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Ascom beauftragt Rothschild & Co, alle Optionen zu prüfen

Der Kommunikationsspezialist trennt sich nach einer weiteren Ergebnisenttäuschung von CEO Holger Cordes. Jetzt kommen alle Möglichkeiten auf dem Tisch.

Ruedi Keller

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Ascom enttäuscht erneut. Statt der in Aussicht gestellten Verbesserung des operativen Geschäfts folgt der nächste Einbruch: Der Umsatz ist im ersten Halbjahr voraussichtlich 4,2% auf 137 Mio. Fr. gesunken, meldet Ascom. Die Ebitda-Marge sei auf noch 1% eingebrochen.

Erneut zu optimistische Versprechen

Noch Mitte Juni – also kurz vor Semesterende – hatte CEO Holger Cordes im Interview mit The Market bekräftigt, mit der Transformation auf gutem Weg zu sein: «Wir hatten im letzten Jahr gewisse Schwierigkeiten» – im Segment Unternehmenskunden und im Vertrieb von Hardware. Zudem sei damals die geplante Produktivitätssteigerung im Service-Bereich nicht gelungen. «Wir arbeiten an diesen Punkten, sehen erste Erfolge und sind mit Blick auf das Gesamtjahr innerhalb des Zielkorridors», lautete seine Ansage.

Genau die beiden erwähnten Bereiche werden heute von Ascom als Grund für die erneute Ergebnisverfehlung angeführt.

Zwischen zwei Phasen

Die abermals schlechten Zahlen haben offensichtlich auch den Verwaltungsrat auf dem falschen Fuss erwischt, höre ich. Folge: CEO Holger Cordes ist weg. Jeannine Pilloud übernimmt zusätzlich zu ihrem Präsidentenposten die operative Führung. Zur Wahrung einer akzeptablen Corporate Governance hat Ascom Jürg Fedier zum Independent Lead Director ernannt.

Dass in der heutigen Mitteilung nicht von einer Interimslösung gesprochen wird, ist kein Zufall: Als dem Verwaltungsrat in den letzten Wochen klar wurde, dass wider Erwarten erneut schlechte Zahlen drohen, griff er ein: Jetzt sind alle Optionen auf dem Tisch. Ausgang offen.

Rothschild & Co wird mandatiert

Aus meinem Netzwerk vernehme ich, dass Ascom die Investmentbank Rothschild & Co beauftragt hat, die strategischen Möglichkeiten auszuloten. Im Vordergrund stünden neue Partnerschaften. Doch auch ein Verkauf sei nicht ausgeschlossen.

Ascom kommentiert diese Informationen nicht. «Alles ist offen», sagte Pilloud heute in einer Konferenzschaltung lediglich, ohne Details zu nennen. Ihr Doppelmandat werde sie entsprechend so lange wie nötig ausüben.

Zwiespältiges Geschäftsbild

Bezüglich der Geschäftsaussichten sendet die heutige Mitteilung ein gemischtes Bild: Der Rückgang um 30% im Hardware-Bereich schmerzt mit Blick auf den Gewinn, ist strategisch aber wenig relevant. Erstens zählt der Bereich, der rund 10% an den Konzernumsatz beisteuert, nicht zum Kerngeschäft. Zweitens braucht es in Ascoms umsatzdünnen, aber margenstarken Hardware-Geschäft lediglich eine Verschiebung einzelner Projekte, um den Gewinn von einem Quartal ins nächste wandern zu lassen.

Grössere Sorgen bezüglich des fundamentalen Werts von Ascom bereiten die Probleme im Service-Bereich. Dieser ist Teil des Kerngeschäfts und spielt eine zentrale Rolle bei der angestrebten Margenverbesserung auf mittelfristig 20%.

Kaum Zweifel gibt es daran, dass Ascom starke Produkte und Lösungen zu bieten hat. Doch bei der Installation hapert es offensichtlich immer noch. Dies verhindert erstens die gegenwärtige Monetarisierung der Investitionen. Zweitens dürfte es dem Ruf für künftige Projekte kaum zuträglich sein.

Ascom braucht einen starken Partner

Die neue Ausrichtung auf kritische Kommunikation im Gesundheitsbereich und die respektable Grösse als spezialisierter, auf diesen Bereich ausgerichteten Lösungsanbieter machen Ascom zu einem interessanten Zielobjekt – gerade, weil das Management es bislang nicht geschafft hat, das Potenzial aus eigener Kraft zu realisieren.

Unter CEO Cordes hatte sich die Strategie von Ascom darauf konzentriert, ihre Produkte über Wiederverkäufer, das eigene Direktgeschäft und zunehmend über Partnerschaften zu verkaufen. Den notwendigen Erfolg hat dieses Vertriebskonzept jedoch nicht gebracht.

Verwaltungsratspräsidentin Pilloud wird zusammen mit ihren Beratern nun Alternativen prüfen müssen, wie der in Ascom schlummernde Wert endlich materialisiert werden kann. Der abrupte Abgang von Cordes deutet darauf hin, dass nicht weitere Jahre dafür aufgewendet werden sollen, den Vertrieb weltweit aus eigener Kraft stemmen zu wollen.

Der Zeitdruck ist hoch

Ascom könnte aber auch auf dem M&A-Markt unter Zeitdruck geraten, um nicht auch noch die erfolgversprechendsten Kombinationen zu verpassen.

Die Branche ist bereits in voller Bewegung. Neben Übernahmen – beispielsweise von Voalte durch Hill-Rom – werden derzeit diverse Partnerschaften geschlossen, und Private-Equity-Häuser kaufen sich in den Bereich ein, beispielsweise Francisco Partners.

Bleibt zu hoffen, dass die Entscheidungsträger sich über den künftigen Weg einig werden, bevor die noch junge Branche sich neu geordnet hat – ohne Ascom.

Freundlich grüsst im Namen von Mister Market,

Ruedi Keller