Mr Market

Credit Suisse bremst ab

Die neue Risikoscheu der Bank lässt den Ertrag im zweiten Quartal schrumpfen. Zu befürchten ist, dass das auch im restlichen Jahresverlauf genau so weitergehen wird.

Ruedi Keller
Drucken

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Die Zahlen, die Credit Suisse zur Jahresmitte vorgelegt hat, zeigen den Schaden deutlich: Die Pleite des US-Hedge Funds Archegos und die Schliessung des von Greensill gefütterten milliardenschweren Supply Chain Fund prägen das Ergebnis – und werden auch künftig die Ertragskraft der Bank bremsen.

Zuerst die einfache Rechnung: Ohne die beiden Debakel – sowie unter Ausschluss davon unabhängiger, positiver Einmaleffekte – hätte Credit Suisse im ersten Halbjahr 2021 den Vorsteuergewinn gegenüber der Vorjahresperiode auf 4,9 Mrd. Fr. verdoppelt. Faktisch bleibt den Aktionären – inklusive der positiven Einmaleffekte – aber lediglich ein Halbjahresgewinn von 1 Mio. Fr.

Auf den ersten Blick verbessert hat sich die Situation im Quartalsvergleich: Nach dem Verlust von 252 Mio. Fr. im ersten Quartal 2021 hat im zweiten Quartal immerhin wieder ein Gewinn von 253 Mio. Fr. resultiert.

Doch der Geschäftsverlauf ohne die primär vom Fall Archegos geprägten finanziellen Einbussen zeigen ein ganz anderes Bild: Der Ertrag sank im Quartalsverlauf 30% auf 5,2 Mrd. Fr. Der bereinigte Vorsteuergewinn schrumpfte mit 1,3 Mrd. Fr. auf ein Drittel und sank damit auch unter den Vorjahreswert.

Ausschlaggebend dafür waren primär rückläufige transaktionsabhängige Einnahmen. Die Investmentbank büsste im Handelsgeschäft merklich Terrain ein, besonders der Aktienhandel verzeichnete im Jahresvergleich ein Minus von 17%, während die US-Konkurrenz hier zugelegt hat. Insgesamt und unter Ausschluss von Archegos glitt der Ertrag gegenüber der Vorjahresperiode um 23% zurück. Der Grund liegt in der Risikoscheu, die sich Credit Suisse nach dem Fall Archegos neu auferlegt hat. Sie hat zudem das Prime Brokerage, also das Geschäft mit ebensolchen Hedge Funds, stark reduziert.

Doch auch im International Wealth Management brach das transaktionsorientierte Geschäft um nahezu die Hälfte ein. Dies hauptsächlich im Bereich der Zusammenarbeit mit der Handelsabteilung der Investmentbank. Die dort neu entwickelte Risikoscheu wirkt sich offensichtlich auch auf die Ertragskraft der Vermögensverwaltung aus.

Zudem zogen Kunden im Quartal netto Gelder ab, mit einem Minus von 6,7 Mrd. $ besonders deutlich in der Region Asien. Auch hier spielt Risikoscheu mit.

Dank der guten Marktperformance sind die verwalteten Vermögen insgesamt dennoch auf 853 Mrd. Fr. gestiegen. Mit einer zudem leicht höheren Mandatsdurchdringung hat sich damit immerhin der wiederkehrende Ertrag leicht verbessert. Doch der Gesamtertrag der Vermögensverwaltung blieb mit 3,7 Mrd. Fr. genauso wie bei der Investmentbank mit 1,8 Mrd. $ unter den Erwartungen.

Das Potenzial schrumpft

Es ist zu befürchten, dass es noch schlimmer kommt – nicht bezüglich Verlusten aus dem Fall Archegos, die nun weitgehend verbucht sein dürften –, sondern mit Blick auf die künftige Ertragskraft.

Im Ausblick warnt das Management für den weiteren Jahresverlauf vor einer Abnahme des Marktvolumens, was das Transaktionsgeschäft allgemein hemmen würde. Dazu kommt die spezifische Situation von Credit Suisse: Die Bank will an einem «konservativeren Risikoansatz» festhalten, solange die Überprüfung der Geschäftsstrategie in den nächsten Monaten läuft.

Auswirkungen hat das insbesondere für das Handelsgeschäft der Investmentbank, für die das Management mit einem Aktivitätsrückgang rechnet. Die Redimensionierung des Prime-Services-Geschäfts dürfte zusätzliche Auswirkungen zeigen. Positiv eingestellt ist die Bank aufgrund der gestiegenen verwalteten Vermögen für die wiederkehrenden Kommissions- und Gebühreneinnahmen der Vermögensverwaltung.

Der einzige Lichtblick zur Jahresmitte ist, dass die Quote des harten Eigenkapitals (CET 1) von 12,2% per Ende des ersten Quartals nun auf 13,7% gestiegen ist. Dazu beigetragen hat die im Quartal vollzogene Kapitalerhöhung um 1,7 Mrd. Fr., hauptsächlich jedoch der Risikoabbau in der Investmentbank, der die Bilanz schrumpfen liess.

Das grössere Polster wird die Bank voraussichtlich auch brauchen. Denn obwohl die Gewinne wohl nur zaghaft fliessen werden, dürften hohe Steuerzahlungen anfallen, da die Verluste von rund 6 Mrd. $ durch Archegos nur ansatzweise geltend gemacht werden können. Zudem sind im Quartal die Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten und die Kosten für Restrukturierungen gestiegen – und sie dürften weiter zunehmen.

Von den Supply Chain Funds scheinen zwar nun Barmittel von 6,6 Mrd. $ des ursprünglichen Volumens von rund 10 Mrd. $ gesichert, und 5,9 Mrd. $ davon wurden an die Anteilseigner zurückbezahlt. Es verbleibt aber noch immer ein Fehlbetrag von mehr als 3 Mrd. $, von dem unklar ist, wer dafür wird aufkommen müssen.

Freundlich grüsst im Namen von Mr Market

Ruedi Keller