Mr Market

Jetzt Aktien aufstocken?

Die Aktienmärkte rund um den Globus haben zum Teil heftig korrigiert. Nähert sich die Korrektur ihrem Ende, oder ist es noch zu früh, um den Aktienanteil zu erhöhen?

Sandro Rosa
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Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Was raufgeht, muss auch wieder runter. Und die Aktienindizes zeigen auf breiter Front nach unten. Die wichtigsten Börsenbarometer notieren im Vergleich zu ihren 52-Wochen-Höchst zwischen 5 (der Londoner FTSE 100) und mehr als 30% (der Hongkonger Hang Seng) im Minus. Auch der eher defensive Swiss Market Index hat fast 12% eingebüsst.

Da sich die grossen Unternehmen wie Nestlé und Apple im Schnitt besser gehalten haben als die breite Masse, gibt es indes viele Valoren, die noch deutlich heftiger korrigiert haben, als es die Indizes suggerieren. Vor allem unprofitable Wachstumsaktien aus «disruptiven» Sektoren hat es kräftig erwischt, wie sich beispielhaft am Kurssturz des lange hochgejubelten ARK Innovation ETF ablesen lässt.

Ehemalige Börsenlieblinge wie Netflix, Meta Platforms, Peloton, etc. mussten kräftig Federn lassen. Mit den fallenden Kursen hat sich auch die Stimmung abgekühlt, wie etwa das The Market Risk Barometer belegt.

Zeit, gierig zu sein?

Und prompt hört man wieder häufiger, dass man «gierig sein soll, wenn andere ängstlich sind». Auch in diesen Spalten argumentieren wir regelmässig, dass Anleger gegen die herrschende Meinung investieren sollen, wenn sie überdurchschnittliche Renditen erzielen wollen.

Angesichts des grossen Pessimismus würde mich eine temporäre Gegenbewegung an den Märkten denn auch nicht sonderlich überraschen. Die Aktienmärkte bewegen sich nie linear auf- oder abwärts. Auch in Bärenmärkten kommt es immer wieder zu Rallys – die dann aber prompt wieder verpuffen. Die Gefahr, dass es auch diesmal der Fall sein wird, ist leider erheblich.

Denn die Börsen haben zwar bereits kräftig korrigiert und sind auch technisch überverkauft, einen echten «Washout» haben wir allerdings noch nicht gesehen. Wenn ein Boden erreicht wird, herrscht an den Märkten normalerweise regelrechte Panik, die Verkäufe werden chaotisch und die Anleger wenden sich angewidert von Aktien ab. Einen solchen Stimmungswandel kann ich momentan noch nicht erkennen, der «Buy the Dip»-Chor war zwar auch schon lauter, aber er ist immer noch zu vernehmen.

Warten auf den «Washout»

Ein Blick auf die Anzahl Aktien im MSCI World, die über dem 200-Tage-Schnitt handeln, verdeutlicht, dass die Marktbreite markant abgenommen hat. In früheren Tiefpunkten – im März 2020, in der Eurokrise oder während der Finanzkrise – sackte der Anteil allerdings gegen null. Aktuell handeln noch rund 30% der Aktien über dem 200-Tage-Schnitt. Es besteht also noch weiteres Abwärtspotenzial.

Auch aus Bewertungsoptik scheint es verfrüht, aggressiv aufzustocken. Das belegt ein Blick auf das Shiller-KGV, das den aktuellen Preis einer Aktie oder eines Index mit den durchschnittlichen Gewinnen der vergangenen zehn Jahre vergleicht, um die Gewinnschwankungen der einzelnen Jahre zu normalisieren. Das Shiller-KGV signalisiert zwar eine Entspannung, richtig günstig sind Aktien auf Indexebene allerdings noch nicht.

Insbesondere Titel aus den Industrieländern – wo US-Valoren dominieren – notieren signifikant über dem langjährigen Durchschnitt.

Zudem sind die Gewinnerwartungen noch immer sportlich. Gemäss Chen Zhao, Chefstratege beim Analysehaus Alpine Research, erwartet der Markt über die kommenden zwölf Monate ein Wachstum der Unternehmensgewinne der S&P-500-Konzerne um nahezu 16%. Angesichts der sich verlangsamenden Weltwirtschaft scheint das ziemlich optimistisch.

So haben die OECD und der IMF vor kurzem ihre Wachstumserwartungen markant gesenkt. Werden auch die Gewinnprognosen an die Realität angepasst, dürfte dies für weiteren Gegenwind sorgen.

Fed: vom Freund zum Feind

Wichtiger aber ist die US-Notenbank Fed, die einen neuen Zinserhöhungszyklus eingeleitet hat. Mitte März hat sie die Leitzinsen um 25 Basispunkte (Bp) angehoben, vergangene Woche folgte ein Schritt von 50 Bp. Zudem stellte Fed-Chef Jerome Powell für die nächsten beiden Fed-Sitzungen vom 15. Juni und vom 27. Juli zwei weitere Erhöhungsschritte von jeweils 50 Bp in Aussicht.

Des Weiteren wird das Fed ab dem 1. Juni beginnen, die Bilanz zu schrumpfen und das mit einem schärferen Tempo als beim letzten Versuch ab 2015. Der Liquiditätsentzug wird für die Finanzmärkte schmerzhaft werden und erhöht das Rezessionsrisiko enorm. Zwar zeigte sich Jerome Powell zuversichtlich, dass dem Fed ein «Soft Landing» gelingen wird – also eine geordnete Abkühlung des Wachstums ohne eine Rezession auszulösen. Ein Blick in die Vergangenheit lässt allerdings erhebliche Zweifel aufkommen.

«Seit den Siebzigerjahren gab es in den USA insgesamt neun Zinserhöhungszyklen des Fed, wobei es lediglich in zwei Fällen zu einem Soft Landing der Konjunktur gekommen ist», schreiben die Analysten der Zürcher Kantonalbank. Auch die US-Marktstrategin Lyn Alden ist skeptisch: «Das Fed strafft in der Regel die Geldpolitik, bis es zur Rezession kommt», schreibt sie in ihrem aktuellen Newsletter.

Quelle: FRED

Kurzum: das Fed ist vom Freund der Aktienmärkte zu ihrem Feind geworden. Der Kampf gegen die Inflation zwingt die US-Notenbank, die Geldpolitik entschieden zu straffen. Und sie scheint einen Einbruch der Konjunktur und der Börsen in Kauf zu nehmen.

Deshalb gilt weiterhin: Anleger sollten in Stärkephasen Risiken reduzieren und ihr Portfolio robuster machen – mehr Cash, mehr Value-Aktien und in der Tendenz defensive Valoren ins Portfolio nehmen.

Freundlich grüsst im Namen von Mr Market

Sandro Rosa