Mister Market

Hochdorf und Schmolz + Bickenbach atmen auf

Der Milchverarbeiter kann sich retten. Der Stahlhersteller kann seine Kapitalerhöhung wie geplant durchziehen – aber etwas irritiert.

Andreas Kälin

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Für die in eine tiefe Krise geratene Hochdorf-Gruppe sei es eine Minute vor zwölf gewesen, sagt mir ein Insider. Zu seiner Rettung hat der Milchverarbeiter dringend einen Deal mit Amir Mechria, seinem inzwischen grössten Aktionär, gebraucht – und der ist nun geglückt.

Von Mechria hatte Hochdorf 2016 einen Mehrheitsanteil von 51% an der Vertriebsgesellschaft Pharmalys übernommen. Dieser Zukauf entpuppte sich als Desaster: Pharmalys, die milch- und getreidebasierte Babynahrung im Nahen Osten und in Afrika vermarktet, war von Hochdorf nicht zu kontrollieren und hat viel Liquidität von der Gruppe abgesogen.

Rundherum überzeugend

Die jetzt gefundene Lösung überzeugt rundherum: Die Zentralschweizer verkaufen ihren Mehrheitsanteil an Pharmalys zurück an Mechria, der damit wieder 100% am Vertriebskonstrukt hält. Der Tunesier wird dafür rund 100 Mio. Fr. in bar zahlen, wobei die Zahlung in mehreren Raten bis September 2020 erfolgt.

Sicher, dieser Preis ist viel tiefer, als der, den Hochdorf gezahlt hatte: Damals wurden letztlich 245 Mio. Fr. fällig – die Zentralschweizer überwiesen davon allerdings nur 114 Mio. Fr. in bar. Einen Anteil von 131 Mio. Fr. zahlten sie in Form einer Pflichtwandelanleihe, wovon Mechria den ihm zustehenden Anteil grösstenteils bereits wandelte und dadurch mit einer Beteiligung von 18,3% zum grössten Aktionär von Hochdorf aufgestiegen ist.

Aufeinander angewiesen

Schon dieser Umstand zeigt, dass beide Parteien weiter aufeinander angewiesen sind. Mechria braucht die Babynahrungsprodukte von Hochdorf, um Pharmalys wieder hochzubringen. Umgekehrt kann Hochdorf ohne die Absatzkanäle von Pharmalys ihren Bereich Baby Care nicht im erforderlichen Mass voranbringen. Zur jetzigen Lösung gehört denn auch, dass Pharmalys weiter auf die Produkte der Zentralschweizer setzen wird.

Dank dem Deal entspannt sich auch die Schuldenlage von Hochdorf: Die Gruppe wies per Ende Juni eine hohe Nettoverschuldung von 174 Mio. Fr. aus, das ohne die im Eigenkapital verbuchte Hybridanleihe. Die Folge: Hochdorf verletzte Kreditklauseln und war gezwungen, mit den Banken die bestehende Finanzierung neu zu verhandeln.

Schulden sukzessive senken

Ein erster Schritt zur Unternehmensrettung war getan, als am 23. Oktober die Verlängerung und Ausweitung des Konsortialkredits bekanntgegeben werden konnte. Die Einigung mit den kreditgebenden Banken verschaffte Hochdorf Zeit, um mit Mechria zu verhandeln.

Mit den gestaffelt hereinkommenden 100 Mio. Fr., die der Deal mit dem Tunesier bringt, kann sich Hochdorf daran machen, die hohe Verschuldung sukzessive zurückzuführen.

Bald nächste Transaktion? 

Zum Verkauf steht auch noch die defizitäre deutsche Produktionstochter Uckermärker. Diese Transaktion sollte gemäss Insiderangaben eigentlich demnächst abgeschlossen werden – was weitere Erleichterung verschaffen würde.

Glückt auch dieser Schritt und gelingt es, das Babynahrungsgeschäft im Nahen Osten und Afrika via Pharmalys wieder hochzufahren, dann hat Hochdorf eine reelle Chance, eine drohende Kapitalerhöhung zur Bilanzsanierung zu vermeiden.

Noch sind einige Punkte unklar, und die Gefahr einer Kapitalerhöhung ist nicht endgültig gebannt: Doch risikofähige Turnaround-Spezialisten unter den Anlegern können die Hochdorf-Aktien auf ihren Radarschirm nehmen - wobei zu beachten ist, dass sich die Nebenwerte vom Tief im August bereits schon um 63% erholt haben.

Schmolz + Bickenbach

Aufatmen kann auch die Führung des ebenfalls tief in der Krise steckenden Stahlherstellers Schmolz + Bickenbach.

Am Montag vor einer Woche stimmten die Aktionäre zwar einer Kapitalerhöhung von mindestens 325 Mio. Fr. zur finanziellen Sanierung zu. Aber eine Hürde gab es noch.

Grossaktionär Martin Haefner hatte für sein grosszügiges Mitmachen bei der Transaktion zur Bedingung gestellt, ihn von der Pflicht zu einem Übernahmeangebot an die übrigen S+B-Aktionäre zu befreien. Doch die Übernahmekommission hatte am 22. November das entsprechende Gesuch um eine Ausnahme abgewiesen.

Befreit - für fünf Jahre 

Nun hat die Finanzmarktaufsicht Finma einer Beschwerde von S+B sowie von Haefner stattgegeben und den Entscheid der Übernahmekommission gekippt, mit einer wichtigen Einschränkung.

Haefner, der mit der Kapitalerhöhung seinen Anteil an S+B von 17,5 auf 37,5% steigern wird, muss den übrigen Aktionären kein Übernahmeangebot unterbreiten – mindestens die nächsten fünf Jahre nicht, was der geschätzten Sanierungsdauer entspricht.

Wenn Haefners Beteiligung am 31. Dezember 2024 aber immer noch über dem Grenzwert von einem Drittel liegt, dann muss er doch noch ein Pflichtangebot unterbreiten.

Haefner plante Angebot

Was mich an der Causa irritiert, ist ein Passus auf Seite 13 der heutigen Finma-Verfügung: Da steht, dass Haefner «im August 2019» erwogen habe, ein öffentliches Kaufangebot an die Aktionäre von S+B zu einem Preis von 0.50 Fr zu unterbreiten. Das Gesuch sei einen Tag vor der Publikation der Voranmeldung zurückgezogen worden.

Das Angebot hätte eine satte Prämie zum damaligen Börsenkurs beinhaltet und Haefner rund 390 Mio. Fr. gekostet – also deutlich mehr, als er bei der anstehenden Kapitalerhöhung auszugeben bereit ist.

Zwei Fragen

Warum hat Haefner das Gesuch um eine Vollübernahme von S+B zurückgezogen? Da offensichtlich ja doch eine andere Lösung zur Rettung von S+B zur Debatte stand als die jetzige Kapitalerhöhungsvariante, ist auch zu hinterfragen, weshalb die Finma der Übernahmekommission in den Rücken gefallen ist.

Im Namen von Mister Market grüsst freundlich,

Andreas Kälin