Mister Market

Nestlé hat ein tieferliegendes Problem

Nach den Konkurrenten Danone und Unilever gab heute auch Nestlé eine deutliche Wachstumsverlangsamung bekannt. Leider ist die finanzielle Strategie des Unternehmens ganz auf eine Beschleunigung zugeschnitten.

Daniel Zulauf

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Hand aufs Herz: Das ist wohl kaum die Leistung, die Sie von Nestlé erwartet hatten. Der grosse Börsenüberflieger des vergangenen Jahres (+32%) kann die markante Beschleunigung des organischen Umsatzwachstum (+3,5%) zwar knapp über die volle Zwölfmonatsdistanz retten. Doch die scharfe Verlangsamung im Schlussquartal (+3%) gibt mir doch etwas zu denken.

Zugegeben, ich bin ein wenig voreingenommen. Schliesslich warnten wir schon vor zweieinhalb Monaten an dieser Stelle, dass die drei grossen Lebensmittelmultis Nestlé, Unilever oder Danone die hochgesteckten Wachstumsziele verfehlen und die nicht minder hohen Erwartungen der Investoren enttäuschen könnten.

Unsere damalige Skepsis hat sich nur allzu schnell bewahrheitet. Nachdem Danone bereits im Oktober die Alarmglocken läuten liess, folge Mitte Dezember Unilever. Heute war Nestlé an der Reihe. Das Ziel einer weiteren Umsatzbeschleunigung in die Gegend von 5% («mid-single digit growth»), wie es Nestlé-Chef Mark Schneider noch im September bestätigt hatte, wird auf die Jahre 2021 bis 2022 verschoben.

Ich kann den Schrecken der Investoren (die Aktie taucht heute mehr als 3%) gut verstehen, schliesslich klingt in der hohen Bewertung der Nestlé-Titel viel schöne Zukunftsmusik an. Doch für den eingetretenen Schaden sollte sich jeder selbst an der Nase nehmen. Immerhin waren die Vorboten deutlich genug.

Natürlich lässt sich die nun erwartete Wachstumsverlangsamung elegant mit dem Corona-Malaise erklären. Schliesslich ist China mit 8% des Umsatzes Nestlés zweitgrösster Markt. Doch diesen Fehler sollten vorsichtige Investoren nicht begehen – aus zwei Gründen: Erstens ist die Verlangsamung, wie erwähnt, schon im Schlussquartal deutlich geworden – also zu einem Zeitpunkt, als das Virus noch nicht entdeckt war.

Zweitens und wichtiger noch ist die Ursache einer Wachstumsverlangsamung letztlich zweitrangig, vor allem dann, wenn die finanzielle Strategie eines Unternehmens ganz auf Wachstumsbeschleunigung zugeschnitten ist und die Investoren fest daran glauben.

Auf dieser Erwartung gründet auch Schneiders Bilanzpolitik. Der Konzern hat seine Nettoverschuldung in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt und die Erlöse aus Desinvestitionen fast vollumfänglich an die Aktionäre ausgeschüttet. Das war auch 2019 der Fall. Ein Grossteil der Desinvestitionserlöse im Umfang von rund 15 Mrd. Fr. floss in das 20-Mrd.-Fr. schwere Aktienrückkaufprogramm und in die Ausschüttung von Dividenden (7,3 Mrd. Fr. in diesem Jahr). Als Folge davon ist die Nettoverschuldung 2019 bloss um 10% auf 27 Mrd. Fr. gesunken.

Und das nächste Aktienrückkaufprogramm im Umfang von wiederum 20 Mrd. Fr. wurde im Januar bereits gestartet. Darüber hinaus will Nestlé heuer eine Dividendenerhöhung um 10% auf gegen 8 Mrd. Fr. stemmen. Vor diesem Hintergrund kann ich mir leicht ausdenken, dass der Konzern zum Ende dieses Jahres eine Verschuldung von gegen 40 Mrd. Fr. erreichen wird. Ich glaube kaum, dass die Rating-Agenturen diesem Treiben tatenlos zusehen werden, wenn der Konzern nicht rasch wieder auf Touren kommt.

Gewiss, Nestlé könnte auch weitere Geschäftsteile veräussern (die L’Oréal-Beteiligung oder das schwächelnde Wasser-Geschäft) und sich so gegen eine Rating-Abstufung schützen. Nur gibt das Unternehmen so auch seinen Handlungsspielraum preis. Und mit einer weiteren Verengung des Geschäftsportfolios gehen auch die risikomindernden Diversifikationseffekte verloren. Schneider selber schliesst denn auch nicht aus, dass im Gegenteil noch grössere Akquisitionen nötig werden könnten, um die angestrebte Wachstumsbeschleunigung erreichen zu können.

In meiner Beurteilung hat Nestlé ein tieferliegendes Problem. Statt zu versuchen, die Aktionäre zu vertrösten und sie mit Geld bei Laune zu halten, wäre Schneider besser beraten etwas tiefer zu schürfen.

Freundlich grüsst im Namen von Mister Market,

Daniel Zulauf