Meinung

Zehn einfache Lektionen für eine Wirtschaftspolitik in komplexen Systemen

Unsere heutigen Probleme sind die Folge einer Politik, die auf einem falschen Verständnis der Wirtschaft beruht. Deshalb braucht es neue Lösungsansätze, die der Komplexität des ökonomischen Systems gerecht werden. Zehn einfache Lektionen bilden das Fundament dazu.

William White
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«It is worse than a crime. It is a mistake.»
Joseph Fouché, französischer Staatsmann

«We have gotten into a terrible muddle. We have blundered in the operations of a delicate machine, the workings of which we do not understand.»
John Maynard Keynes, britischer Ökonom

Die gravierenden Probleme, die gegenwärtig auf der Weltwirtschaft lasten, haben sich über viele Jahrzehnte hinweg angestaut. Zu einem grossen Teil sind sie ein Nebenprodukt einer gut gemeinten, aber fehlerhaften Wirtschaftspolitik, die wiederum selbst auf irrigen Annahmen zur Funktionsweise der Weltwirtschaft beruht.

Ein Philosoph würde dazu sagen, dass politische Entscheidungsträger einen grundlegenden ontologischen Fehler gemacht haben; so lautet die Bezeichnung für die geistige Lehre des Seins. Die grösste Herausforderung ist deshalb, von diesen irrtümlichen Ansichten wegzukommen und damit die katastrophalen Folgen einer Wiederholung makroökonomischer Fehlentwicklungen zu verhindern.

Das analytische Grundgerüst, auf das sich wirtschaftspolitische Instanzen heute verlassen, geht davon aus, dass sich die Wirtschaft in linearen Modellen abbilden lässt, die auf Vereinfachungen und statischen Annahmen basieren.

Diese Modelle beruhen im Prinzip auf der Vorstellung, dass die Wirtschaft nahezu mechanisch zu einem Gleichgewicht tendiert, das die von der Politik erwünschten Eigenschaften erfüllt – zum Beispiel Vollbeschäftigung. Die Wirtschaft wird damit als berechenbar und einfach kontrollierbar verstanden. Schwerwiegend negative Ergebnisse werden grundsätzlich ausgeschlossen.

Wie die Ereignisse des letzten Jahrzehnts aber gezeigt haben, unterliegen diese Modelle fundamentalen Fehlern. Die Wirtschaft ist ein komplexes, anpassungsfähiges System («Complex Adaptive System»), das sich kontinuierlich weiterentwickelt, nie im Gleichgewicht ruht und mit linearem Denken nicht erfasst werden kann.

Glücklicherweise sind adaptive Systeme in Natur und Gesellschaft allgegenwärtig. Wie man am besten mit ihnen umgeht, ist zudem in diversen Forschungsdisziplinen eingehend untersucht worden.

Als weiterer Pluspunkt kommt hinzu, dass Systeme dieser Art viele gemeinsame Charaktereigenschaften haben. Diese Gemeinsamkeiten lassen darauf schliessen, dass Erkenntnisse aus anderen Wissenschaftsdisziplinen auch rasch auf die Wirtschaftspolitik angewendet werden können.

Wenn politische Entscheidungsträger diese Komplexität des Wirtschaftssystems akzeptieren, lassen sich daraus zehn Lektionen ableiten, die ironischerweise ganz simpel sind.

Lektion 1: Es braucht Kompromisse

Wie die Potenzgesetze aus der Mathematik vorgeben, brechen komplexe adaptive Systeme regelmässig zusammen. Die Wirtschaftspolitik muss deshalb Effizienz gegen Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit abwägen. Ebenso muss man sich der Konsequenzen bewusst sein, die wirtschaftspolitische Massnahmen auf die Verteilung von Einkommen und Vermögen haben. Diese Abwägungen wirken sich auf den Transmissionsmechanismus makroökonomischer Entscheide aus. Ebenso haben sie Folgeeffekte auf noch komplexere soziale und politische Systeme.

Lektion 2: Strukturen sind wichtig

Adaptive Systeme entwickeln zwar eine eigene, evolutionäre Dynamik. Strukturänderungen können aber helfen, wirtschaftspolitische Ziele einfacher zu erreichen. Es ist gut bekannt, dass Strukturreformen die Effizienz steigern können. Weniger bekannt scheint hingegen, dass Puffer, Redundanz und Modularität die Widerstandsfähigkeit eines Systems erhöhen können. Unnötige Komplexität sollte deshalb beseitigt werden.

Lektion 3: Minimieren statt maximieren

Wir werden adaptive Systeme nie vollständig verstehen können. Sie zu optimieren, übersteigt deshalb unsere Möglichkeiten. Weil Systemzusammenbrüche zu extrem negativen Resultaten führen können, sollte sich die Wirtschaftspolitik daher verstärkt darauf konzentrieren, solche negativen Ereignisse zu verhindern. Der Einsatz von hochgradig experimentellen Massnahmen (und Produkten) sollte deshalb nach dem Grundprinzip darauf beschränkt werden, keinen Schaden anzurichten. Diesem Leitsatz folgen auch Ärzte, wenn sie Medikamente verschreiben.

Lektion 4: Mehr symmetrische Ansätze

Adaptive Systeme sind immer pfadabhängig. Ihr Ausgangspunkt legt damit fest, welche Ziele erreicht werden können. Wenn im Verlauf der Zeit Schulden angehäuft werden, macht das die Wirtschaft zusehends anfällig; sowohl für Inflation als auch Deflation. Um eine Anhäufung von Schulden zu vermeiden, sollten Geld- und Wirtschaftspolitik daher ebenso stark einer Überhitzung wie einer Abkühlung der Konjunktur entgegenwirken. Schulden im Privatsektor sollten zusätzlich limitiert werden, indem Schuldzinsen nicht mehr von Steuern abgezogen oder für Aktienrückkäufe verwendet werden können.

Lektion 5: Das Unerwartete erwarten

Weil adaptive Systeme ihrem Namen gemäss anpassungsfähig sind, laufen wirtschaftspolitische Massnahmen immer Gefahr, sich auf das letzte grosse Problem zu konzentrieren, das möglicherweise gar nicht mehr akut ist. Noch schlimmer: Oft sind es diese Richtlinien, die Verhaltensänderungen wie die Umgehung regulatorischer Auflagen und Moral Hazard ermuntern, die zum ursprünglichen Problem geführt haben. Die ständige Wiederholung fruchtloser Massnahmen ist also keine Strategie.

Lektion 6: Fokus auf systemrelevante Risiken

In einem adaptiven System, das stark unter Stress steht, kann fast alles eine Krise auslösen. Umso wichtiger ist es, Indikatoren für wachsende Risiken zu entwickeln, welche die Stabilität des Systems gefährden können. Zu beachten gilt auch, dass neue Finanzprodukte oft zu problematischen Entwicklungen in grösserem Umfang führen.

Lektion 7: Auf mehrere Indikatoren achten

In einem adaptiven System können viele Dinge falsch laufen. Fehlgeleitet ist beispielsweise der Glaube, dass Preisstabilität gemäss dem Konsumentenpreisindex auch makroökonomische Stabilität garantiere. Ähnlich ist der Fokus auf die finanzielle Stabilität (also die Stabilität des Finanzsektors) ungenügend, weil Probleme (wie wachsende Schulden von Unternehmen oder Haushalten) ausserhalb des Finanzsystems entstehen können.

Lektion 8: Prognosen sind unmöglich

In einem adaptiven System ist die Zukunft unbekannt. Auch wenn solche Systeme über lange Zeit hinweg stabil bleiben können, ist eine Prognose, dass es im selben Stil weitergeht, eine naive Extrapolation. Anstatt auf die Kommastelle genaue Prognosen zu machen, ist es deshalb klüger, alternative Szenarien auszuarbeiten, basierend auf der Einschätzung neu entstehender Risiken für die Systemstabilität. Das würde auch helfen, die Leute daran zu erinnern, dass radikale Unsicherheit ein zentrales Charaktermerkmal adaptiver Systeme ist. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit viel grösserer Puffer als sie aufgrund traditioneller Risikoabwägungen erforderlich erscheinen.

Lektion 9: Vorbereitungen für eine Krise treffen

Weil Krisen in adaptiven Systemen unvermeidbar sind, sollten sich politische Entscheidungsträger frühzeitig darauf vorbereiten. Ernstfälle sollten deshalb regelmässig durchgespielt werden, zumal Krisen auf unzählige Arten entstehen und eskalieren können. Daher sollten Absichtserklärungen zwischen verschiedenen Behördenstellen ausgehandelt und vereinbart werden. Es müssen Gesetze verabschiedet werden, die eine ordentliche Abwicklung regeln, falls es bei Unternehmen, Haushalten oder Finanzinstituten zu Insolvenz kommt. Da Krisen auf unzählige Weise variieren können, ist es wichtig, dass die verantwortlichen Behörden über genügend Flexibilität verfügen, um in angemessener Form reagieren zu können.

Lektion 10: Internationale Koordination

Adaptive Systeme sind durch gegenseitige Abhängigkeiten definiert. Alle nationalen Entscheidungsträger müssen ihre wirtschaftspolitischen Massnahmen deshalb im Hinblick darauf ausgestalten, wie sie entscheidungstragende Instanzen in anderen Ländern betreffen – und wie diese darauf reagieren werden. Solche Erwägungen limitieren jedoch auch die «Unabhängigkeit» von Zentralbanken und nationalen Regulatoren. Ausserdem nehmen gegenseitige Abhängigkeiten zusehends internationale Dimensionen an. Das wirft die Frage nach der Durchführbarkeit nationaler Massnahmen auf, die sich ausschliesslich auf nationale Interessen konzentrieren. Komplexität zu akzeptieren, erfordert deshalb auch eine Überprüfung des bestehenden internationalen Währungssystems, das seinem Namen gegenwärtig nicht gerecht wird.

Ökonomen sagen gerne: «Es braucht ein Modell, um ein Modell zu ersetzen.» Ein solches Modell haben wir nun: Die Wirtschaft ist ein komplexes, anpassungsfähiges System und sollte als solches behandelt werden. Die zehn oben beschriebenen, praktischen Lektionen für politische Entscheidungsträger sind damit einfach, aber revolutionär.

Genau deshalb sollten wir sie in die Tat umsetzen. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, um von unserem gegenwärtigen Weg abzukommen, der unweigerlich zu einer Katastrophe führt.

Wenn wir uns weiterhin auf die oberflächlich einwandfreie Logik einer Debatte abstützen, die auf falschen Annahmen beruht, werden wir mehr als nur ein Verbrechen begehen. Wir werden einen Fehler machen.

Dieser Beitrag erscheint im September im Buch «New Approaches to Economic Challenges: The Financial System» (OECD, Paris).

William R. White

William White war von 1995 bis 2008 Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Er zählte zu den wenigen, die 2008 vor der Gefahr einer globalen Finanzkrise gewarnt hatten. Von 2009 bis 2018 war er Chairman des Economic and Development Review Committee der OECD in Paris. Gegenwärtig ist er Senior Fellow am C.D. Howe Institute in Toronto. White, der seine Karriere 1969 als Ökonom in den Diensten der Bank of England begann und auf fünfzig Jahre Erfahrung in der Geldpolitik zurückblickt, befasst sich intensiv mit Fragen rund um das Thema der Stabilität des Finanzsystems. Er lebt in Toronto, Kanada.
William White war von 1995 bis 2008 Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Er zählte zu den wenigen, die 2008 vor der Gefahr einer globalen Finanzkrise gewarnt hatten. Von 2009 bis 2018 war er Chairman des Economic and Development Review Committee der OECD in Paris. Gegenwärtig ist er Senior Fellow am C.D. Howe Institute in Toronto. White, der seine Karriere 1969 als Ökonom in den Diensten der Bank of England begann und auf fünfzig Jahre Erfahrung in der Geldpolitik zurückblickt, befasst sich intensiv mit Fragen rund um das Thema der Stabilität des Finanzsystems. Er lebt in Toronto, Kanada.