Meinung

Wo die Inflation wirklich anzieht

Zentralbanken wie das Federal Reserve versuchen mit allen Mitteln, die Teuerung anzuheizen. Wer genau hinschaut, erkennt jedoch, dass die geldpolitischen Experimente längst einen kräftigen Inflationsschub ausgelöst haben.

Charles Biderman
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Das «Wall Street Journal» schrieb kürzlich in einer Kolumne: «Milton Friedmans berühmter Ausspruch, wonach ‹Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen ist›, lässt sich schwer mit der Tatsache vereinen, dass bislang kaum Effekte von Teuerung sichtbar sind, obschon das Fed die Geldmenge seit 2008 um 460% erhöht hat.»

Stellen wir diesbezüglich zunächst klar, was Inflation überhaupt ist: Inflation verringert den Wert des Geldes und erhöht die Preise für Waren und Dienstleistungen sowie für Vermögenswerte, die einen Cashflow erwirtschaften. Demgegenüber kommt es zu Deflation, wenn der Wert des Geldes steigt und der Preis für Waren und Dienstleistungen sowie für Cashflow-generierende Anlagen sinkt.

Man kann es auch noch eine Stufe abstrakter ausdrücken: Im Aggregat benötigen Menschen Güter sowie Dienstleistungen und arbeiten, um Güter und Dienstleistungen bereitzustellen. Doch anstatt Waren und Dienste zu tauschen, verwenden wir Geld als Zahlungsmittel.

Daraus resultiert eine simple Folgerung: Wenn die Menge an Gütern und Dienstleistungen konstant bleibt und Zentralbanken mehr Geld drucken, so sollte der Preis für Waren und Dienstleistungen steigen - mehr Geld jagt der gleichen Menge an «Zeugs» nach.

Was aber passiert, wenn die Kosten zur Herstellung dieser Waren und Dienstleistungen sinken? Die Antwort: Eine konstante Menge an Geld führt in Kombination mit tieferen Kosten zu Deflation.

Aktion und Reaktion

Im aktuellen Umfeld stellt sich damit folgende Frage: Was geschieht, wenn die Geldmenge ausgeweitet wurde und die Kosten sinken? Das Resultat ist, dass dem Auftrieb bei den Preisen niedrigere Kosten und höhere Effizienz entgegenwirken.

Aus diesem Grund gibt es in den USA kaum Inflation bei den Konsumentenpreisen, obschon die Geldmenge um 460% zugenommen hat.

Dieser Sachverhalt lässt sich anhand von Zahlen verdeutlichen: Seit das Federal Reserve 2008 mit monetären Experimenten wie Quantitative Easing begonnen hat, ist die Geldmenge von 900 Mrd. $ auf 5 Bio. $ gestiegen. Allein dieses Jahr beträgt der Zuwachs bislang 2 Bio. $. Und trotzdem: Gemessen am Konsumentenpreisindex verharrt die Inflation Jahr für Jahr beständig auf rund 1,5%.

Was also ist mit den zusätzlich mehr als 4 Bio. $ passiert, die das Fed ins System gepumpt hat?

Wohin das Geld fliesst

Für die Antwort auf diese Frage müssen wir zuerst genauer betrachten, wie sich die Geldmenge überhaupt definiert.

Die Online-Enzyklopädie «Investopia» umschreibt es so: «Die Geldmenge bezieht sich strikt auf hochliquide Anlagen, einschliesslich Banknoten, Münzen und Bankdepositen. Wenn das Federal Reserve neue Mittel schafft, um Anleihen von Geschäftsbanken zu kaufen, steigt dadurch der Geldbestand der Banken, wodurch sich die Geldmenge ausweitet.»

Zweitens: Das Geld, das Verbrauchern nach allen Ausgaben übrigbleibt, sind «Ersparnisse». De facto ist das ein anderes Wort für Finanzanlagen wie Anleihen, Aktien und zuweilen sogar Immobilien.

Was geschieht demnach, wenn 4 Bio. $ neu geschaffenes Geld ins Finanzsystem injiziert werden und gleichzeitig die Anzahl von Eigenheimen, Bonds und Aktien mehr oder weniger konstant bleibt? Die Preise steigen, denn es ist mehr Geld verfügbar, um die gleiche Anzahl an Finanzanlagen zu kaufen.

Das zwangsläufige Ergebnis ist damit ein sprunghafter Anstieg der Kurse, auch Inflation von Vermögenswerten genannt.

Die echte Inflation

Es stimmt daher: Im Konsumbereich hat es bisher kaum Inflation gegeben. Anders sieht es hingegen im Finanzsektor aus: 2008 belief sich der Wert von allen Anleihen in den USA im privaten und öffentlichen Sektor auf 31 Bio. $. Heute sind es mehr als 45 Bio. $. Dieser Anstieg von fast 50% in zwölf Jahren sieht für mich jedenfalls klar nach Inflation aus.

Ähnlich verhält es sich mit Aktien. 2009 umfasste der Börsenwert aller amerikanischer Aktien rund 9 Bio. $. Heute beträgt die Summe über 35 Bio. $ - annähernd ein Anstieg auf das Vierfache. Weshalb? Die Zahl der Aktien, die an den US-Börsen gehandelt werden, ist in den vergangenen zwölf Jahren sogar geschrumpft. Das heisst, die Unternehmen haben das Gesamtvolumen an ausstehenden Titeln reduziert, indem sie mehr Aktien zurückgekauft als neue emittiert haben.

Die Konsequenz: Mehr Geld jagt einer geringeren Anzahl von Aktien nach, was eine Börsenhausse von historischen Dimensionen angefeuert hat.

Betrachten wir schliesslich noch den Immobilienmarkt: Aus einer persönlichen Wahrnehmung hat der Wert eines Wohnhauses im Prinzip sehr wenig mit seinem Preis zu tun. Trotzdem ist der Wert von US-Wohnimmobilien heute gemäss Daten des Federal Reserve um rund 10 Bio. $ höher als 2008.

Fassen wir zusammen: Die 4 Bio. $, die in den letzten zwölf Jahren ins amerikanische Finanzsystem gepumpt worden sind, haben zu einem Vermögenszuwachs um insgesamt 50 Bio. $ geführt. Das sind rund 90% der gesamten Vermögenssteigerung während dieses Zeitraums, wobei sich der Gesamtwert amerikanischer Haushalte heute auf rund 115 Bio. $ beläuft.

Wenn das keine echte Inflation ist, was dann? Die Realwirtschaft in den USA ist seit der Finanzkrise kaum gewachsen. Die Diskrepanz zwischen Vermögenspreisen und dem Cashflow, den sie erwirtschaften, war noch nie grösser.

Historisch zeigt sich, dass auf Phasen mit Inflation meist Deflation folgt. Deshalb ist die einzige Frage für mich, wann der Trend an den Finanzmärkten dreht. Bis auf Weiteres dürften die Kurse steigen - bis es zum bösen Erwachen kommt.

Charles Biderman

Charles Biderman ist der Gründer von TrimTabs Investment Research, einem 1994 lancierten Datenservice, der Angebot und Nachfrage an der Börse nach Liquiditätsflüssen analysiert. Auf Basis dieser Daten legte er 2011 einen Exchange Traded Fund auf. Die aktuelle Version ist als TrimTabs Free Cash Flow ETF unter dem Symbol TTAC in den USA gelistet. Biderman hat seine Firma inzwischen verkauft, wird aber weiterhin regelmässig in US-Finanzmedien wie CNBC oder Bloomberg TV interviewt. Seine Karriere begann er beim Anlegermagazin «Barron's». Charles Biderman, der früher auch persönliche Entwicklungskurse für Landmark Worldwide leitete, lebt heute in Hawaii. Unter dem Motto «Love, Money and Success» bietet er derzeit eine Online-Lebensberatung an.
Charles Biderman ist der Gründer von TrimTabs Investment Research, einem 1994 lancierten Datenservice, der Angebot und Nachfrage an der Börse nach Liquiditätsflüssen analysiert. Auf Basis dieser Daten legte er 2011 einen Exchange Traded Fund auf. Die aktuelle Version ist als TrimTabs Free Cash Flow ETF unter dem Symbol TTAC in den USA gelistet. Biderman hat seine Firma inzwischen verkauft, wird aber weiterhin regelmässig in US-Finanzmedien wie CNBC oder Bloomberg TV interviewt. Seine Karriere begann er beim Anlegermagazin «Barron's». Charles Biderman, der früher auch persönliche Entwicklungskurse für Landmark Worldwide leitete, lebt heute in Hawaii. Unter dem Motto «Love, Money and Success» bietet er derzeit eine Online-Lebensberatung an.