Mr Market

Credit Suisse steckt im Korsett

Das Erstquartalsergebnis der Grossbank fällt noch schlechter aus als befürchtet. Der Ertrag bricht weg, die Kosten steigen und hohe Rechtskosten führen zu einem Verlust.

Ruedi Keller ✉️
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Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Schlimmer geht immer. Das ist das Bild, das die Credit Suisse derzeit abgibt. Noch vor drei Monaten hatten die Analysten von der Schweizer Grossbank im Schnitt ein Erstquartalsergebnis von mehr als 1 Mrd. Fr. erwartet.

Angesichts des Kriegs in der Ukraine, dem anspruchsvollen makroökonomischen Umfeld und den volatiler werdenden Märkten haben sie darauf ihre Erwartungen sukzessive halbiert. Als die Bank dann vor Wochenfrist warnte, im ersten Quartal auch noch Rückstellungen von rund 700 Mio. Fr. für Rechtsstreitigkeiten vorzunehmen, drehte die Konsenserwartung in einen Verlust auf Stufe Vorsteuergewinn von rund 150 Mio. Fr.

Doch mit dem heute ausgewiesenen Minus für das erste Quartal von 428 Mio. Fr. hat es Credit Suisse dennoch geschafft, auch diese Erwartung noch zu unterbieten.

Zusätzlich zu den nicht abebben wollenden Rechtskosten kommt der operative Druck der Credit Suisse von zwei Seiten: Der Ertrag bricht aufgrund des gezügelten Risikoappetits weg, während die Kosten steigen, da die Mitarbeiter mit Sonderzahlungen bei der Stange gehalten werden sollen.

Im Vergleich zum operativ hervorragenden Ergebnis des Vorjahresquartals, in dem die noch mutig bis übermütig agierende Bank einen Ertrag von 7,5 Mrd. Fr. erwirtschaftete, brachen die Einnahmen im laufenden Jahr von Januar bis März um 40% auf noch 4,4 Mrd. Fr. ein.

Ausschlaggebend dafür waren gemäss Angaben der Bank der Rückgang der Kundenaktivität und der Kapitalmarktemissionen sowie die «kumulative Verringerung unserer Risikobereitschaft».

Zur Erinnerung: Im ersten Quartal 2021 erlitt die Credit Suisse wegen der Pleite des US-Hedgefonds Archegos einen Kreditausfall von rund 4,5 Mrd. Fr. Dazu kamen Skandale um den 10 Mrd. $ schweren Lieferkettenfonds, den sie mit Greensill betrieb, sowie im weiteren Jahresverlauf diverse zusätzliche Altlasten zum Vorschein. All das veranlasste die Bank, ihr Profil zu überdenken, den Risikoappetit zu zügeln und das Gewicht von der Investmentbank hin zur Vermögensverwaltung zu verlagern.

Massive Geschäftseinbusse

Die Auswirkungen sind dramatisch: In der Investmentbank halbierte sich der Ertrag im Jahresvergleich von zuvor mehr als 4 Mrd. $ auf noch gut 2 Mrd. $. Die Einnahmen aus dem Kapitalmarktgeschäft glitten um zwei Drittel zurück.

Während UBS in diesem Bereich das Vorjahresergebnis gar überbieten konnte, zeigt sich deutlich: Credit Suisse litt hier nicht in erster Linie unter dem allgemein schwächeren Umfeld, sondern ihr Ausstieg aus dem Prime Brokerage und die reduzierte Risikonahme, insbesondere beim Leveraged-Finance-Geschäft, hat ihre Ertragskraft massiv zurückgebunden.

Ähnlich präsentiert sich das Bild beim Wealth Management: Der Ertrag sank im Jahresvergleich selbst bereinigt um Sonderfaktoren um mehr als ein Fünftel auf noch 1,5 Mrd. Fr. Das transaktionsbasierte Geschäft glitt um 40% zurück – auch das klarer Ausdruck der angepassten Risikobereitschaft.

Kosten steigen unabhängig vom Geschäftsgang

Um die Mitarbeiter angesichts des erwarteten Geschäftsrückgangs an sich binden zu können, hatte das Management bereits zuvor angekündigt, im laufenden Jahr die Bonustöpfe nicht nur an das Ergebnis zu binden, sondern zum Ausgleich die Cash-Komponente um einen Faktor 13 auf 800 Mio. Fr. anzuheben.

Auch um Sonderfaktoren bereinigt stieg so der Geschäftsaufwand im Jahresvergleich um 9%, während der Ertrag um 40% zurückging. Selbst wenn man die negativen Sonderfaktoren von zusammen etwas mehr als 700 Mio. Fr. herausrechnet, hätte Credit Suisse in ihrer derzeitigen operativen Verfassung und im normalerweise mit Abstand stärksten Quartal des Jahres damit lediglich einen Vorsteuergewinn von 300 Mio. Fr. erzielt.

Personalrochade nimmt Fahrt auf

Der Umbau der Credit Suisse zeigt sich auch beim Personal: David Mathers, der seit 2010 als Finanzchef amtete – unter CEO Brady Dougan, Tidjane Thiam und zuletzt Thomas Gottstein –, will die Bank verlassen, sobald ein Nachfolger gefunden ist.

Der CEO der Region Asia Pacific, Helman Sitohang, wird per 1. Juni zurücktreten. Ersetzt wird er durch Edwin Low, der bereits seit 2016 bei Credit Suisse ist.

Weiter verlässt Romeo Cerutti die Bank, der nach mehr als zehn Jahren von seinem Posten als Group General Counsel zurücktritt. Ersetzt wird er durch ein anderes Urgestein: Markus Diethelm, der dieselbe Funktion von 2014 bis 2021 bei der UBS innehatte.

Ausblick macht keine Hoffnung

Kurzfristig dürften die Wechsel allerdings wenig bewirken. Das Bild, das Credit Suisse im Auftaktquartal operativ abgibt, dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach auch das weitere Gesamtjahr prägen:

Das Management erwartet zwar, dass es das Risikoprofil des Geschäfts weiter verbessern kann. Doch es warnt gleichzeitig, dass die Verringerung der Risikobereitschaft der Bank sowie der Ausstieg der Investmentbank aus dem Prime-Service-Geschäft sich negativ auf die Erträge auswirken werde.

Auf der Kostenseite rechnet es 2022 zudem mit höheren Baraufwendungen für Mitarbeitervergütungen sowie anhaltend hohen Ausgaben zur Optimierung der Risiko- und Compliance-Bereiche sowie der Verbesserung der Infrastruktur.

Die Vorteile daraus sowie gleichzeitig geplante Kostensenkungsprogramme dürften sich indes erst ab 2023 realisieren lassen.

Ich kann angesichts dieser Perspektiven meine bereits zuvor geäusserte Empfehlung nur wiederholen: Lassen Sie auch weiterhin die Finger von den Aktien der Credit Suisse.

Freundlich grüsst im Namen von Mr Market,

Ruedi Keller