Meinung

Warum Omikron ein Segen für die Börsen ist

Was bedeutet die Omikron-Variante für die Märkte? Das Ende der monetären Straffung. Sie können sich über eine unbestimmte Verlängerung der lockeren Geldpolitik freuen, und das genau zum richtigen Zeitpunkt.

Myret Zaki
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Manche Experten glauben, dass wegen der neuen Virusvariante die zehnmonatige Covid-Rally demnächst zu Ende sein und der Markt bald über eine abgrundtiefe Klippe stürzen könnte. Wirklich? Eher ist das Gegenteil der Fall. Seit dem Ausbruch der Krise haben die Märkte ein Eigenleben entwickelt. Genauer gesagt waren sie so «antizyklisch» wie nur möglich. Sie haben von schlechten Nachrichten direkt profitiert und unter guten Nachrichten gelitten. Das liegt daran, dass schlechte Nachrichten eine eher lockere Geldpolitik und gute Nachrichten eine quantitative Straffung und Zinserhöhungen bedeuten. Deshalb können die Märkte kaum jemals mit dem realen Wirtschaftszyklus in Einklang gebracht werden. Sie haben einfach entgegengesetzte Interessen.

Schauen wir uns an, wohin sich amerikanische, europäische und Schweizer Aktien eine Woche, nachdem die Welt von der sehr ansteckenden Omikron-Variante erfahren hat, bewegen. Nach einer Korrektur von 2,5% erholen sich alle Indizes und klettern auf neue Höchststände. Der Schweizer Markt hat sich von seiner kurzzeitigen Korrektur erholt. Das Gleiche gilt für den S&P, der seit der Omikron-Korrektur einen Aufwärtstrend verzeichnet. Er ist seit dem Tiefst im März 2020 um 103% gestiegen. Der Nasdaq hat um 160% zugelegt, da er alle Wetten auf eine technologische Home-Office-Zukunft einfängt. Was ist mit Bitcoin? Zugegeben, er hat auch dieses Mal überkorrigiert und ist um 10% gefallen. Aber wird er weiter sinken? Höchstwahrscheinlich nicht.

Es reicht, die Liquidität im Auge zu behalten

Wir müssen nur die Liquidität im Auge behalten. Wird sie bereitgestellt? Sicherlich. Solange sie Geld drucken können, werden die Zentralbanken die Märkte nicht im Stich lassen. Wenn die Dinge schief laufen, laufen die Zentralbanken zu Hochform auf und unterstützen die Märkte. Die Liquiditätszufuhr wird höchstwahrscheinlich auf unbestimmte Zeit verlängert, da die Unsicherheit auf unbestimmte Zeit anhalten wird. Und das haben wir der Omikron-Variante zu verdanken.

Mit anderen Worten: Die Zentralbanken haben eine Rechtfertigung, ihren Kurs zu ändern und eine eventuelle Straffung der Geldpolitik zu verschieben (die zugegebenermassen bereits in weiter Ferne lag). Am 30. November erklärten Fed-Chef Jerome Powell und Finanzministerin Janet Yellen vor dem US-Senat, dass die neue Covid-Variante «eine Bedrohung für die US-Wirtschaft darstellt» und dass die Inflation «deutlich» zurückgehen wird.

Angesichts dieser Äusserungen kann man sehr zuversichtlich sein, dass die lockere Geldpolitik fortgesetzt wird. Es ist nun klar, dass die Nullzinsen in den USA und in Europa mindestens bis zum ersten Halbjahr 2022 bleiben werden. Keine Zentralbank wird sich beeilen, die Programme zum Ankauf von Vermögenswerten zu reduzieren.

Die Zentralbanken wissen um die Verwundbarkeit der Märkte

Die Zentralbanken wissen, wie anfällig die Märkte sind. Denn sie haben diese Anfälligkeit selbst geschaffen. In den letzten zwölf Jahren haben die grossen Zentralbanken die Anleiherenditen übermässig gesenkt und die Risikobereitschaft bei Aktien, Derivaten, Anleihen, Kryptowährungen und nicht börsennotierten Vermögenswerten gefördert, indem sie das Korrekturpotenzial implizit begrenzt haben. Damit sichern die Zentralbanken das Marktrisiko ständig ab.

Die Zentralbanken sind sich bewusst, dass passives Investieren und algorithmischer Handel gleichzeitig auftretende, sich selbst verstärkende Abwärtsspiralen erzeugen können. Sie sehen, wie der Umfang an offenen Derivatkontrakten zu einem übergrossen Gesamtengagement führt. Sie beobachten das zunehmende Engagement von Pensionsfonds in weniger liquiden Vermögenswerten geringerer Bonität, wie z.B. in Triple-B-Anleihen, wie aus einem aktuellen EZB-Bericht hervorgeht, oder in nicht börsennotierten privaten Vermögenswerten, die oft die einzige Möglichkeit sind, die sehr niedrigen Anleiherenditen zu kompensieren.

Sie wissen, dass das Gesamtengagement in Aktivitäten wie der Wertpapierleihe (z. B. Total Return Swaps) selbst bei einem einzigen Kunden ein unkontrolliertes Systemrisiko bergen können (wie der Fall des Archegos-Fonds zeigt, an dem mehrere Banken beteiligt waren und der der Credit Suisse einen Verlust von 5 Mrd. Fr. bescherte). Sie wissen, dass die kurzfristige Kreditvergabe auf den Repo-Märkten das Risiko eines kaskadenartigen Margenausgleichs birgt, und wir haben im September 2019 auch gesehen, wie anfällig der Repo-Markt für jede ernsthafte quantitative Straffung ist und wie das Fed 412 Mrd. $ in die Märkte pumpen musste, noch bevor die Covid-Krise ausbrach.

Bedrohlich wäre ein freundliches Makro-Umfeld

Seitdem befinden wir uns im Krisenmodus mit hoher Liquiditätszufuhr, ohne die die Märkte nicht auskommen können. Die Bedrohung geht also von einem positiven makroökonomischen Umfeld aus, das eine Normalisierung der Geldpolitik rechtfertigen würde. Die Chance hingegen liegt darin, im Krisenmodus zu verharren, der die Märkte vor jeder absehbaren Straffung bewahrt.

Nur sind sich alle einig, dass das nicht tragbar ist. Was ist, wenn der Inflationsdruck hoch bleibt und eine Straffung der Geldpolitik erforderlich macht, während die Covid-Varianten und die Abkühlung der Wirtschaft an den Märkten für Pessimismus sorgen? Es gibt in der Tat keine Garantie dafür, dass schlechte Nachrichten von der Pandemiefront mit einer niedrigeren Inflation einhergehen müssen. Eine hohe Inflation und sich abkühlendes Wachstum könnten sich gegen die Märkte verbünden.

Der Markt für Hochzinsanleihen scheint das Ergebnis zu kennen, wenn man auf seine Prognose hört: Die Renditen liegen deutlich unter dem fairen Wert und sind dauerhaft niedriger, als sie sein sollten. Sie sagen uns, dass es keine Straffung geben wird.

Myret Zaki

Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.
Myret Zaki begann 1997 als Analystin in einer Genfer Privatbank, wo sie die Grundlagen der Unternehmensanalyse erlernte. 2001 wechselte sie zur Tageszeitung «Le Temps», wo sie neun Jahre lang den Finanzbereich leitete. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, schrieb sie das investigative Buch «UBS am Rande des Abgrunds», für das sie den Schweizer Journalistenpreis erhielt. 2010 wechselte sie zu «Bilan»; von 2014 bis 2019 war Zaki Chefredakteurin der Zeitschrift. Zwischen 2010 und 2016 schrieb sie drei weitere Bestseller über das Bankgeheimnis, das Ende des Dollar-Reserve-Status und den Aufstieg des Schattenbankensystems. Zaki hat einen Bachelor in Politikwissenschaft von der American University in Kairo und einen MBA von der Business School of Lausanne. Heute ist sie Leiterin der Fakultät für Kommunikation an der Hochschule für Journalismus und Medien in Lausanne.