Mister Market

Gilead Sciences verfügt über potenziellen Wirkstoff gegen das Coronavirus

Tests mit dem Medikament Remdesivir in China geben den Aktien des amerikanischen Biotechkonzerns Auftrieb. Die günstig bewerteten Titel sind auch sonst ein Kauf.

Christoph Gisiger

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Die Ausbreitung des Coronavirus hält die Finanzmärkte in Atem. Entsprechend sorgt die Hoffnung auf ein Präparat gegen den Krankheitserreger an der Börse für Bewegung.

Die Titel von Gilead Sciences sind am Montag über 5% avanciert. Das, nachdem der Biotechkonzern aus den USA bekannt gegeben hat, dass sein Medikament Remdesivir von den chinesischen Gesundheitsbehörden im Kampf gegen die Epidemie getestet wird.

Der Wirkstoff hat in Tierversuchen vielversprechende Resultate bei den Krankheiten Mers und Sars geliefert, die mit dem neuen Coronavirus nahe verwandt sind. In der Grossstadt Wuhan, dem Epizentrum der Krise, wird gemäss Berichten chinesischer Medien nun eine erste Testgruppe von 270 Personen auf die Wirksamkeit von Remdesivir geprüft.

Hoffnungsschimmer aus Seattle

Ermutigend sind dazu Nachrichten aus dem Grossraum Seattle. Ein am Coronavirus erkrankter Patient im Alter von 35 Jahren hat dort laut einem Artikel im «New England Journal of Medicine» offenbar positiv auf Remdesivir reagiert. Allerdings ist unklar, ob er schon auf dem Weg zur Besserung war, als das Präparat zur Anwendung kam.

Remdesivir ist bereits gegen Ebola versuchsweise eingesetzt worden. Wie Gilead mitteilt, ist das Präparat weltweit bislang aber von keiner Gesundheitsbehörde zugelassen. Nach einer Abwägung von Risiken und Nutzen hat sich China dennoch entschieden, eine Versuchsreihe an einer geringen Anzahl von Patienten durchzuführen. Zudem wird Gilead eigene Labortests beschleunigen.

An Gegenmitteln arbeiten auch andere bedeutende Gesundheitsunternehmen wie Johnson & Johnson, GlaxoSmithKline und AbbVie. Der Biotechkonzern AbbVie etwa hat kommuniziert, dass mit dem Coronavirus infizierte Patienten positiv auf zwei seiner HIV-Medikamente in Kombination mit dem Grippemittel Tamiflu ansprechen.

Ebenso arbeiten kleinere Firmen wie Moderna, Inovio Pharmaceuticals und Novavax an einer Behandlung gegen die Krankheit, die inzwischen 17’500 Personen angesteckt und über 360 Todesopfer gefordert hat.

Experten mahnen, dass die Entwicklung eines zuverlässigen Medikaments möglicherweise mehr als ein Jahr dauern könnte. Zum Vorteil gereicht grösseren Konzernen wie Gilead, dass sie über viel Erfahrung in der Erforschung von Antiviren-Präparaten und über eine globale Präsenz verfügen, was kleineren Wettbewerbern fehlt.

Spannender Turnaround-Kandidat

«Remdesivir hat sich in Versuchen gegen Ebola zwar nicht ausreichend gegenüber anderen Medikamenten differenzieren können», meint Alan Carr, Analyst beim US-Broker Needham. «Das Medikament zeigt aber bei Mäusen im Fall von Sars und Mers Wirkung. Die Resultate sind damit beeindruckender als bei den HIV-Medikamenten von AbbVie», räumt er ein.

Welche Chancen ein Wirkstoff gegen das neue Coronavirus Gilead eröffnen könnte, machen die Kursavancen vom Montag deutlich. Allerdings beruhen sie bislang primär auf Spekulation.

Interessant sind die Valoren ohnehin. Unter der Leitung von Daniel O’Day, dem vormaligen Pharma-Chef von Roche, fokussiert sich das mit reichlich Barmitteln ausgestattete Unternehmen verstärkt auf die Krebsforschung und auf Medikamente gegen Autoimmunkrankheiten.

Bis anhin glaubt der Markt aber noch nicht so recht an die neue Strategie. Die Aktien sind seit Anfang 2019 kaum vom Fleck gekommen und hinken sowohl dem Nasdaq Biotechnology Index wie auch dem breiten Gesamtmarkt hinterher:

Gilead Sciences

Gilead Sciences
Nasdaq Biotechnology Index (angeglichen)
S&P 500 (angeglichen)

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Gilead beträgt rund 9, wogegen es sich in den letzten zehn Jahren durchschnittlich um 12 bewegt hatte.

Umso mehr Fantasie steckt in den günstig bewerteten Titeln, wenn Konzernchef Day der Turnaround gelingt – auch ohne einen Durchbruch im Wettlauf gegen die Virusepidemie.

Herzlich grüsst im Namen von Mr Market,

Christoph Gisiger