimmt Landkarten, wenn überhaupt, nur noch für den Notfall mit. Ohne Lift lassen sich die oberen Stockwerke in Hochhäusern kaum vermieten. Wer es gewohnt ist, via Smart-Phone 24/7 auf jeden Service Zugriff zu haben, will sich nicht mehr anstellen und warten.

Der Siegeszug der Convenience geht weiter, jede neue Technik-Generation bringt uns dem Traum des voll automatisierten Schlaraffenlebens einen Schritt näher. Die grossen Tech-Firmen Amazon, Google, Facebook, Apple und Microsoft versprechen, dass ihre smarten Assistenten bald schon selbständig die besten Angebote, die billigsten Flüge, die schnellsten Verbindungen oder massgeschneiderte Menüs für uns auswählen – auf Auto-Complete folgt Auto-Fulfill.

Smarte Assistenten sind bequemer als Suchmaschinen, weil man nicht mehr tippen muss, sondern mit ihnen spricht wie mit einem Menschen. Zudem geben sie nur eine einzige – perfekte – Antwort und entlasten uns damit von der Qual der Wahl.

Die nächste Convenience-Welle wird uns sogar von Interfaces befreien: von Tastaturen, Bildschirmen, Browsern und vom Steuerrad. Technik verschwindet, so dass wir die Hände, die Augen und den Kopf frei haben für das, was uns wirklich wichtig ist.

Einchecken und bezahlen mit Gesichtserkennung

Ein Beispiel: An immer mehr Flughäfen kann man mit Gesichtserkennung einchecken und so alle Kontrollpunkte passieren, ohne umständlich in den Taschen nach Pass, Bordkarte oder Smart Phone zu kramen. Bereits ist in China auch das Bezahlen per Gesicht möglich, seit der Messenger-Dienst WeChat vor kurzem FacePay eingeführt hat.

Wer einkaufen geht, wird in Zukunft also weder an Kreditkarten noch an das Mobile Phone denken müssen und braucht sich auch keine Sorgen zu machen wegen Diebstahl oder Verlust. Transaktionen werden zunehmend im Hintergrund abgewickelt, von Maschine zu Maschine. Deren Nutzereinstellungen passen sich flexibel an die Bedürfnisse der Menschen an und werden wohl bald nur noch beachtet werden, wenn einmal etwas nicht funktioniert.

Das Leben wird eintöniger

Mehr Bequemlichkeit kostet, doch die Konsumenten sind bereit, dafür zu zahlen: mit Geld, mit Daten – und mit Langeweile. Denn mit der Ausweitung der Komfortzone ist das Leben auch eintöniger geworden. Der Ökonom Tibor Scitovsky prägte dafür bereits 1976 eine wunderbare Formel: «Comfort gained, pleasure lost.»

Doch auch wenn das Bewusstsein für die Nachteile von Convenience wächst und Langzeitschäden wie Übergewicht, Bewegungsmangel und Konzentrationsstörungen immer evidenter sind, werden nur wenige Menschen dauerhaft auf die Dienste der zahlreichen technischen Helfer verzichten wollen oder können.

Die Anbieter von Convenience werden lernen, ihre Angebote auf die individuelle Comfort-Pleasure-Balance jedes Nutzers abzustimmen – und mit spielerischen Micro-Herausforderungen unsere Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Sie nehmen uns lästige, unangenehme Aufgaben ab und schaffen so mehr Zeit für Dinge, für die wir uns gerne freiwillig anstrengen, wie zum Beispiel musizieren, bergsteigen, gärtnern und kochen. Convenience gewinnt immer.