Die Meinung

Weshalb die Importzölle von Donald Trump nicht funktionieren können

Der Präsident versucht, Amerikas Handelsbilanz ins Lot zu bringen. Das ist jedoch gar nicht möglich, solange die US-Finanzmärkte die überschüssigen Ersparnisse aus der restlichen Welt absorbieren müssen.

Michael Pettis
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Die ununterbrochene mediale Begleitung des Handelskrieges zwischen den USA und China hat einen verzerrten Eindruck davon vermittelt, wie die beiden Volkswirtschaften zusammenwirken. Die meisten Journalisten haben sich auf die Details der Höhe der Strafzölle konzentriert sowie auf die Frage, wer die Zölle tatsächlich bezahlt. Aber diese Betrachtung basiert auf einem veralteten Verständnis des Welthandels.

Michael Pettis

Michael Pettis ist Professor für Finanztheorie an der Guanghua School of Management an der Peking University. Der gebürtige Amerikaner lebt seit 2002 in Chinas Hauptstadt. Zuvor hatte er knapp zehn Jahre an der Columbia University in New York gelehrt. Vor seinem Eintritt in die akademische Welt war Pettis Banker; er arbeitete für Bear Stearns und Credit Suisse First Boston als Spezialist für Emerging Markets. Er beriet die Regierungen Mexikos, Südkoreas und Mazedoniens in der Restrukturierung ihres Bankensystems. Er schreibt eine regelmässige Kolumne für das Carnegie Endowment for International Peace und ist Autor mehrerer Bücher.
Michael Pettis ist Professor für Finanztheorie an der Guanghua School of Management an der Peking University. Der gebürtige Amerikaner lebt seit 2002 in Chinas Hauptstadt. Zuvor hatte er knapp zehn Jahre an der Columbia University in New York gelehrt. Vor seinem Eintritt in die akademische Welt war Pettis Banker; er arbeitete für Bear Stearns und Credit Suisse First Boston als Spezialist für Emerging Markets. Er beriet die Regierungen Mexikos, Südkoreas und Mazedoniens in der Restrukturierung ihres Bankensystems. Er schreibt eine regelmässige Kolumne für das Carnegie Endowment for International Peace und ist Autor mehrerer Bücher. 

Das eigentliche Problem besteht darin, dass die offenen Kapitalmärkte der Vereinigten Staaten verhindern, dass sich die US-Handelsbilanz ausgleicht – unabhängig davon, auf welchem Niveau Washington die Strafzölle festlegt und wer diese bezahlt. Das jüngste «Phase One»-Handelsabkommen wird daran nichts ändern, ebenso wenig wie die Zölle, die bereits verhängt wurden.

Wenn die Trump-Regierung tatsächlich die Handelsbilanz der USA bewegen will, sollte sie ihre Aufmerksamkeit vermehrt auf die Kapitalbilanz richten.

Umstrittene Debatte

Ende November 2019 veröffentlichte Liberty Street Economics, ein Blog der Federal Reserve Bank of New York, ein Papier, das eine umstrittene Debatte in Washington mit Leben erfüllt hat: Wer bezahlt eigentlich die von Trump verhängten Strafzölle auf chinesischen Importgütern?

Die Autoren des Papiers stellen fest, dass die Preise für importierte Waren aus China nicht gesunken sind. Daraus schliessen sie, dass amerikanische Konsumenten und Unternehmen die Rechnung für die von Washington verhängten Zölle bezahlen:

«US-Unternehmen und Konsumenten sind nur dann von den höheren Zöllen abgeschirmt, sofern chinesische Unternehmen die von ihnen berechneten Dollarpreise senken. Die Importpreisdaten der USA deuten jedoch darauf hin, dass die Preise für Waren aus China bisher nicht gesunken sind. Daher müssen US-Grossisten, Detailhändler, Produzenten und Konsumenten die Kosten der Zölle tragen», schreiben sie.

Sind die Zölle also ein Misserfolg, weil sie die Preise für die amerikanischen Konsumenten nicht senken oder sogar noch erhöhen?

Nein. Im Gegenteil, genau so sollen Zölle funktionieren. Indem sie die Kosten ausländischer Importe erhöhen, übertragen Zölle effektiv Einkommen von den inländischen Konsumenten an die inländischen Unternehmen. Das bedeutet in der Folge, dass der Anteil des Konsums am Bruttoinlandprodukt sinkt. Und das wiederum bedeutet, dass die aggregierte Sparquote in der Volkswirtschaft steigt.

Zölle müssen die inländische Sparquote erhöhen

Ein traditionelles Argument für Zölle ist, dass sie es jungen Industrien ermöglichen, ihre Produktivität unter Schutz so weit zu steigern, bis sie mit ausländischen Produzenten auf dem Weltmarkt konkurrieren können. Nach diesem Modus funktionierten die USA im 19. Jahrhundert oder die aufsteigenden Volkswirtschaften Ostasiens – etwa Japan und Korea – in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Frage, ob Zölle der eigenen Wirtschaft eher nützen oder schaden, hängt in erster Linie davon ab, wie diese Volkswirtschaft in die globale Handelsstruktur eingebunden ist und wie sie sich an eine Erhöhung der inländischen Sparquote anpasst:

  • In Ländern mit einem Überschuss in der Leistungsbilanz, in denen also die inländischen Ersparnisse die inländischen Investitionen übersteigen, verringern die Zölle die Inlandsnachfrage. Die dadurch noch weiter erhöhte Sparquote zwingt die Wirtschaft, zur Absorption ihrer Überschussproduktion noch stärker auf die Nachfrage aus dem Ausland zu setzen.
  • In Ländern mit einem Leistungsbilanzdefizit, in denen die Investitionen durch begrenzte inländische Ersparnisse eingeschränkt sind (dies gilt vor allem für Entwicklungsländer), passt sich die Wirtschaft in der Regel an die höhere Sparquote an, indem sie die inländischen Investitionen erhöht.
  • In Ländern, in denen die Investitionen nicht durch das Niveau der inländischen Ersparnisse eingeschränkt sind (z.B. die Vereinigten Staaten), passt sich die Wirtschaft typischerweise mit sinkender Arbeitslosigkeit, steigenden Löhnen oder einer Reduktion der Verschuldung der Haushalte auf die steigende Sparquote an. So funktionierten die amerikanischen Zölle im 19. Jahrhundert, als die höheren Preise, die die US-Konsumenten bezahlen mussten, mehr als ausgeglichen wurden durch die höheren Einkommen, die daraus resultierten.

Zölle können in einigen Fällen der Wirtschaft schaden und in anderen Fällen der Wirtschaft nützen. Wichtig ist aber die Erkenntnis, dass Zölle das Binnenwachstum nur dann ankurbeln können, wenn sie die Preise für importierte Waren und damit die Sparquote steigen lassen.

Das ist genau ihr Zweck, denn würden die US-Zölle auf chinesische Waren nicht zu einem Anstieg der Importpreise führen – entweder, weil chinesische Unternehmen ihre Preise senkten oder weil Peking seine Währung abwertete –, hätte dies keine Auswirkungen auf die US-Wirtschaft. Der einzige Effekt wäre ein wirtschaftlich unbedeutender Anstieg der Staatseinnahmen, der einen Transfer von chinesischen Unternehmen an die US-Regierung darstellt.

Doch leider ist am konkreten Beispiel der USA die Geschichte damit noch nicht zu Ende. Denn selbst wenn amerikanische Konsumenten höhere Preise für importierte Waren bezahlen, werden Trumps Zölle auf chinesische Waren das Wachstum der amerikanischen Wirtschaft nicht ankurbeln können. Der Grund dafür liegt in der speziellen Rolle, die die US-Wirtschaft in der Stabilisierung der Ungleichgewichte in den internationalen Kapitalströmen spielt. Diese verhindert nämlich, dass sich die Sparquote in den USA überhaupt erhöhen kann.

Vereinfacht gesagt: Zölle funktionieren nur, wenn sie die inländische Sparquote erhöhen. Doch die Sparquote der USA kann sich angesichts der Ungleichgewichte in den internationalen Kapitalströmen gar nicht erhöhen.

Zur Beleuchtung dieser Tatsache ist ein kurzer Rückblick auf die Geschichte des Welthandels notwendig.

Die Kapitalbilanz als Korrektiv zur Handelsbilanz

Während eines Grossteils ihrer Entwicklungsgeschichte litten die meisten Länder unter knappen Ersparnissen und einem Überschuss an Kapazitäten, also an nicht ausgelasteten Ressourcen und hoher Arbeitslosigkeit. Zu dieser Zeit ergaben sich Handelsungleichgewichte hauptsächlich aus Unterschieden in den Produktionskosten. Wettbewerbsfähigere Staaten erwirtschafteten einen Überschuss in ihrer Handelsbilanz, während die weniger produktiven Länder ein Handelsdefizit aufwiesen. 

Korrektiv für diese Ungleichgewichte waren die internationalen Kapitalströme, die zu dieser Zeit primär der Handelsfinanzierung dienten. Ein Handelsüberschuss zog einen Kapitalexport nach sich, ein Handelsdefizit bedingte Kapitalimporte. Die beiden Bilanzen müssen sich ausgleichen: Handelsbilanzüberschuss gleich Kapitalbilanzdefizit, und vice versa.

Wenn in diesem Umfeld nun ein Staat die Importzölle erhöhte, erhöhte sich seine Sparquote, sein Handelsdefizit verringerte sich und er benötigte weniger Finanzierung aus dem Ausland.

So war es früher. Heute haben sich die Verhältnisse zwischen Handels- und Kapitalbilanz und damit auch Ursache und Wirkung zwischen den beiden Bilanzen völlig verändert.

Die heutigen Überschussländer, beispielsweise Deutschland, erreichen den Überschuss in ihrer Handels- bzw. Leistungsbilanz nicht mehr primär aufgrund von Vorteilen in ihren Produktionskosten. Nein, sie erzielen ihre Überschüsse, weil ihr inländischer Verbrauch zu gering und ihre Sparquote zu hoch ist, um ihre gesamte inländische Produktion zu absorbieren. Als Folge davon exportieren diese Staaten ihre Überschussersparnisse ins Ausland, was zwangsläufig einen Überschuss in der Leistungsbilanz nach sich zieht.

Wegen ihrer tiefen und flexiblen Kapitalmärkte sind die USA zum wichtigsten Ziel geworden, in das die überschüssigen Ersparnisse der übrigen Welt automatisch fliessen. Das Leistungsbilanzdefizit der USA kann sich folglich gar nicht anpassen, solange die Vereinigten Staaten offene Kapitalmärkte haben und durch den Zufluss überschüssiger ausländischer Ersparnisse gezwungen sind, einen Kapitalbilanzüberschuss zu erzielen.

Die Sparquote in den USA kann nicht steigen

Das bringt uns zurück zu den amerikanischen Zöllen auf chinesische Waren: Ja, sie sind ein Misserfolg. Aber nicht deshalb, weil ihre Kosten hauptsächlich von den amerikanischen Konsumenten getragen werden. Sie sind ein Misserfolg, weil der Mechanismus, der höhere Importkosten in höhere inländische Ersparnisse umwandelt, nicht funktionieren kann, solange die Vereinigten Staaten gezwungen sind, die überschüssigen Ersparnisse der übrigen Welt aufzufangen. Es ist unter diesen Umständen unmöglich, dass die amerikanische Sparquote steigt.

Das Problem für die US-Wirtschaft ist nicht, dass China und andere Überschussländer effizienter sind oder dass diese ihre heimische Produktion subventionieren. Das Problem ist, dass deren zu schwache Inlandsnachfrage zu überschüssigen Ersparnissen führt und diese wiederum über die offene Kapitalbilanz in die Vereinigten Staaten fliessen.

Flexible Finanzmärkte und eine offene Kapitalbilanz verhindern eine Erhöhung der US-Sparquoten. Daran können auch die Zölle von Donald Trump nichts ändern.