Meinung

Grösser ist nicht immer besser

Plattformen und ihre Investoren realisieren erst langsam, dass das Streben nach Grösse und Marktdominanz auch mit höheren Erwartungen zusammenhängt. Stellt sich diese Erkenntnis nicht schnell ein, drohen unangenehme Überraschungen.

Nicolas Zahn
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«Move fast and break things!»

Das ehemalige interne Motto von Facebook steht stellvertretend für einen Kerngedanken digitaler Start-ups: Es muss schnell vorwärts gehen. Wachstum steht über allem, die Profite kommen später. Denn in der Plattform-Ökonomie, in der sich viele Tech-Startups sehen, herrscht die Maxime «the winner takes it all». Also muss so schnell wie möglich eine grosse Nutzerbasis erreicht werden, um so den Markt zu dominieren.

Diese Ansicht ist nicht nur unter Gründerinnen, sondern auch unter Investoren weit verbreitet. So macht zum Beispiel der Risikokapital-Investor Peter Thiel in seinem Buch «Zero to One» keinen Hehl daraus, dass er Monopole einem kompetitiven Umfeld vorzieht. Gerade digitale Start-ups sind unter anderem aufgrund von Netzwerkeffekten prädestiniert, in bestimmten Bereichen monopolähnliche Bedeutung zu erlangen. Google und Facebook dienen ihnen als Vorbild.

Enttäuschende «Unicorns»

Die Sehnsucht nach marktdominierenden Akteuren äussert sich auch im unsäglichen Begriff der «Unicorns». Als solche «Einhörner» werden Start-ups mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar bezeichnet. Dass sich solche Bewertungen nicht selten als Wunschdenken erweisen, zeigen diverse enttäuschende oder abgesagte Börsengänge der jüngeren Vergangenheit wie zum Beispiel WeWork.

Doch selbst wenn sich ein Start-up tatsächlich beweist und in einem Marktbereich immer dominierender wird, so zeigt sich bald die Kehrseite der Skalierungsmaxime. Denn wer eine bestimmte Grösse erreicht, erhält auch mehr Aufmerksamkeit – nicht nur von Konkurrenten, sondern auch von Regulatoren und der Öffentlichkeit. Sowohl Kunden als auch der Gesetzgeber haben nämlich an ein etabliertes Unternehmen einer bestimmten Grösse ganz andere Erwartungen als an ein unbeflecktes Start-up.

Das Problem der Skalierungsmaxime ist ein Doppeltes. Erstens skalieren nicht alle Aspekte einer Firma gleich gut, und zweitens werden Probleme, etwa mit dem Geschäftsmodell, erst ab einer bestimmten Grösse ersichtlich und können dann nur noch mit erheblichem Aufwand gelöst werden. Anders gesagt: Im Wachstumswahn von Technologie-Start-ups ist der Keim des Backlashs bereits enthalten.

Ein Lob auf die Nische

So wirkt selbst ein Gigant wie Facebook gelinde gesagt unbeholfen, wenn er mit Anfragen von amerikanischen oder europäischen Regulatoren konfrontiert wird. Die Facebook-Führung hat regulatorische Probleme unter dem Vorwand der «freien Innovation» lange ausgeblendet und sieht Probleme, die im Nachhinein offensichtlich scheinen, nur langsam ein. Zudem richten sich die Fragen, die durch die Öffentlichkeit aufgeworfen werden, mittlerweile so zentral auf das Geschäftsmodell, dass Facebook wohl noch einige Zeit keine schlauen Antworten auf die berechtigte Kritik finden wird – Stichwort fact-checking politischer Werbungen.

Es darf davon ausgegangen werden, dass die Firmen nicht unter dem gleichen Druck und der gleichen Beobachtung stehen würden, wären sie nicht so schnell so gross geworden. Als Nischenplayer geniesst man mehr Narrenfreiheit; als only game in town dagegen muss man damit rechnen, an die kurze Leine genommen zu werden.

Diese Dynamik ist eigentlich vorhersehbar. Umso erstaunlicher ist es, dass viele Unternehmen schlecht darauf vorbereitet sind. Würde ein Bruchteil der Energie, welche in kompromissloses Wachstum fliesst, in regulatorische Antizipation und kritisches Hinterfragen des Geschäftsmodells fliessen, wäre dies längerfristig eventuell lohnender.

Nicolas Zahn

Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium derInternationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.
Nicolas Zahn arbeitet als Business Consultant für die Schweizer IT-Beratung Elca. Zuvor war er für die Credit Suisse tätig. Er ist spezialisiert auf die Schnittstelle zwischen Politik und Technologie und hat sich unter anderem in Singapur und Estland mit der digitalen Transformation des öffentlichen Sektors beschäftigt. Seit seinem Studium der
Internationalen Beziehungen befasst er sich ausserdem mit geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen. Zahn ist Mitglied der Think-Tanks foraus und reatch sowie der Operation Libero.