Mr Market

Credit Suisse droht aus dem Untergang von Archegos ein weiterer Milliardenverlust

Anfang März der Skandal um Greensill-Fonds im Volumen von mehr als 10 Mrd. $. Jetzt Verluste aus der die Pleite des US-Hedge Fund Archegos. Bei Credit Suisse stellen sich Fragen zum Risikomanagement.

Ruedi Keller
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Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Die Unfälle von Credit Suisse häufen sich. Zu Beginn des Monats hat Credit Suisse vier von Greensill beschaffte Fonds mit einem Volumen von mehr als 10 Mrd. $ in Liquidation geschickt. Auf den darin enthaltenen Schuldpapieren drohen Ausfälle – spekuliert wird über einen Milliardenbetrag.

Heute warnt Credit Suisse vor möglichen Verlusten wegen der Zahlungsunfähigkeit eines US Hedge Fund, deren Einfluss auf das Erstquartalsresultat der Bank «highly significant and material» sein könnte.

Aufschrecken lässt die Formulierung «highly significant», was ich so noch nie gelesen habe. Und aufgeschreckt ist die Börse: Die CS-Aktie eröffnete heute 10% im Minus – was einer Wertkorrektur der Marktkapitalisierung um rund 3 Mrd. Fr. entspricht.

Der Kurs der CS-Aktie

Der Auslöser ist Archegos

Die Credit Suisse nennt den Hedge Fund nicht beim Namen und gibt auch auf Anfrage keine weiteren Auskünfte. Die Lage ist dennoch klar: Der Auslöser war der milliardengrosse US Hedge Fund Archegos Capital Management, der letzte Woche seinen Verpflichtungen gegenüber seinen kreditgebenden Banken nicht mehrt nachkam. Das berichten mehrere Nachrichtenagenturen übereinstimmend.

Archegos investierte in Aktien, darunter offenbar im grossen Stil in den US-Medienkonzern Viacom, dessen Titel vergangene Woche unter Druck gerieten. Zudem berichtet die «Financial Times» von Grossanlagen in chinesische Technologietitel. Die Investitionen des US Hege Funds waren offenbar stark mit Fremdkapital finanziert.

Da die bei den Banken zur Besicherung ihrer Kredite hinterlegten Aktien an Wert verloren, hätte der Hedge Fund letzte Woche Kapital nachschiessen müssen. Das konnte er nicht und brach angesichts der «Margin Calls» zusammen.

Die Banken gingen dazu über, die bei ihnen zur Sicherheit hinterlegten Aktien in Notverkäufen zu liquidieren. Ihr Ziel: Aus dem Erlös einen möglichst grossen Teil ihrer möglichen Verluste aus den Krediten, die sie gegenüber dem Hedge Fund haben, zu decken. Das Problem: Die riesigen Mengen an Wertpapieren, die sie auf den Markt warfen, drückten die Kurse der entsprechenden Aktien zusätzlich, wodurch auch der Wert ihrer Sicherheiten weiter abnahm.

Archegos-Positionen im Wert von 20 Mrd. $ liquidiert

Gemäss «Financial Times» verhökerten Goldman Sachs und Morgan Stanley allein am Freitag Aktien im Wert von 19 Mrd. $, die Archegos bei ihnen als Sicherheiten für Kredite hinterlegt hatte.

Heute meldeten Credit Suisse und die japanische Investmentbank Nomura mögliche Verluste wegen des US Hedge Fund. Nomura bezeichnete die Forderungen gegenüber dem Kunden auf rund 2 Mrd. $ – dies gerechnet zu Marktpreisen per letzten Freitag. Die Warnung folgt sogleich: Abhängig von der Abwicklung der Positionen und der Entwicklung der Marktpreise könne sich der Betrag noch verändern.

Credit Suisse schreibt, sie und eine Reihe weiterer Banken seien derzeit daran, aus «den Positionen auszusteigen», die der Hedge Fund als Sicherheiten für Kredite hinterlegt habe. Es sei verfrüht, den Verlust aus dem Ausstieg zu quantifizieren – ausser, dass er «hoch signifikant und substanziell» ausfallen könne.

Die US-Banken waren schneller

Der Schluss daraus ist: Goldman Sachs und Morgan Stanley haben früh begonnen, ihre Positionen zu liquidieren. Bloomberg zitiert einen Insider, der die Nachrichtenagentur wissen lässt, dass Goldman Sachs voraussichtlich keine substanziellen Verluste aus dem Fall einfahren werde. Sie habe zu den ersten gehört, die ihre Positionen am Markt veräussert habe.

Credit Suisse und Nomura hingegen sitzen offensichtlich weiterhin auf potenziell grossen Positionen aus dem Bestand von Archegos, deren Werthaltigkeit jetzt völlig unklar ist – eine Schlussfolgerung, die eine über die Lage bei Credit Suisse informierte Person gegenüber The Market bestätigt.

3 bis 4 Mrd. $ Verlust für die Credit Suisse?

Die «Financial Times» zitiert zwei der Bank nahestehende Quellen mit der Aussage, die Schweizer Bank würde den Verlust aus den Krediten an Archegos auf 3 bis 4 Mrd. $ schätzen. Überprüfen lässt sich die Zahl nicht, zumal bei Credit Suisse die Abwicklung der Positionen noch voll im Gang zu sein scheint.

Weiter werden in Medienberichten die UBS und die Deutsche Bank als Kreditgeber von Archegos aufgeführt. Sie haben heute jedoch keine Verlustwarnungen verschickt, was den Schluss nahelegt, dass sich für sie mögliche Ausfälle aus dem Fall in Grenzen halten könnten.

Für Credit Suisse dürfte Archegos jedoch zu einem weiteren Desaster führen: Bereits im Fall Greensill wird über einen möglichen Verlust von bis zu 3 Mrd. $ spekuliert. Mit Archegos steht im selben Monat nochmals ein Verlust in ähnlicher Höhe im Raum. Sie übersteigen je einzeln den für das Gesamtjahr 2020 ausgewiesenen Gewinn der Bank von 2,7 Mrd. Fr.

Wo ist die Risikokontrolle?

Es gehört zum Bankgeschäft, Risiken einzugehen – was auch zu Unfällen führen kann. Die Aufgabe besteht jedoch darin, die Risiken, die Chancen und die Kontrolle darüber im richtigen Verhältnis zueinander zu halten.

Im Fall Greensill gab es seit Jahren Hinweise, dass hier grosse Gefahren lauern, namentlich in der Verstrickung der Fonds mit dem indisch-britischen Stahlindustriellen Sanjeev Gupta. Doch Credit Suisse handelte erst diesen Monat. Konsequenz: ein möglicher Milliardenverlust. Beim Fall Archegos waren die US-Banken offensichtlich schneller. Zumindest Goldman Sachs scheint deshalb relativ glimpflich davonzukommen. Bei der Credit Suisse ist die Konsequenz hingegen: ein möglicher Milliardenverlust.

Pikant hier: Bill Hwang, der hinter Archegos Capital steht, war 2012 in Hongkong aufgrund illegaler Handelsaktivitäten wegen Betrugs verurteilt worden und musste seinen damaligen Hedge Fund Tiger Asia Management schliessen. Seit 2014 ist Hwang zudem in Hongkong vom Handel ausgeschlossen.

Die Verstrickungen der Credit Suisse zu ihm dürften jetzt nicht nur den Gewinnausweis der Bank belasten, sondern auch das Vertrauen in sie – sowohl das der Aktionäre als auch der Kreditgeber: Erstere haben heute gehandelt und die Aktie auf Talfahrt geschickt. Das Verdikt der Kreditgeber, respektive der Agenturen, die die Bonität der Bank einschätzen, dürfte folgen.

Die Ratingagentur Fitch hat bereits am Donnerstag angekündigt, dass Credit Suisse ein Bonitätsabschlag auf dem langfristigen Rating droht, falls Untersuchungen zum Greensill-Fall signifikante Mängel in ihrem Risikomanagement identifizieren.

Mit Archegos stehen wohl bereits die nächsten Untersuchungen zum Thema Risikokontrolle ins Haus: Wie kann es sein, dass Credit Suisse bei der Kreditvergabe an die schnellsten und windigsten Akteure auf dem Finanzmarkt jeweils ganz vorne mitmischt, in der Risikokontrolle aber jedes Mal Verspätung hat?

Freundlich grüsst im Namen vom Mr Market

Ruedi Keller