Mr Market

Der Bitcoin steht am Scheideweg

Neben dem Ausverkauf an den Aktienmärkten gerät auch Bitcoin stark unter Druck. Die nächsten Wochen und Monate könnten entscheidend werden, ob sich Bitcoin als anerkannte Anlageklasse halten kann.

Henning Hölder
Drucken

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Ich bin in Bitcoin investiert, Sie auch? Und wenn ja, was waren Ihre Beweggründe? War es die Suche nach einem Inflationsschutz und/oder das allgemeine Bedürfnis nach einem sicheren Hafen, falls die Aktienmärkte mal wieder in Turbulenzen geraten? Nun, falls Sie Letzteres mit «Ja» beantworten können, wissen Sie es genauso gut wie ich: Beide Narrative – die in den letzten beiden Jahren in die breite Presselandschaft transportiert wurden – sind in den letzten Monaten in sich zusammengefallen.

Ich kann mich noch gut an die Diskussionen erinnern, als Bitcoin im Frühjahr 2021 zu seinem ersten «To-the-moon»-Aufstieg auf über 60’000 $ ansetzte. Sowohl in den Medien als auch in meinem Umfeld wurde folgende These gebetsmühlenartig wiederholt:

«Die Zentralbanken lassen die Notenpressen heiss laufen, während die Politik zur Bekämpfung der Folgen des Coronavirus mit Geld nur so um sich schmeisst. Fiat-Geld wird zwangsläufig an Wert verlieren und Bitcoin als begrenztes Gut wird sich als der Inflationshedge schlechthin erweisen.»

Bitcoin konnte seine Versprechen nicht halten

Rund ein Jahr später wissen wir: Die Inflation ist tatsächlich mit voller Wucht gekommen, doch Bitcoin hielt sein Versprechen nicht. In den USA beträgt die Teuerung im Jahresvergleich über 8%. Beim «Inflationshedge» Bitcoin haben die Sicherungen leider nicht gehalten, sondern sind zu grossen Teilen durchgebrannt. Seit dem Frühjahr 2021 hat der Kurs rund 50% eingebüsst.

Auch die Funktion eines sicheren Hafens in turbulenten Börsenzeiten kann ich derzeit im Bitcoin nicht erkennen. Wie die letzten Wochen und Monate zeigen, ist insbesondere die Korrelation mit hoch bewerteten US-Technologieaktien seit Anfang Jahr frappierend. Geht der Markt in den Risk-off-Modus über, verlieren alle Risk-Assets. Dazu zählt mittlerweile auch der Kryptomarkt. Bitcoin notiert mittlerweile unter 30’000 $ – so tief wie seit Ende 2020 nicht mehr.

Eingefleischte Krypto-Fans werden das sicher nicht gerne hören, doch für mich heisst das: Zum jetzigen Zeitpunkt sind Kryptowährungen genauso wie Fiat-Währungen, Aktien, Anleihen oder auch Edelmetalle jenen Marktbedingungen unterworfen, die vor allem von der US-Notenbank Fed bestimmt werden.

Krypto-Szene ist kein kleiner Haufen von Tech-Nerds mehr

Das Tragische: Der Kryptomarkt wurde quasi Opfer seines eigenen Erfolgs. Die Bitcoin-Szene ist schon lange kein überschaubarer Haufen von Tech-Nerds mehr, der das Fiat-System mit seinen zentralen Notenbanken mit einer eigenen dezentralen Währung überwinden möchte. Zu den Krypto-Nerds gesellten sich zunächst zockende Privatanleger auf der Suche nach dem schnellen Geld. Noch wichtiger: Später ab 2020 stiessen institutionelle Investoren dazu.

Diese massive Zunahme an Teilnehmen im Kryptomarkt hat entscheidend zur Rally im vergangene Jahr beantragen. Sie führte aber auch dazu, dass Bitcoin in den Strudel der allgemeinen Marktstimmungen geriet.

Bitcoin hat derzeit aber noch ein zweites Problem, dessen Schwere in meinen Augen noch nicht abschätzbar ist. Anfang der Woche ist dem Stablecoin des Terra-Netzwerks UST das passiert, was einem Stablecoin eigentlich nicht passieren darf. Er schmierte gegenüber dem Dollar zeitweise um bis zu 60% ab – ein Gau. Das Terra-Netzwerk ist ein Blockchain-Protokoll, das Stablecoins, die an klassische Währungen wie den Dollar gekoppelt sind, für preisstabile globale Zahlungssysteme nutzt. Diese Kopplung an den Dollar ist aus bisher ungeklärten Gründen zeitweise verloren gegangen.

Absturz des UST-Stablecoins kommt einem Gau gleich

Ich habe mich heute mit dem Krypto-Experten Timo Emden von Emden Research über diesen Vorfall unterhalten. Er sagt: «Mit dem Absturz des UST-Stablecoin wurde Anlegern vor Augen geführt, dass hier ein absolutes Systemrisiko besteht». Und weiter: «Dass man bis heute nicht genau weiss, was dahinter steckte, ist schon fast unheimlich und könnte bei Investoren die Frage aufwerfen, ob dies nur die Spitze des Eisbergs im Kryptomarkt sei.»

Ich glaube, der Bitcoin steht momentan an einem Scheideweg. Der drastische Ausverkauf hat sowohl bei Privatanlegern als auch bei Institutionellen die Zweifel zurückgebracht, ob solch eine spekulative Anlage wie Bitcoin überhaupt ins Depot gehört. Man darf nicht vergessen: Bitcoin hat keinen «intrinsischen Wert». Die Kryptowährung wirft keine Dividenden oder Zinsen ab. Ähnlich wie Gold hat Bitcoin den Wert, den ich und Sie ihm beimessen.

Der grösste Wert wird Bitcoin in seiner Funktion als «Store of Value» beigemessen, also als Wertaufbewahrungsmittel. Voraussichtlich im Jahr 2140 wird der letzte von knapp 21 Mio. Bitcoin geschürft – nicht mehr und nicht weniger, so ist es im Blockchain-Protokoll festgeschrieben.

Soll man Bitcoin nun kaufen oder verkaufen?

Ich persönlich behalte meinen kleinen Teil in Bitcoin. Nicht, weil ich an die grosse Idee eines autarken Finanzsystems ohne zentrale Notenbanken glaube oder gar wüsste, dass der nächste «to-the-moon»-Moment von Bitcoin sicher kommen wird. Im Gegenteil, Bitcoin-Prognosen sind noch schwieriger als Vorhersagen für den Aktienmarkt – und schon das ist kaum möglich. Bitcoin ist eine Wette darauf, ob sich neben Gold eine zweite, diesmal digitale alternative Währung am Markt etabliert.

Falls diese Wette – Sie können es auch Spekulation nennen – aufgehen sollte, bin ich zumindest mit einem kleinen Kaltgetränk auf der Party mit dabei, wenn auch nicht gerade in der VIP-Lounge. Sollte die Party hingegen endgültig abgesagt werden, kann ich meine Eintrittskarte zwar nicht zurückgeben, doch kleinere (oder grössere) Abschreibungen gehören zum Courant normal an der Börse.

Freundlich grüsst im Namen von Mr Market

Henning Hölder