Mr Market

Logitech hat Vertrauen der Anleger noch nicht zurückgewonnen

Trotz der Vorlage eines soliden Jahresresultats geht die Kurskorrektur bei Logitech weiter. Die Hälfte der seit dem Pandemietief erzielten Avancen sind weg. Auf dem derzeitigen Kursniveau sind die Logitech-Aktien attraktiv bewertet.

Giorgio Müller
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Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Es ist schon frustrierend: Der Lausanner Hersteller von Computerperipheriegeräten navigiert geschickt durch ein flatterhaftes Geschäftsumfeld. Aber an der Börse zeigen ihm die Anleger seit Monaten die kalte Schulter.

Zwar bewies sich das Geschäftsmodell von Logitech bisher als agil genug, um erfolgreich eine Pandemie und die globalen Lieferkettenprobleme zu bewältigen. Die für das Fiskaljahr 2022 (per Ende März) publizierten Zahlen belegen dies: Trotz extrem anspruchsvoller Vergleichsbasis erreichte der Umsatz einen Höchstwert von 5,48 Mrd. $ (+4%) sowie einen bereinigten (non GAAP) Betriebsgewinn von 904 (i. V. 1272) Mio. $, der um 100 Mio. bis 150 Mio. $ besser war, als das Management versprochen hatte und deutlich über dem Vor-Pandemie-Wert (325 Mio. $) ausfiel.

Keine Trendwende

Auch der im Schlussquartal erwirtschaftete Betriebs- und Reingewinn schlugen den Konsens. Wer indes am Dienstag auf eine Kurserholung setzte, wurde bitter enttäuscht. Nach einer leicht festeren Eröffnung tendierten die Logitech-Aktien 📈im Tagesverlauf wieder schwächer. Damit setzten sie ihre Talfahrt fort, die Anfang Juni 2021 begonnen hat, nachdem sie ein Höchst von 124.90 Fr. markiert hatten. Seither hat sich der Unternehmenswert von Logitech halbiert. Oder anders ausgedrückt: Die Hälfte der seit dem Pandemietief (12. März 2020) erzielten Kursavancen sind wieder weg.

Fairerweise muss gesagt sein, dass auch andere hoch bewerte Wachstumswerte von ebenfalls soliden Unternehmen in den vergangenen Monaten die Gunst der Investoren verloren haben. Bei Logitech kommt hinzu, dass es berechtigte Zweifel gibt, ob der während der Pandemie angefachte Nachfrageschub nach Videokonferenzlösungen und Computerzubehör nicht doch nur ein Strohfeuer gewesen ist. Trotzdem, die Kurskorrektur scheint übertrieben stark ausgefallen zu sein.

Unveränderte Gewinnprognosen

Erstaunlicherweise stecken hinter der heftigen Kurskorrektur nicht etwa Anpassungen der Gewinnprognosen nach unten. Als die Logitech-Aktien im vergangenen Sommer im Zenit standen, prognostizierten die Analysten für das Ende März 2022 abgeschlossene Fiskaljahr einen Gewinn pro Aktie (non GAAP) von 4.36 $. Seither blieben die Prognosen der Analysten weitgehend stabil. Zuletzt lagen sie bei 4.43 $. Tatsächlich erwirtschaftete das Unternehmen für das Fiskaljahr 2022 einen Gewinn pro Aktie von 4.63 $ (i. V. 6.42).

Sogar für das Fiskaljahr 2023 kam es in den vergangenen Monaten kaum zu Gewinnrevisionen. Seit dem Kurszenit im vergangenen Sommer ist die Konsensschätzung lediglich um 2,5% auf 4.64 $ reduziert worden.

Attraktive Bewertung

Diese wachsende Diskrepanz zwischen Kurs und Gewinnprognosen führt dazu, dass die Logitech-Aktien mittlerweile schon fast auf dem Niveau eines Substanzwerts gehandelt werden. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14 (FY 2023) beziehungsweise 13 (FY 2024) ist für ein Unternehmen mit einem derart agilen, aber auch soliden Geschäftsmodell sowie einem vertrauenswürdigen Management bescheiden.

Nach dem überragenden Fiskaljahr 2021, in dem der Umsatz in Lokalwährung um 74% zugenommen hat und sich der Gewinn verdreifachte, war allen klar, dass sich die Zahlen im Fiskaljahr 2022 nicht wiederholen konnten. Trotzdem gelang es dem Unternehmen, ein weiteres Mal die Markterwartungen zu übertreffen.

Es war bereits das neunte Jahr in Folge, dass der Umsatz höher ausfiel. Die Produktesegmente Computermäuse (+15%), Tastaturen (+23%) und Gaming (+17%) blieben in der Berichtsperiode die Wachstumstreiber. Die nachlassende Nachfrage nach Videolösungungen (–37% im Quartal Januar bis März, -5% im Gesamtjahr) scheint dem Logitech-Management nur ein temporärer Dämpfer zu sein. Videokollaboration sei ein bleibendes Wachstumsgeschäft.

Der Trend zu hybrider Arbeit sei unumkehrbar, erklärte Konzernchef Bracken Darrell an der Webkonferenz. Nicht zuletzt hat das den Vorteil, dass sich die Konsumenten gewisse Produkte doppelt anschaffen müssen. Grösste Produktekategorie von Logitech blieb das Segment Gaming, das rund einen Viertel der Einnahmen erwirtschaftet.

Leicht sinkende Margen

Angesichts der jüngsten Ereignisse, besonders was die Lockdown in verschiedenen chinesischen Städten betrifft, überrascht der zuversichtliche Ausblick, der das Unternehmen für das neue Geschäftsjahr gibt. Die Jahresprognose wird nur unwesentlich nach unten angepasst.

Für das Fiskaljahr 2023 werden lediglich die erwarteten Einkünfte in Russland und in der Ukraine herausgerechnet, die rund 2% des Volumens ausmachen. Neu wird ein Umsatzwachstum in Lokalwährung von 2% bis 4% (bisher im einstelligen Prozentbereich) sowie ein Betriebsgewinn (non GAAP) von 875 Mio. bis 925 Mio. $ (bisher 900 Mio. bis 950 Mio. $) in Aussicht gestellt.

Die Schätzung würde für das laufende Geschäftsjahr etwas tiefere Gewinnmargen bedeuten. Laut Finanzchef Nate Olmstead werde die erste Hälfte zudem schwächer als die zweite ausfallen. Die Saisonalität, die während der Pandemie über den Haufen geworfen worden war, sei wieder spürbar, sagte er. Dieses Mal wird also das Weihnachtsquartal (September bis Dezember) erst recht brillieren müssen, um das Geschäftsjahr von Logitech zu retten.

Risikofaktor China

Der grösste externe Unsicherheitsfaktor dürfte die weitere Entwicklung in China sein. Weil Logitech dort eigene Fabriken betreibt und auf viele lokale Zulieferer angewiesen ist, musste die Einkaufsstrategie den veränderten Umständen angepasst werden. Doch das Unternehmen habe schon immer bewiesen, wie rasch es sich anpassen könne, um negative Trends abzufedern, erklärte der Konzernchef. Gänzlich unbeschadet werden die Lockdown in China jedoch am Unternehmen nicht vorübergehen; zu hoch ist der Anteil der Produkte, die Logitech in China herstellt.

So muss Logitech die Beschaffungsquellen laufend diversifizieren und wegen der Lieferengpässe von Komponenten seine Lager auffüllen. Der Wert des Inventars hat im vergangenen Fiskaljahr um 41% auf 933 Mio. $ zugenommen. Kein Geld spart das Unternehmen zudem beim Marketing (+35% auf 988 Mio. $) sowie bei der Forschung und Entwicklung (+29% auf 273 Mio. $). Diese Investitionen sollten sich längerfristig auszahlen.

Wenn es dem Unternehmen wie in der Vergangenheit gelingt, sich mit diesen Unwägbarkeiten zu arrangieren, werden sich die Zweifel verflüchtigen. Damit die Skeptiker und Leerverkäufer wieder Vertrauen in Logitech schöpfen, braucht es zuerst Zeichen der Entwarnung. Mutige Investoren steigen schon jetzt ein.

Freundlich grüsst im Namen von Mr Market

Giorgio Müller