Mister Market

Der Glaube an Credit Suisse geht verloren

Mit jedem Investorentag senkt CS-CEO Tidjane Thiam die Ziele. Damit vollzieht er jeweils nur das, was der Markt bereits vorwegnimmt – büsst aber jedes Mal ein Stück Glaubwürdigkeit ein.

Ruedi Keller
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Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

2015 ging CS-CEO Tidjane Thiam mit grossen Vorschusslorbeeren an den Start – der Kurs der CS-Aktie hat sich auf einen heute fantastisch anmutenden Wert von fast 27 Fr. aufgebäumt.

CS-Kurs seit Verpflichtung von Tidjane Thiam als CEO

Fantastisch war auch die Botschaft, die Thiam an seinem ersten Investorentag zu verkünden hatte: Er werde die Credit Suisse so umbauen, dass die Grossbank ab 2018 das Potenzial zu einem Vorsteuergewinn von mehr als 10 Mrd. Fr. habe.

Das jährliche Ritual der folgenden Investorentage bestand dann darin, die Ziele nach unten zu korrigieren – so auch heute, wo Credit Suisse zum vierten Investorentag unter Thiams Führung geladen hat.

Statt der angepeilten 10 bis 11% Rendite auf dem materiellen Eigenkapital (Rote) sollen es für 2019 noch gut 8% werden. Für das nächste Jahr werden statt 11 bis 12% noch rund 10% angestrebt. Die mindestens 12% Rote, die danach hätten folgen sollen, sind nun «mittelfristig» in Aussicht gestellt.

Beunruhigende Tendenz

Beunruhigend dabei ist zweierlei: Erstens überraschte die erneute Zielkorrektur niemanden. Der Kurs hat heute kaum reagiert. Zweitens liegen die Schätzungen der Analysten im Schnitt trotz der erneuten Zielreduktion weiter unter den CS-eigenen Vorgaben.

Beides ist Ausdruck des Vertrauensverlustes, den Thiam in seinen Jahren bei Credit Suisse ausgelöst hat. Er hat bislang kein Gewinnversprechen längerfristig erfüllen können.

Das Turnaround-Versprechen des CS-Managements

Ausblick des CS-Managements auf den bereinigten Vorsteuergewinn 2018 nach Divisionen in Mrd. Fr.
Schweizer Universalbank
International Wealth Management
Asia-Pacific
Global Markets
Investment Banking
Abwicklungseinheit

Auf Divisionsstufe am deutlichsten hinter den Ambitionen geblieben ist die Wachstumshoffnung Asien. Statt des 2015 ursprünglich angestrebten Vorsteuergewinns der Division von mehr als 2 Mrd. Fr. stehen für 2019 rund 800 Mio. Fr. in Aussicht. Obwohl die Vorgabe für den Bereich 2017 kurzerhand halbiert worden war, hinkt Asien-Pazifik auch diesem Ziel weiterhin hinterher.

Kaum besser steht es um die Handelsabteilung von Global Markets – auch wenn hier gerade kurzfristige Erfolge gefeiert werden. Ursprünglich stand für die Division ein Vorsteuergewinn von fast 3 Mrd. Fr. in Aussicht. Auch dieses Ziel war während des Umbaus jedoch auf weniger als die Hälfte zusammengestrichen worden. Geblieben ist aktuell die Aussicht auf 800 Mio. Fr. Vorsteuergewinn von Global Markets. Für das Investment Banking rechnet CS in diesem Jahr gar mit einem Verlust.

Geliefert hat die Division International Wealth Management. Sie dürfte wie im letzten Jahr auch 2019 die Zielvorgabe eines Vorsteuergewinns von 1,8 Mrd. Fr. übertreffen. Ursprünglich waren allerdings mal 2,1 Mrd. Fr. geplant – und der Treiber hinter dem Erfolg, Iqbal Khan, hat CS diesen Sommer in Richtung UBS verlassen.

Einzig die Schweizer Universalbank unter der Leitung von Thomas Gottstein hat die nie veränderte Zielvorgabe eines Vorsteuergewinns von 2,3 Mrd. Fr. planmässig erreicht.

Die grosse Ernüchterung

Vollends ernüchternd wird das Bild, wenn man die jetzt von der Credit Suisse in Aussicht gestellten Zahlen mit der Ausgangslage vor der Restrukturierung vergleicht.

2014, im letzten Jahr vor Thiams Amtsantritt, hatte Credit Suisse einen Vorsteuergewinn von 4,85 Mrd. Fr. ausgewiesen, dies bereinigt um damalige Bussenzahlungen.

Für 2019 erwarten die Analysten bei Credit Suisse im Schnitt nun einen Vorsteuergewinn von 4,4 Mrd. Fr – 10% weniger als vor dem Umbau.

Deutlich ist einzig die Verschiebung der Gewinnquellen: 2014 verteilte sich der Gewinn der Credit Suisse je rund hälftig auf das Investment Banking und die Vermögensverwaltung. 2019 dürfte gegen 80% des Gewinns aus vermögensverwaltungsnahen Geschäften stammen.

Doch auch die Hoffnung, mit dieser Gewichtsverschiebung hin zu stabileren Ertragsströmen eine Höherbewertung zu erreichen, hat sich nicht erfüllt: Währen die CS-Aktie 2014 und 2015 noch knapp zu Buchwert bewertet war, handelt sie dieses Jahr noch zu lediglich 0,7 Mal.

Das Kurs-Buchwert-Verhältnis

Hypothetisch verbirgt sich hier zwar Aufwertungspotenzial – doch theoretisch hätte Credit Suisse dieses Jahr ja auch 10 Mrd. Fr. Vorsteuergewinn liefern sollen.

Am heutigen Tag muss nun jedoch auch CS-CEO Tidjane Thiam die Tatsache eingestehen, dass die Grossbank trotz der Neuausrichtung mit einem Rote von 8% nicht einmal die Kapitalkosten decken kann.

Freundlich grüsst im Namen von Mister Market,

Ruedi Keller

Im Fokus

Was vom Umbau der Credit Suisse bleibt

Tidjane Thiam hat die Grossbank in einer dreijährigen Restrukturierung neu positioniert. Die Bank scheint stabilisiert, ein Gewinnsprung zeichnet sich ab. Doch die weitere Entwicklung wird nun vom Marktgang abhängen. Denn die Selbsthilfemechanismen sind weitgehend erschöpft.
Ruedi Keller