Mister Market

Schmolz + Bickenbach droht die Luft auszugehen

Nach Standard & Poor's senkt heute Mittwoch auch Moody's das Bonitätsrating des Spezialstahl-Herstellers. Der Spielraum für den Konzern wird immer enger.

Mark Dittli

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Es musste erwartet werden: Die Ratingagenturen Standard & Poor's (S&P) und Moody's haben ihre Bonitätsnote für Schmolz + Bickenbach gesenkt. S&P stuft den Hersteller von Spezialstahl neu noch mit B– ein, Moody's hat das Rating auf Caa1 gesenkt, eine Ausfallwahrscheinlichkeit von rund 40%.

Das ist erst der Anfang. Weitere Rückstufungen dürften schon in wenigen Wochen folgen.

S&P hat den Konzern auf «credit watch negative» gesetzt; die Analysten der Agentur schreiben in ihrem Bericht, dass eine weitere Senkung wahrscheinlich sei, sofern Schmolz + Bickenbach keine Hilfe von seinen Aktionären und den kreditgebenden Banken erhalte.

Der Hintergrund: Vor einer Woche hatte Schmolz + Bickenbach (S+B) die Gewinnprognosen für das laufende Jahr markant gesenkt. Wegen der Schwäche in der Automobil- und Maschinenbau-Industrie rechnet die Gruppe für das gesamte Geschäftsjahr bloss noch mit einem Betriebsgewinn vor Abschreibungen und Amortisation (Ebitda) von 70 bis 100 Mio. €, weniger als die Hälfte des ursprünglich prognostizierten Betrages.

Im ersten Halbjahr hat S+B bereits einen Ebitda von 82,8 Mio. € ausgewiesen – das heisst, für das zweite Halbjahr rechnet der Konzern auf Stufe Ebitda bloss noch mit einer schwarzen Null.

«Die Unsicherheit in der Industrie ist enorm hoch, wir sehen so etwas wie den perfekten Sturm», sagte Ulrich Steiner, Leiter Investor Relations von S+B, im Gespräch mit The Market.

Auf der von Standard & Poor's verwendeten, adjustierten Basis beläuft sich das Verhältnis der Schulden des Konzerns zum Ebitda auf mehr als 10 – das ist viel zu viel für ein derart zyklisches Industrieunternehmen. Zwar wird der grösste Teil der Schulden von S+B erst im Jahr 2022 fällig, doch das vordringlichste Problem ist die Liquidität: Es muss davon ausgegangen werden, dass der Stahlkonzern momentan auf operativer Ebene Cash verbrennt. Zudem dürfte er die Bedingungen (Covenants) der kreditgebenden Banken brechen, schreibt S&P.  Damit ist der Zugang zu noch offenen Kreditlinien versperrt.

Die Spitzenmanager von Schmolz + Bickenbach – CEO Clemens Iller, Finanzchef Matthias Wellhausen und Verwaltungsratspräsident Jens Alder – haben nun drei Möglichkeiten:

  1. Sie können versuchen, mit dem von der Commerzbank angeführten Bankenkonsortium die Covenants neu auszuhandeln respektive die Bedingungen signifikant zu lockern.
  2. Sie können zudem versuchen, Geschäftsteile zu verkaufen.
  3. Oder sie können den Weg über eine Aktienkapitalerhöhung zwecks Umschuldung suchen, um die Bilanz wieder ins Lot zu bringen.

Alle drei Wege sind höchst ungewiss, zumal nicht klar ist, ob der russische Investor Victor Vekselberg, der mit gut 25% an S+B beteiligt ist, überhaupt die nötigen liquiden Mittel besitzt, um dem Konzern nochmals unter die Arme zu greifen. Auch Martin Haefner – der Präsident des Autoimporteurs Amag hält 17% an S+B – wird sich gut überlegen müssen, ob er nochmals Geld einschiessen will.

Für Investoren gibt es nur einen Rat: Hände weg von den Aktien.

Die ausstehende Anleihe (350 Mio. €, Coupon: 5,625%, Verfall: 15. Juli 2022) weist gegenwärtig eine Rendite auf Verfall von mehr als 22% auf. Sie ist zwar vorrangig besichert, doch auch ihr muss eine mittlerweile beträchtliche Ausfallwahrscheinlichkeit attestiert werden. In meinen Augen zu riskant.

Freundlich grüsst im Namen von Mister Market,

Mark Dittli