Meinung

Was uns Linux über Kryptowährungen lehrt

Ihre Nutzung sei zu umständlich und die Community viel zu idealistisch: Das sind gängige Kritikpunkte an Kryptowährungen. Die grosse Anhängerschaft unter techno-libertären Millennial-Enthusiasten ist aber kein Grund, Bitcoin & Co. abzulehnen – im Gegenteil.

Dylan Grice
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Wir sind häufig mit zwei Kritikpunkten zu unserer positiven Meinung über Kryptowährungen konfrontiert. Der erste lautet, die Verwendung von Kryptowährungen sei zu kompliziert, als dass sie sich jemals etablieren könnten. Dezentralisierte Anwendungen seien langsam, umständlich und für alle ohne einen Studienabschluss in Informatik unmöglich zu verstehen, sagen unsere skeptischen Freunde aus der traditionellen Finanzwelt.

Zweitens sei die Krypto-Community mit ihrem rätselhaften Eifer für radikale Dezentralisierung so idealistisch und unreif, dass dies allein schon Grund genug sei, Kryptowährungen abzulehnen. Die grundsätzlich benutzerunfreundliche Technologie, die nur bei Kindern beliebt ist, die bald aus ihrer Begeisterung herauswachsen, sei zum Scheitern verurteilt, so das Argument.

Wir sind aus bereits früher genannten Gründen anderer Meinung. Bei der Lektüre von «Just for fun»1, der Autobiografie des Linux-Gründers Linus Torvalds, ist uns aber etwas aufgefallen, das wir bis dahin nicht richtig einordnen konnten: welche Macht eine Idee haben kann.

Dezentralisierung der Macht ist die Lösung

Die Krypto-Evangelisten haben tatsächlich eine grosse Idee. Sie lautet, dass das Übel der Welt durch die zu starke Bündelung von Macht verursacht wird, dass Dezentralisierung von Macht immer und überall die Lösung ist und öffentliche Blockchains die Technologie ist, die das ermöglicht. Enthusiasten glauben, dass Kryptowährungen die Medizin für eine kranke Welt sind.

Diese Idee ist so mächtig, weil sie die sozialen Werte der Krypto-Community verkörpert. Das ist der Grund, warum Krypto-Enthusiasten grosse Mängel in der Benutzerfreundlichkeit gerne als geringfügiges Detail sehen, wenn man sie mit dem fast spirituellen Akt der blossen Nutzung dieser Technologie vergleicht. Den meisten von ihnen gibt die Nutzung von web3 das Gefühl, Teil von etwas Grösserem zu sein, etwas, das einen Sinn und einen sozialen Zweck hat. Sie fühlen sich ermächtigt, souverän, und glauben, dass sie an einer besseren Zukunft bauen. Für die meisten web3-Nutzer ist die «User-Experience» wichtiger als enge Konzepte wie etwa die «Benutzerfreundlichkeit».

Google, Amazon und Instagram sind einfach zu bedienen. Aber sie geben einem nicht das Gefühl, dass man Teil der Revolution ist.
Nun, Sie können dem, was die tiefere Bedeutung ist, zustimmen oder auch nicht. Ebenso können Sie an der kosmischen Erfahrung, Krypto zu verwenden, um mit anderen in der Gemeinschaft zu handeln, teilhaben oder auch nicht. Aber das spielt keine Rolle. Was zählt, ist, dass Sie die Macht dieses Gefühls erkennen, und seine Fähigkeit, Berge zu versetzen.

Linux ist das populärste Betriebssystem

Diese Begeisterung prägte grösstenteils auch die Geschichte von Linux. Heute ist Linux das weltweit am weitesten verbreitete Betriebssystem auf Grossrechnern. Vor dreissig Jahren war es das persönliche Projekt eines obskuren Informatikstudenten in Helsinki, der während eines langen finnischen Winters nichts Besseres zu tun hatte. Linux war nie einfach zu bedienen und bis heute wird nicht besonders IT-affinen Computerbenutzern von seiner Verwendung abgeraten. Aber es stellte sich heraus, dass die Benutzerfreundlichkeit nicht so wichtig war wie die kosmische Erfahrung seiner evangelikalen Benutzer.

Die allererste Kritik eines Anwenders nach der Veröffentlichung von Linux 1991 war eine positive. Torvalds schreibt in seinem Buch: «Ich erinnere mich an eine E-Mail, deren Verfasser sagte, dass er mein Betriebssystem wirklich mochte. Er fuhr mindestens einen Absatz lang fort, mir zu sagen, wie schön es sei. Dann erklärte er, dass das Betriebssystem gerade seine Festplatte gefressen hatte, und dass mein Festplattentreiber wohl fehlerhaft sei. Er hatte die ganze Arbeit verloren, die er auf dem Computer gespeichert hatte. Trotzdem war er immer noch sehr positiv eingestellt.»

Nichts konnte die Popularität von Linux beeinträchtigen

Können Sie sich vorstellen, die Software von jemandem herunterzuladen, deswegen alle Ihre Dateien und Ordner zu verlieren und dann dem Ersteller eine Mail zu schicken, um ihm zu danken und mitzuteilen, was für eine grossartige Arbeit er geleistet hat? Ich auch nicht. Aber das war die Macht, die Linux über seine Anwender hatte.

1993, als Linux v0.95 die Netzwerkfähigkeit einführte, verursachte das Upgrade bei seinen Nutzern grosse Probleme. Es scheint, dass viele (die meisten?) Anwender dieser Version ernsthafte Schwierigkeiten hatten, sie zum Laufen zu bringen.

Aber: «Nichts konnte der Popularität von Linux einen Strich durch die Rechnung machen. Wir hatten unsere eigene Internet-Newsgroup ... und sie zog Horden von Fans an. Damals führte die Internet Cabal, also die Leute, die mehr oder weniger das Internet leiteten, inoffizielle monatliche Statistiken darüber, wie viele Leser jede Newsgroup anzog ... Von allen Newsgroups war alt.sex der Dauerbrenner ... Irgendwann im Jahr 1993 schafften wir es unter die ersten fünf. Ich ging an diesem Abend voller Selbstzufriedenheit ins Bett, begeistert von der Tatsache, dass Linux fast so populär geworden war wie Sex.»

Teil der Revolution sein

Der Grund, warum Linux trotz der vielen Probleme so populär wurde, war, dass die Anwender die Ideale liebten, die die Open-Source-Bewegung repräsentierte. «Die Hacker – Programmierer –, die an Linux und anderen Open-Source-Projekten arbeiten, verzichten auf Schlaf, ihr Fitnesstraining auf dem Stairmaster, die Baseball-Spiele ihrer Kinder und ja, gelegentlich auch auf Sex, weil sie das Programmieren lieben. Und sie lieben es, Teil einer globalen kollaborativen Bewegung zu sein, die sich der Entwicklung der besten und schönsten Technologie widmet, die jedem zur Verfügung steht, der sie haben möchte. So einfach ist das. Und es macht Spass.»

Kurz gesagt, die Linux-Anwender lieben es, Teil der Revolution zu sein. «Einer der Gründe, warum die Open-Source-Philosophie und Linux beide eine grosse Anhängerschaft an den Universitäten haben, ist einfach: die Anti-Establishment-Stimmung. Es ist die grosse, böse Microsoft und der böse, gierige, zu reiche Bill Gates gegen ‹Wir-sind-dabei-für-die-Liebe-und-freie-Software-für-jeden›».

Interessanterweise lehnten Experten Linux schon sehr früh ab, nicht unähnlich der Art und Weise, wie Experten heute Kryptowährungen als zu umständlich in der Anwendung ablehnen. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Moral von der Geschichte ist: lehnen Sie Kryptowährungen nicht wegen der techno-libertären Millennial-Enthusiasten mit glasigen Augen ab. Lernen Sie, sie gerade deshalb zu schätzen. Schauen Sie sich an, was diese Begeisterung Linux getan hat.

1) Linus Torvalds & David Diamond (2001) «Just for Fun: The Story of an Accidental Revolutionary», New York City: Harper Collins.

Dylan Grice

Dylan Grice ist Mitgründer von Calderwood Capital Research, einer auf Portfoliokonstruktion und alternative Anlagen spezialisierte Investmentgesellschaft. Zuvor war Grice Head of Liquid Investments bei Calibrium, einem renommierten Family Office mit Sitz in Zürich. Dort war er für das Management des liquiden Portfolios, die diesem Portfolio zugrunde liegende Analyse und die daran beteiligten Teams verantwortlich. Bevor er 2014 zu Calibrium kam, war Grice Teil des Global Strategy Teams von Société Générale und belegte 2011 und 2012 in der Extel Survey of Institutional Investors Opinion als Einzelperson den ersten Platz. Grice begann seine Karriere als Ökonom bei Dresdner Kleinwort Wasserstein. Er ist Absolvent der Strathclyde University und der London School of Economics.
Dylan Grice ist Mitgründer von Calderwood Capital Research, einer auf Portfoliokonstruktion und alternative Anlagen spezialisierte Investmentgesellschaft. Zuvor war Grice Head of Liquid Investments bei Calibrium, einem renommierten Family Office mit Sitz in Zürich. Dort war er für das Management des liquiden Portfolios, die diesem Portfolio zugrunde liegende Analyse und die daran beteiligten Teams verantwortlich. Bevor er 2014 zu Calibrium kam, war Grice Teil des Global Strategy Teams von Société Générale und belegte 2011 und 2012 in der Extel Survey of Institutional Investors Opinion als Einzelperson den ersten Platz. Grice begann seine Karriere als Ökonom bei Dresdner Kleinwort Wasserstein. Er ist Absolvent der Strathclyde University und der London School of Economics.