Mister Market

Argentiniens Truthahn-Moment

Das politische Risiko ist zurück: In einer einzigen Sitzung hat sich die Marktkapitalisierung der argentinischen Börse in Dollar gerechnet halbiert. Die Anleihen verlieren ebenfalls massiv an Wert.  

Sandro Rosa

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Beginnen wir mit einer kurzen Geschichte. Nassim Taleb, Professor für Risk Engineering an der New York University, ehemaliger Trader und selbsternannter Flâneur, erzählt sie in seinem Buch «The Black Swan».

«Betrachten Sie einen Truthahn, der jeden Tag gefüttert wird. Mit jeder Fütterung wird der Glaube des Vogels bestärkt, es sei die allgemeine Lebensregel, jeden Tag von freundlichen Menschen gefüttert zu werden».

Bis kurz vor Thanksgiving. «Am Nachmittag des Mittwochs vor Thanksgiving wird dem Truthahn etwas Unerwartetes passieren.»

In dieser Lage befinden sich nun alle Anleger, die in argentinische Vermögenswerte investiert haben: Es ist etwas Unerwartetes passiert. 

Börsenwert halbiert

Denn innerhalb nur eines Handelstages ist der argentinische Leitindex Merval (in Dollar) um 48% eingebrochen. Der Rückgang in Lokalwährung (vgl. Grafik) wurde noch verstärkt durch die Abwertung des Peso.

Die argentinische Börse stürzt ab

S&P Merval Index (in Pesos) (in Tausend)

Was ist passiert? Oppositionskandidat Alberto Fernández, der frühere Kabinettschef von Ex-Präsidentin Cristina Kirchner, ging als Sieger aus den Vorwahlen vom 11. August hervor. Fernandez erhielt 48,9% der Stimmen, vor Präsident Mauricio Macri mit 33,3%. Die Opposition hat damit deutlich besser abgeschnitten, als die jüngsten Umfragen erwarten liessen. 

Der Einbruch von rund 50% ist gemäss Bloomberg der weltweit zweitgrösste Tagesverlust seit 1950 – einzig übertroffen von Sri Lanka, wo die Aktien im Juni 1989 in einer Sitzung mehr als 60% eingebüsst hatten.

Bond-Investoren mussten ebenfalls Federn lassen. Anleger, die vor nur etwas mehr als zwei Jahren zugeschlagen haben, als Argentinien eine Dollar-Anleihe über hundert Jahre ausgab, erleben heute ihr böses Erwachen: Der Bond ist von 75 auf 56 (–25%) abgesackt.

Hierzulande dürfte es ebenfalls Tränen geben, denn Argentinien hat auch Bonds in Franken ausstehend: Ihr Preis ist von 90 auf unter 70 gefallen (–22%).

Solche Momente, in denen Anleger ihre Überzeugungen überdenken müssen, könnten sich in den nächsten Monaten häufen – der Jagd nach Rendite und dem Glauben an die Allmacht der Geldpolitik nach dem Motto «die Notenbanken werden schon Schlimmeres verhindern» sei Dank.

Vor allem in hochverzinslichen Anleihen und bei Anleihen aus Schwellenländern sollten Anleger über die Bücher gehen. Denn ob sie die versprochenen Renditen tatsächlich einfahren werden, ist keinesfalls sicher. Vielleicht droht da und dort ein weiterer Truthahn-Moment.  

Freundlich grüsst im Namen von Mister Market,

Sandro Rosa