Mr Market

Ein guter Zeitpunkt, Goldaktien zu kaufen

Branchenleader wie Newmont, Barrick Gold und Agnico Eagle Mines sind im Vergleich zum Goldpreis so günstig wie nur selten. Auch Pan American Silver handelt zu einem Schnäppchenpreis. Wer sich jetzt engagiert, dürfte reichlich belohnt werden.

Christoph Gisiger
Drucken
Teilen

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

«Buying right, never feels good - richtig kaufen, fühlt sich nie gut an». So lautet ein oft zitierter Ausspruch des legendären Value-Anlegers Seth Klarman, der wegen seiner smarten Investments auch das «Orakel von Boston» genannt wird.

Das Bonmont von Klarman trifft gegenwärtig wohl kaum auf einen anderen Sektor besser zu als auf Goldminenkonzerne. Nach den milden Worten von Fed-Chef Jay Powell hat das Segment am letzten Freitag zwar Auftrieb verspürt. Während die Börsen dieses Jahr jedoch von Rekord zu Rekord eilen, notieren Aktien wie Barrick Gold, Agnico Eagle Mines und Kinross Gold rund 10 bis 17% im Minus. Selbst Branchenprimus Newmont hat seit Anfang Januar leicht an Terrain eingebüsst.

Eine gute Gelegenheit also für Engagements zu attraktiven Preisen?

Historischer Discount

Die Antwort darauf hängt vom Goldpreis ab. Seit der Kurs Anfang August 2020 mit annähernd 2060 $ pro Unze ein Rekordhoch markierte, hat er rund 12% eingebüsst. Im bisherigen Jahresverlauf bewegt er sich in einem Korridor zwischen rund 1700 bis 1900 $ und notiert aktuell auf etwas mehr als 1800 $.

Was genau die Ursachen für die durchwachsene Performance sind, lässt sich schwierig sagen. Offensichtlich ist, dass Gold empfindlich auf den Kurs des Dollars und die Realzinsen reagiert. Entsprechend war der festere Greenback dieses Jahr bislang ein Bremsfaktor.

Ähnliches gilt für die Realzinsen. Obschon sie sich weiterhin im negativen Bereich bewegen, sind sie im Februar und März rasch gestiegen, was das Halten von Gold als Finanzanlage auf relativer Basis weniger attraktiv machte und institutionelle Investoren abgeschreckt haben mag.

Prognosen zum Goldpreis sind immer hochgradig unsicher. Auf lange Sicht bleiben die ultralockere Geldpolitik der Zentralbanken und die global wachsende Staatsverschuldung jedoch gute Argumente für Investments im Bereich Edelmetalle. Auch ist das saisonale Preismuster gegenwärtig vorteilhaft, zumal die Nachfrage aus China und Indien ab dem Sommer jeweils anzieht.

Dass der Zeitpunkt für Engagements im Minensektor attraktiv ist, lässt sich jedoch vor allem aus der frappanten Diskrepanz ableiten, die sich seit Anfang Juni zwischen dem Goldpreis und den Aktienkursen gebildet hat.

Der VanEck Vectors Gold Miners ETF (GDX), der knapp sechzig grosse Minenwerte umfasst, hat überproportionale 26% eingebüsst, seit Gold im Spätsommer 2020 das Allzeithoch markierte. Der VanEck Vectors Junior Gold Miners ETF (GDXJ), der kleinere, primär auf die Exploration fokussierte Gesellschaften enthält, hat 32% verloren:

Goldpreis vs. Goldminenaktien

Kursentwicklung seit 6. August 2020, in %
Goldpreis
VanEck Vectors Gold Miners ETF (GDX)
VanEck Vectors Junior Gold Miners ETF (GDXJ)

Weitet man den Blickwinkel etwas aus, könnte sich aus einer Contrarian-Perspektive sogar eine historische Kaufgelegenheit eröffnen. Gemäss dem Research-Team von Scotiabank handeln Aktien von führenden Minenkonzernen in Relation zum Goldpreis derzeit zu einem Bewertungsabschlag von rund 24%. Das ist der grösste Discount seit Jahrzehnten:

Quelle: Scotiabank

«Alle Titel von grossen Goldkonzernen bewegen sich - oder sind extrem nahe dran - am unteren Ende ihrer historischen Bewertungsspanne», halten die Rohstoffspezialisten des kanadischen Finanzhauses fest. «Das, obschon die Berichtssaison zum zweiten Quartal - mit raren Ausnahmen - demonstriert hat, wie viel freien Cashflow diese Produzenten bei einem Goldpreis auf dem aktuellen Niveau erwirtschaften können», fügen sie hinzu.

Barrick zum Beispiel handelt zu einem Bewertungsabschlag von rund 16%. Das ist der grösste Discount zum Goldpreis im Zeitraum von 2013 bis heute.

Ähnlich sieht es bei Newmont und Agnico Eagle aus. Weil diese beiden Qualitätskonzerne ausgezeichnet geführt werden und vorab Minen an politisch sicheren Standorten betreiben, sind sie normalerweise zu einer Prämie zum Goldpreis bewertet. Mit einem Discount von rund 4 bis 5% bewegen sich aber auch ihre Aktien momentan am unteren Ende der Spanne:

Marktbewertung im Vergleich zum Goldpreis

Prämie/Abschlag zum Goldpreis, in %
Aktuell
Tief
Hoch

Cashmaschinen mit grosszügiger Ausschüttungspolitik

Dass der Konsens an der Börse gegenüber Goldaktien (noch) vorsichtig gestimmt ist, lässt sich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Minenkonzerne waren an der Börse lange als Kapitalvernichter berüchtigt, die für Akquisitionen oft deutlich überzahlten und mit ihren Aktionären ausgesprochen unfreundlichen umgingen.

Doch das ist längst Vergangenheit. Heute hat die Bilanzen saniert, berichtet transparent über den Geschäftsgang, erzielt feste Margen, erarbeitet einen robusten freien Cashflow und pflegt eine zusehends aktionärsfreundlichere Ausschüttungspolitik.

Newmont, Barrick, Agnico Eagle und andere Branchenleader haben letztes Jahr insgesamt über 12 Mrd. $ an freien Barmitteln erwirtschaftet. Wie eine Auswertung mit Hilfe des Datendiensts S&P Global Markt Intelligence ergibt, schätzen Analysten, dass es dieses Jahr trotz des Rückgangs beim Goldpreis annähernd 9 Mrd. $ sein werden:

Freier Cashflow

in Mrd. $
Newmont
Barrick
Agnico Eagle
Kirkland Lake
Newcrest
Gold Fields
Kinross
Franco-Nevada
Alamos
AngloGold
Prognose (ab 2021)

Nachdem viele Minenkonzerne ihre Schulden vollständig oder weitgehend reduziert haben, wissen sie oft gar nicht mehr, wohin mit dem Geld. Die Abschlüsse zum zweiten Quartal haben das erneut gezeigt. «Wir sehen im Goldsektor eine präzedenzlose Aktivität bezüglich Aktienrückkäufen», meint Jackie Przybylowski, Minenanalystin beim Broker BMO Capital Markets.

So haben Kinross und Yamana Gold vor wenigen Wochen Buyback-Programme angekündigt. Newmont und Osisko Gold Royalties kaufen bereits seit einiger Zeit eigene Aktien zurück. Und das Beste daran: Diese Unternehmen sammeln ihre Titel auf einem überaus günstigen Niveau ein und nicht zu Rekordkursen wie Konzerne in anderen Sektoren.

Schon letztes Jahr haben diverse Minengesellschaften zudem die Dividende erhöht oder wie im Fall von Kinross seit langer Zeit erstmals wieder eine Barauszahlung aufgenommen. Aktuellstes Beispiel für diesen Trend ist Pan American Silver. Der qualitativ beste Silberförderer hat bei der Resultatpublikation zum ersten Semester eine Erhöhung der Dividende von 7 auf 10 Cent je Titel und Quartal angekündigt, woraus sich eine Rendite von 1,6% errechnet.

Grosszügig sind auch Barrick und Newmont gegenüber ihren Aktionären. Barrick dürfte dieses Jahr im Zug einer Sonderzahlung 80 Cent pro Aktie ausschütten, womit eine feudale Dividendenrendite von knapp 4% resultiert. Bei Newmont sind es 3,9%. Zum Vergleich: Die Aktien aus dem US-Leitindex S&P 500 rentieren durchschnittlich 1,3%.

Rechnet man Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe zusammen, lassen sich im Sektor momentan zum Teil sogar fast Renditen im zweistelligen Prozentbereich verdienen:

Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe

In %
Dividendenrendite
Zusätzliche Rendite durch Rückkäufe

Auf Newmont und Agnico setzen

Es ist gut möglich, dass Aktien von Goldminenkonzernen auch in den kommenden Wochen und Monaten ausgeprägten Schwankungen unterliegen werden. Investoren, die einen langfristigen Anlagehorizont verfolgen, dürften Engagements auf diesem Bewertungsniveau aber kaum bereuen.

Zu unseren Favoriten gehört weiterhin Newmont. Der mit einer für dieses Jahr prognostizierten Fördermenge von 7,4 bis 8,2 Mio. Unzen Goldäquivalenten weltgrösste Produzent ist strategisch hervorragend aufgestellt. Im zweiten Halbjahr sollte er richtig in Fahrt kommen, nachdem Covid-bedingte Schutzvorkehrungen und starke Regenfälle am australischen Standort Boddington den Geschäftsgang im vergangenen Quartal beeinträchtigt haben.

CEO Tom Palmer hat während der Präsentation der Quartalszahlen darauf hingewiesen, dass die Kosten für Rohmaterialien, Energie und Löhne durch Folgeeffekte der Pandemie um 3 bis 5% gestiegen sind. Es ist jedoch davon auszugehen, dass das Management diese Faktoren grösstenteils kompensieren kann, indem es das «volle Potenzial» des laufenden Kostensenkungsprogramms ausschöpft.

Analysten schätzen, dass Newmont die Einnahmen dieses Jahr 13% auf gut 13 Mrd. $ steigern wird. Der Gewinn pro Aktie soll sich gemessen am Vorjahr weiter von 3.31 auf 3.51 $ je Aktie erhöhen. Die Titel eignen sich für praktisch jedes Portfolio, da sie weniger stark als der Sektor schwanken. Als einziger Goldwert im S&P 500 werden sie überdurchschnittlich davon profitieren, wenn das Interesse institutioneller Investoren an der Branche erwacht.

Ein höheres Risikoprofil weisen Agnico Eagle und Barrick Gold auf. Falls der Goldpreis steigt, dürften diese beiden Titel besonders stark anziehen. Agnico hat im ersten Halbjahr eine starke operative Performance hingelegt und überzeugt mit einem erstklassigen Management sowie einem Portfolio aus attraktiven Standorten in Nordamerika und Finnland.

Nach einer Phase hoher Investitionen wird der freie Cashflow nun deutlich steigen. Die Analysten von BMO etwa gehen davon aus, dass Agnico den Zufluss an freien Mitteln dieses Jahr von 1.80 auf 3.34 $ pro Aktien steigern kann. Bis 2023 soll er weiter auf 5.17 $ je Titel wachsen - und das bei einem geschätzten Goldpreis von nur 1663 $ pro Unze.

Im Fall von Barrick ist der Standort Nevada das wichtigste Asset, das der Konzern in einem Joint-Venture mit Newmont bewirtschaftet. Per Ende des zweiten Quartals hat das Unternehmen die für das laufende Jahr kommunizierte Guidance zur Produktion von 4,4 bis 4,7 Mio. Unzen Gold bereits zu 53% erfüllt. CEO Mark Bristow gilt als einer der besten Manager in der Branche und könnte jederzeit mit einem weiteren Schritt zur Konsolidierung überraschen.

Wer sich zudem etwas spekulativ betätigen will, kann Kinross und kleineren Gesellschaften wie Kirkland Lake Gold und Alamos Gold in Erwägung ziehen. Kinross ist eine spannende Turnaround-Story und hat per Ende des ersten Halbjahrs 52% der Jahresprognose von 2 bis 2,2 Mio. Unzen Goldäquivalenten erfüllt. Kirkland und Alamos operieren mehrheitlich an geografisch sicheren Standorten. Investoren müssen allerdings auf grössere Kursschwankungen gefasst sein.

Zwischenstand der Goldproduktion zum ersten Halbjahr

Rohstoff Einheit Prognose Produktion H1 Prognose/bisherige Produktion (in %)
Agnico Eagle Gold Mio. Unzen 2 1 51
Barrick Gold Mio. Unzen 4,4 - 4,7 2,4 53
Franco-Nevada GEO 1000 Tonnen 590 - 615 316 53
Iamgold Gold 1000 Unzen 565 -605 295 50
Kinross GEO Mio. Unzen 2 - 2,2 1,1 52
Newmont GEO Mio. Unzen 7,4 - 8,2 3,5 45
Osikso Gold Royalties GEO 1000 Unzen 78 - 82 40 50
Royal Gold GEO 1000 Unzen 347 - 357 172 49
Wheaton Precious Metals GEO 1000 Unzen 720 - 780 385 51
Yamana GEO 1000 Unzen 1000 473 47

Pan American ist bereit für ein Comeback

Unter den Silberförderern geben wir nach wie vor Pan American Silver den Vorzug. Die Titel des Unternehmens mit Sitz in Vancouver sind zusammen mit Newmont denn auch im Best Ideas Portfolio von The Market vertreten.

Wie die meisten Silberkonzerne erwirtschaftet Pan American das Gros der Einnahmen mit der Förderung von Gold. An der Börse sind die Titel jedoch das favorisierte Vehikel, mit dem Investoren auf einen Anstieg des Silberpreises setzen. Für die Performance ist deshalb primär der Kursverlauf von Silber relevant.

Vom Schweizer CEO Michael Steinmann bestens geführt und grundsolid finanziert, hat Pan American als einer der weltgrössten Silberförderer im ersten Halbjahr mit Lüftungsproblemen in Minenschächten am Hauptstandort La Colorada in Mexiko gekämpft. Inzwischen sind diese Schwierigkeiten jedoch weitgehend behoben, was für eine deutlich bessere operative Leistung im zweiten Semester spricht.

Zum Semesterabschluss hat das Management die im Mai adjustierte Guidance für das laufende Jahr bekräftigt. Demnach soll sich die Silberproduktion auf 20,5 bis 22 Mio. Unzen belaufen. Die operativen Kosten (All-in Sustaining Cost) werden auf 14.25 bis 15.75 $ pro Unze veranschlagt.

Ein besonderer Reiz an den Aktien von Pan American beruht auf zwei schlafenden Riesen: In Guatemala hat der Konzern die Förderrechte an der Escobal-Mine mit einer jährlichen Produktion von 20 Mio. Unzen Silber übernommen und verhandelt mit den Behörden über die Wiederaufnahme des Betriebs. Zudem erschliesst er in Argentinien mit dem Navidad-Projekt eines der weltgrössten Silbervorkommen.

Wenn nur schon die Escobal-Mine wieder aufgeht, könnte sich das Fördervolumen von Pan American quasi über Nacht verdoppeln. In den Titeln schlummert damit enormes Potenzial. Weil sich der Kurs aber ausgesprochen volatil verhält, müssen Investoren bereit sein, überdurchschnittliche Risiken zu tragen.

Freundlich grüsst im Namen von Mr Market,

Christoph Gisiger