Meinung

Wie lange soll der Lockdown zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie aufrecht erhalten werden?

Die von den Regierungen verhängten Massnahmen verflachen die Infektionskurve, doch ihre volkswirtschaftlichen Kosten dürfen nicht unterschätzt werden. Gefragt sind alternative Wege, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten.

William White
Drucken
Teilen

English version

Nachdem es nicht gelungen ist, die Ausbreitung des Sars-CoV-2-Virus rechtzeitig mit einer Strategie des «test and trace» (testen und verfolgen) einzudämmen, stehen die meisten Regierungen nun vor schwierigen Entscheidungen. Als Reaktion auf die Pandemie haben sie in vielen Staaten eine forcierte soziale Distanzierung in Form einer teilweisen oder vollständigen Stilllegung der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens beschlossen. Dies in der berechtigten Annahme, dass ein derartiger «Lockdown» Leben retten wird.

Diese Politik hat jedoch wirtschaftliche Kosten, die mit der Zeit immer höher werden. Zudem bestehen angesichts der sozialen Härten und politischen Fragen, die durch den Lockdown aufgeworfen werden, erhebliche Zweifel daran, dass diese Politik so lange aufrechterhalten werden kann, bis ein Heilmittel oder ein Impfstoff entwickelt ist.

Derzeit wird eine ernsthafte Debatte darüber geführt, wie lange die Lockdown-Massnahmen fortgesetzt werden sollten und ob eine andere Politik vorgeschlagen werden könnte, die Leben zu geringeren wirtschaftlichen Kosten retten würde. Leider mangelt es dieser Debatte an Klarheit, wenn es darum geht, die Kriterien für eine Lockerung des Lockdowns festzulegen. Vielleicht erklärt das, warum verschiedene Regierungen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen.

Verflachung der Infektionskurve

Es ist wichtig, sich über die gesundheitlichen Vorteile klar zu werden, die sich aus dem Lockdown ergeben. In Ermangelung eines Impfstoffs deuten epidemiologische Modelle darauf hin, dass sich bereits weit verbreitete Viren erst dann nicht mehr ausbreiten, wenn eine «Herdenimmunität» erreicht ist.

Das ist kein politisches Ziel, wie einige Kommentatoren anzudeuten scheinen, sondern etwas Unvermeidliches. Anders ausgedrückt: Wir müssen damit rechnen, dass auf jede Lockerung der Lockdown-Massnahmen eine Zunahme der Infektionen folgen wird. Das soll jedoch nicht heissen, dass die forcierte soziale Distanzierung letztlich nutzlos ist, weil sie die Ansteckungen bloss verzögert. Ihr grösster Vorteil besteht genau darin, dass sie die Ausbreitung des Virus vorübergehend verlangsamt; sie «verflacht die Infektionskurve».

Das ist wichtig, da es dazu beiträgt, die Zahl der Schwerkranken auf ein Niveau zu reduzieren, das von den Krankenhäusern bewältigt werden kann. Als Folge davon wird es weniger menschliches Leid und weniger Todesfälle geben.

Während diese Logik moralisch absolut vernünftig ist, impliziert sie auch, dass ein Lockdown weniger Vorteile bringt, wenn Krankenhäuser und Pflegepersonal besser ausgerüstet sind.

Untere Schichten tragen hohe Kosten

Kehrseite des medizinischen Nutzens der Lockdown-Massnahmen sind die wirtschaftlichen Kosten. Diese Kosten werden von der Politik wohl tendenziell unterschätzt. Ebenso wird die Tatsache ignoriert, dass sie unverhältnismässig stark von den ärmeren Bevölkerungsschichten getragen werden. Das Angebot an Gütern und Dienstleistungen wird reduziert, wenn Beschäftigte nicht arbeiten können; sogar die Nahrungsmittelversorgung könnte bedroht sein. Die Nachfrage sinkt, wenn Löhne nicht bezahlt werden.

Darüber hinaus besteht die berechtigte Sorge, dass das Produktionspotenzial der Wirtschaft permanent beeinträchtigt werden könnte. Rezessionen verursachen immer auch dauerhafte Schäden, und das scheint im aktuellen Fall besonders wahrscheinlich zu sein. Die Unternehmenskonzentration könnte zunehmen, mit unerwünschten wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen.

Schliesslich, und das ist entscheidend, wies die Weltwirtschaft vor dem pandemiebedingten Abschwung bereits erhebliche Schwachstellen auf. Diese sind zum grossen Teil auf die übermässige Abhängigkeit von geldpolitischen Anreizen und der seit der letzten Rezession von 2009 bestehenden lockeren Geldpolitik zurückzuführen. Die Verschuldungsquoten von Unternehmen und Staaten haben sich während dieser Zeit unerbittlich nach oben bewegt, während die Kreditqualität abgenommen hat.

Das Streben nach Rendite, besonders durch nicht regulierte Finanzinstitute, hat die finanzielle Instabilität gefördert und einer Fehlallokation von Ressourcen Vorschub geleistet. Angesichts all dieser Fragilitäten könnte eine schwere Rezession leicht in eine Depression münden.

Beispiellose Stützungsmassnahmen

Derartige Befürchtungen haben den öffentlichen Sektor dazu veranlasst, mit beispiellosen geld- und fiskalpolitischen Stützungsprogrammen zu reagieren. Es war angesichts der akuten Krise richtig, dies zu tun. Allerdings haben alle diese Massnahmen auch Kosten, die anerkannt und von der Gesellschaft getragen werden müssen.

Die «More of the Same»-Politik der Zentralbanken wird den Verschuldungstrend der vergangenen Jahrzehnte weiter beschleunigen. Auch die Staatsverschuldung wird auf ein Niveau klettern, das im Fall von steigenden Zinsen die Fähigkeit zum Schuldendienst gefährden könnte. Darüber hinaus sind die Eventualverbindlichkeiten der Staaten, beispielsweise in der Altersvorsorge, und die finanziellen Lasten zur Bewältigung langfristiger Herausforderungen wie dem Klimawandel nicht verschwunden.

Wenn die Zinssätze von den Zentralbanken nahe Null gehalten werden, bleibt der Schuldendienstes natürlich tragbar, aber damit steigt auch das Risiko von höherer Inflation. Auch diese Kosten sind indirekt das Ergebnis der forcierten sozialen Distanzierung über Lockdown-Massnahmen.

Die wirtschaftlichen Kosten steigen mit der Schwere und der Dauer des Lockdown, ebenso die sozialen Kosten und das Risiko der Nichteinhaltung bis hin zu sozialen Unruhen in der Bevölkerung.

Investitionen in die Spitalkapazität

Doch es gibt Wege, die gesundheitlichen Vorteile der sozialen Distanzierung auf viel weniger kostspielige Weise zu erreichen. Statt nur «die Kurve abzuflachen», ist es auch möglich, «die Schwelle höher zu legen». Die Nachfrage nach intensiver Spitalpflege kann durch Bemühungen verringert werden, die Anfälligen zu identifizieren und zu isolieren, das heisst diejenigen Menschen, die im Fall einer Erkrankung wahrscheinlich ernsthaft medizinisch versorgt werden müssen.

Die Kapazität zur Bereitstellung einer Intensivversorgung kann ebenfalls erhöht werden; deren Finanzierung sollte die erste fiskalpolitische Priorität der Regierung sein. Darüber hinaus sollten Regierungen nicht zögern, Ressourcen des privaten Sektors für Krankenhäuser zu mobilisieren und dabei auf Gesetze zurückzugreifen, die denen in Kriegszeiten ähnlich sind. Medizinisches Personal sollte rasch für die benötigten Aufgaben umgeschult werden. Logistikspezialisten aus dem Privatsektor und dem Militär sollten angeworben werden, um die Zuweisung neuer Ressourcen zu verbessern.

Wenn die Kapazität der Krankenhäuser zur Bewältigung der Krise steigt, kann die Zahl der Infizierten erhöht und die forcierte soziale Distanzierung samt deren Kosten verringert werden. Das bedeutet, dass die Herdenimmunität schneller eintrifft, auch wenn die Zahl der Menschen, die wahrscheinlich irgendwann infiziert werden, unverändert bliebe.

Ein Vorteil des schnelleren Erreichens der Herdenimmunität besteht darin, dass die Gefährdeten schneller aus der Isolation herauskommen können. Angesichts der Tatsache, wie wenig wir über die Auswirkungen einer Lockerung der Lockdown-Massnahmen auf die Infektionsraten wissen, muss dieser Prozess sorgfältig durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass die Krankenhäuser nicht erneut überlastet werden.

Sobald die Herdenimmunität erreicht ist und die Neuinfektionen aufhören, werden die Krankenhäuser «Überkapazitäten» haben. Der politischen Forderung, diese wieder abzubauen, sollten die Regierungen aber widerstehen, denn die nächste Pandemie kommt bestimmt.

Testen, testen, testen

Die gleichzeitige Einführung breit eingesetzter Tests zur Feststellung, wer noch infektiös ist (ein Antigentest) und wer die Krankheit bereits hatte (ein Antikörpertest), würde ebenfalls grosse Vorteile bringen. Wenn die Infizierten identifiziert und ihre jüngsten Kontakte verfolgt und isoliert werden können, würde dies die Infektionsrate verlangsamen und die Notwendigkeit einer forcierten sozialen Distanzierung verringern.

Wenn zudem die Menschen identifiziert werden können, die bereits eine Erkrankung durchgemacht haben und vermutlich immun sind, würde ihnen die Rückkehr in die Arbeitswelt ermöglicht. Dies würde die volkswirtschaftlichen Verluste direkt senken und natürlich auch die Reproduktionsrate des Virus reduzieren. Auch dies würde die Abhängigkeit von Lockdown-Massnahmen verringern, die zur Erreichung desselben Ziels erforderlich sind.

Durch die Verabschiedung dieser Massnahmen hätten die Regierungen eine Strategie zum Abbau der Lockdowns sowie eine Reihe von Kriterien für die Lockerung, die sie dann einer besorgten und verwirrten Öffentlichkeit vermitteln könnten. Für die Bevölkerung würde dies etwas Licht am Ende eines sehr dunklen Tunnels bringen.

William R. White

William White war von 1995 bis 2008 Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Er zählte zu den wenigen, die 2008 vor der Gefahr einer globalen Finanzkrise gewarnt hatten. Von 2009 bis 2018 war er Chairman des Economic and Development Review Committee der OECD in Paris. Gegenwärtig ist er Senior Fellow am C.D. Howe Institute in Toronto. White, der seine Karriere 1969 als Ökonom in den Diensten der Bank of England begann und auf fünfzig Jahre Erfahrung in der Geldpolitik zurückblickt, befasst sich intensiv mit Fragen rund um das Thema der Stabilität des Finanzsystems. Er lebt in Toronto, Kanada.
William White war von 1995 bis 2008 Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Er zählte zu den wenigen, die 2008 vor der Gefahr einer globalen Finanzkrise gewarnt hatten. Von 2009 bis 2018 war er Chairman des Economic and Development Review Committee der OECD in Paris. Gegenwärtig ist er Senior Fellow am C.D. Howe Institute in Toronto. White, der seine Karriere 1969 als Ökonom in den Diensten der Bank of England begann und auf fünfzig Jahre Erfahrung in der Geldpolitik zurückblickt, befasst sich intensiv mit Fragen rund um das Thema der Stabilität des Finanzsystems. Er lebt in Toronto, Kanada.
Die Meinung

Die Gefahr eines globalen Währungskriegs

Die Trump-Regierung scheint gewillt zu sein, den seit fünf Jahren zur Stärke neigenden Dollar durch einseitige Massnahmen zu schwächen. Die möglichen Auswirkungen sollten nicht unterschätzt werden.
William R. White