Mister Market

ABB: Kommt schon bald die nächste Abspaltung?

In Stockholm kursieren Gerüchte, die Industriegruppe könnte unter dem künftigen CEO Björn Rosengren den Verkauf der Division Elektrifizierung planen. Der grösste Aktionär von ABB soll das Projekt unterstützen.

Mark Dittli

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Am 1. Februar 2020 wird Björn Rosengren das CEO-Amt des Industriekonzerns ABB übernehmen. Der Markt setzt Hoffnungen in die Fähigkeiten des bisherigen Konzernchefs der schwedischen Industriegruppe Sandvik: Seit der Ernennung Rosengrens haben die ABB-Aktien gut 7% zugelegt, während der Swiss Market Index knapp 2% gewonnen hat.

Möglicherweise wird mit der Ankunft Rosengrens bereits der nächste grosse Umbau von ABB eingeleitet. Wie die schwedische Wirtschaftszeitung «Dagens Industri» mit Bezug auf «informierte Quellen» schreibt, könnte ABB die Abspaltung der Konzerndivision Elektrifizierung planen.

Es wäre die zweite Abspaltung nach dem Verkauf der Stromnetz-Sparte an die japanische Hitachi-Gruppe. Die Division Elektrifizierung setzt gegenwärtig jährlich 13 Mrd. $ um, was rund 40% des ABB-Umsatzes (nach der Devestition der Stromnetz-Sparte) entspricht.

Unterstützung von grossen Aktionären

Der Grund für die Pläne der Abspaltung sei die vergleichsweise schwache Wachstumsrate der Division Elektrifizierung mit rund 3% pro Jahr, schreibt die Zeitung. Würde sich ABB auf die drei verbleibenden Geschäftsbereiche Robotik, Industrieautomation und Antriebstechnik fokussieren, könnte die Gruppe rascher wachsen und mehr Aktionärswert schaffen, sagen die nicht genannten Quellen.

Die Pläne werden von Artisan Partners unterstützt: David Samra, Fondsmanager des amerikanischen Investors, der einen Anteil von gut 3% an ABB besitzt, hatte bereits im Juni im Interview mit The Market gefordert, der Konzern solle die Division Elektrifizierung abspalten: «Die Aktivitäten im Bereich Automation sollten zusammengehalten werden. Innerhalb dieses Geschäftsbereichs sollte das Management dann beginnen, dort Prioritäten zu setzen, wo ABB über klare Wettbewerbsvorteile verfügt», sagte Samra.

Gemäss «Dagens Industri» kann Björn Rosengren auf die Unterstützung des grössten ABB-Aktionärs zählen, sollte er sich für eine weitere Abspaltung entscheiden: Investor, die Beteiligungsgesellschaft der schwedischen Wallenberg-Familie mit rund 11% Anteil an ABB, stehe hinter den Plänen. Investor sei seit Jahren der Meinung, ABB solle sich auf die Bereiche Robotik und Industrieautomation konzentrieren.

Investor hat sein Engagement in ABB in den vergangenen Monaten noch verstärkt: Gemäss Daten von Bloomberg hat die Beteiligungsgesellschaft ihren Anteil im Mai um 5,4 Mio. Aktien – Gesamtwert: knapp 100 Mio. Fr. – aufgestockt. Investor ist mit Jacob Wallenberg im Verwaltungsrat von ABB vertreten.

Offiziell bedeckt hält sich die Beteiligungsgesellschaft Cevian Capital, die gut 5% an ABB hält und mit Lars Förberg im VR des Konzerns vertreten ist. Förberg sagte im Mai im Interview mit The Market lediglich, Cevian unterstütze die neue Strategie des Verwaltungsrats.

Es ist allerdings kein Geheimnis, dass der in Schweden lebende Gründungspartner Förbergs bei Cevian, Christer Gardell, gute Beziehungen zu «Dagens Industri» hat. Gardell hat der Zeitung in der Vergangenheit mehrere Interviews gegeben, in denen er die Strategie des früheren ABB-CEO Ulrich Spiesshofer scharf kritisiert hatte. Man kann daher annehmen, dass auch Cevian eine weitere Aufspaltung begrüssen würde und Gardell möglicherweise eine der Quellen hinter dem Beitrag ist.

Neues Machtzentrum in Schweden

Wie die schwedische Zeitung weiter schreibt, könnte sich an der Spitze von ABB eine neue Konstellation von Männern bilden, die in früheren Jahren zusammen beim schwedischen Industriekonzern Atlas Copco zusammengearbeitet hatten: Im ABB-Verwaltungsrat sitzt seit 2018 bereits Gunnar Brock, der von 2002 bis 2009 CEO von Atlas Copco war.

Der künftige ABB-CEO Björn Rosengren arbeitete während dieser Zeit als Divisionschef unter Brock für Atlas Copco. Gemäss «Dagens Industri» bestünden nun auch Pläne, Johan Molin, den derzeitigen VR-Präsidenten von Sandvik und früheren Manager von Atlas Copco, in den ABB-VR aufzunehmen.

Aus Aktionärssicht ist ABB seit Jahren eine Enttäuschung. Der Aktienkurs bewegt sich seit mehr als zehn Jahren seitwärts:

ABB: zehn Jahre seitwärts

ABB Na., in Fr., seit Sept 2009

Gegenwärtig belasten auch die Befürchtungen einer globalen Konjunkturabkühlung den Kurs.

Die Aussicht auf eine mutige Strategie und eine klarere Fokussierung unter dem neuen CEO birgt meiner Meinung nach Potenzial. ABB war während Jahren schlecht geführt, Rosengren wird – zusammen mit VR-Präsident Peter Voser – viel bewirken können.

Diese Perspektive macht die Aktien kaufenswert – allerdings mit einem Vorbehalt: Investoren müssen sich bewusst sein, dass ABB im Fall einer markanten Abschwächung der Weltwirtschaft zu den Leidtragenden zählen würde.

Herzlich grüsst im Namen von Mister Market,

Mark Dittli