Mr Market

Aryzta präsentiert sich zuversichtlich

Das Management des Grossbäckers kann mit seiner klaren Kommunikation die Sorge der Anleger wegen des steigenden Weizenpreises etwas nehmen. Doch die Unsicherheit bleibt hoch.

Gabriella Hunter
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Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Der Krieg in der Ukraine schüttelt derzeit die Märkte durch. Insbesondere Energie- und andere Rohstoffpreise schiessen durch die Decke. Allen voran der Weizenpreis. Russland und die Ukraine produzieren 10% der globalen Weizenexporte, das Risiko für die Versorgung ist real, sagte Marko Papic, Spezialist für Geopolitik bei Clocktower Group, kürzlich im Interview mit The Market.

Wie ich dachten wohl die meisten Anleger beim Stichwort Getreide vergangene Woche an Aryzta. Viele trennten sich von den Aktien des Grossbäckers. Der Kurs fiel in wenigen Tagen um mehr als ein Fünftel.

Das hat das Aryzta-Management aufgeschreckt. Wegen der Vorkommnisse in Osteuropa und dem Einfluss auf das Geschäft zog es die Publikation der Halbjahresberichts um eine Woche vor. Wie schon im Herbst anlässlich der Publikation des Geschäftsberichts rücken die eigentlichen Zahlen per Ende Januar dabei etwas in den Hintergrund.

Viel wichtiger ist der Ausblick. Und dieser ist trotz der gegenwärtigen Unsicherheiten erstaunlich klar und noch dazu einigermassen positiv.

Weitere Preiserhöhungen unausweichlich

Der Krieg in der Ukraine und die dadurch steigenden Preise gingen natürlich auch an Aryzta nicht vorbei, sagte CEO und Präsident Urs Jordi an der Telefonkonferenz. Direkt von Angebotsengpässen sei das Unternehmen aber nicht betroffen. «Der Grossteil dieses Weizens bleibt in Osteuropa oder geht in den Nahen Osten und nach Afrika.»

Bleibt der Preiseffekt. Diesen versucht Aryzta an die Kunden weiterzureichen. Das gelang ihr zuletzt deutlich besser als erwartet. In den bestehenden Verträgen sind die Preise grösstenteils abgesichert, und neue Angebote werden zum Marktpreis kalkuliert, womit der Kunde das Risiko trägt.

«Bei den gegenwärtigen Verwerfungen gibt es keine anderen Möglichkeiten, die Preiserhöhungen gänzlich zu absorbieren», sagte Jordi, «selbst mit Kostensenkungen und Automatisierung der Prozesse nicht». Das Management befinde sich in ständigem Austausch mit den Kunden, es sei am Markt klar, dass die Preise steigen.

Erneute Preisrunden sind laut Jordi wahrscheinlich – ich halte sie gar für unausweichlich. Denn nicht nur der Weizenpreis steigt. Auch die Preise für andere Rohstoffe wie zum Beispiel Butter und Energie sowie die Löhne ziehen an. Wichtig ist indes auch, was die Konkurrenz macht, und diese signalisiert laut dem CEO weitere Erhöhungen. «Das ist ein positives Signal für uns.» Im Januar betrug der Preiseffekt bereits 3,6%.

«Wir sind klar über der Prognose»

Insgesamt trugen Preissteigerungen im ersten Halbjahr 2% zum Wachstum bei. Sowohl Umsatz als auch die Profitabilität legten trotz höherer Preise stärker zu als erwartet. Organisch resultierte ein Plus von 13,3%, die bereinigte Betriebsgewinnmarge vor Abschreibungen und Amortisationen stieg 2,4 Prozentpunkte auf 12,5%. Unter dem Strich gelingt gar die Rückkehr in schwarze Zahlen. «Wir sind klar über der Prognose», sagte Jordi.

Das Momentum in Europa sei gut. Zum Teil lägen die Verkäufe bereits über dem Niveau von 2019. Im grössten Einzelmarkt Deutschland ziehe das Geschäft mit der Aufhebung der Covid-Einschränkungen weiter an. Mit dem Verkauf des Geschäfts in Brasilien sind die Devestitionen abgeschlossen. Besonders erfreulich: Der Ausbau des Geschäfts im mit 3 bis 4% im Jahr schneller wachsenden asiatischen Raum scheint sich auszuzahlen.

Auch sonst überzeugt der Grossbäcker mit umsichtigen Massnahmen. Um die Volatilität abzufedern, investierte Aryzta in den Lageraufbau. Zusammen mit ausserordentlichen Effekten in Deutschland und Frankreich belastete das den freien Cashflow, der mit 11 Mio. € nicht mal halb so hoch war wie in der Vorjahresperiode. Dies ist nur dank der deutlich stärkeren operativen Leistung und dem markant höheren Ebitda überhaupt möglich.

Zinslast bleibt hoch

Die Verbesserungen erlauben auch die Rückerstattung aufgelaufener und fälliger Zinszahlungen auf die Hybridanleihen. Damit seien Stand heute alle Fälligkeiten beglichen, sagte Jordi. Doch die Barzahlungen in Höhe von fast 183 Mio. € wiegen schwer: Die Nettoverschuldung nahm auf fast 300 Mio. € zu. Und die Zinslast bleibt hoch. Dies, obwohl Aryzta insgesamt mit einem Verhältnis von Nettoverschuldung zu Ebitda von unter 3 und einer Interest Cover Ratio (Ebitda/Zinszahlungen) von 2,44 deutlich besser dasteht als noch vor zwei Jahren.

Die Stärke spiegelt sich auch im Ausblick. Das erwartete Umsatzwachstum wird neu auf 12 bis 14% geschätzt, bisher hiess es «im mittleren einstelligen» Bereich. Obwohl diese Anpassung sicher auch dem Preiseffekt geschuldet ist, bleibt die prognostizierte Ebitda-Marge mit 12,5% stabil. Zudem will das Management die Preisverhandlungen mit Kunden vorantreiben.

Starkes Zeichen in unsicheren Zeiten

Die heutige Bekanntgabe und insbesondere der Ausblick ist ein weiteres starkes Zeichen des Aryzta-Managements. In weniger als zwei Jahren hat Urs Jordi den schlingernden Grossbäcker in die Spur zurückgebracht. Der operative Erfolg ist das direkte Ergebnis einer zukunftsgerichteten Strategie, aber auch der sehr guten Kommunikation. Diese wurde heute einmal mehr unter Beweis gestellt.

Die äusseren Umstände kann aber auch Aryzta nicht ändern. Zur hohen finanziellen Belastung durch die Zinsen auf den Hybridanleihen kommen jetzt noch grosse Herausforderungen angesichts der angespannten Rohstoffmärkte. Das hemmt das Entfaltungspotenzial.

Entsprechend bleibe ich bei meiner Einschätzung: Nach dem erfolgreichen Turnaround wird die weitere Verbesserung lang und beschwerlich. Das wird sich auch in der nur langsamen Erholung des Aktienkurses zeigen, selbst wenn die Korrektur der vergangenen Woche gegenwärtig zu heftig anmutet. Die Unsicherheit an den Finanzmärkten bleibt kurz- bis mittelfristig gross und damit auch die Volatilität, die Aryzta stärker trifft als die Aktien anderer Lebensmittelhersteller.

Freundlich grüsst im Namen von Mrs Market

Gabriella Hunter