Mr Market

Orell Füssli stutzt die Dividende zurecht

Der Buchhändler und Anbieter von Sicherheitsdruck halbiert die Dividende. Künftig dürfte sie zwar wieder steigen. Renditen von mehr als 5% wie in den vergangenen zwei Jahren wird die Aktie aber kaum mehr bieten.

Ruedi Keller
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Geschätzte Leserin, geschätzte Leser

Es war eine Enttäuschung: Orell Füssli hat bei der heutigen Ergebnispräsentation für das Geschäftsjahr 2020 die Dividende auf 3 Fr. je Aktie halbiert.

Das hatte der Markt nicht erwartet. Die Titel büssten teilweise mehr als 5% ein. Zur Mittagszeit standen sie noch gut 3% im Minus. Das übersteigt die entgangene Dividendenrendite – und spiegelt wohl die Erwartung, dass die Ausschüttung auch künftig spärlicher fliessen wird.

Spekuliert worden war auf eine Ausschüttung von 5.50 je Aktie – nur knapp unter dem Niveau von 6 Fr., das Orell Füssli 2019 mit einer Sonderdividende gesetzt und auch im Jahr danach geliefert hatte. Zuvor waren 4 Fr. ausgeschüttet worden.

Starke Kursperformance, schwindende Dividendenrendite

Dank einer Nettobargeldposition in der Bilanz von rund 75 Mio. Fr. hätte das Unternehmen die Aktionäre auch im schwierigen Covid-Jahr mit einer überdurchschnittlichen Rendite verwöhnen können. Doch es kam anders, und zwar aus drei Gründen.

Thalia hält die Ausschüttung zurück

Erstens hat der Buchhändler Orell Füssli Thalia, an dem Orell Füssli zu 50% beteiligt ist, keine Dividende an das Mutterhaus ausgerichtet. Dies angesichts des Lockdown, in dem das Unternehmen Kurzarbeitsentschädigung in Anspruch nahm und sich eine Covid-Kreditlinie gesichert hat. Diese ist zwar unberührt, doch solange die Kreditlinie verfügbar ist, sind Dividendenausschüttungen untersagt.

Thalia dürfte bis Ende ihres Geschäftsjahres per Ende September entscheiden, ob sie den Covid-Kredit weiter offenlässt. Anzunehmen ist, dass sie das nicht tun wird.

Denn das Geschäftsjahr 2020 ist dem Buchhändler finanziell gar nicht so schlecht gelaufen. Dem Rückgang im stationären Geschäft stand ein kräftiges Wachstum im Online-Handel gegenüber. Der Umsatz sank so lediglich 1,2% auf 96,2 Mio. Fr. Das Betriebsergebnis Ebit glitt um 1 Mio. Fr. auf 5,5 Mio. Fr. zurück.

Falls diese Werte auch im laufenden Jahr erreicht werden sollten, gibt es vermutlich kaum Anlass, die Dividende weiter zurückzuhalten. Nicht ausgeschlossen ist sogar eine gewisse Kompensation für den diesjährigen Ausfall. Wie ich höre, macht die von Thalia an Orell Füssli überwiesene Ausschüttung jeweils rund 1 Fr. bis 1.50 Fr. der Dividende aus, die Orell Füssli an die eigenen Aktionäre ausschüttet.

Der zweite Grund für den Bruch mit den üppigen Dividenden der beiden Vorjahre liegt im Geschäftsgang von Orell Füssli selbst. Der Umsatz sank 8% auf 219 Mio. Fr. Das Betriebsergebnis liegt rund ein Viertel unter Vorjahr auf gut 14 Mio. Fr.

Investitionen rücken in den Vordergrund

Dazu kommt drittens, dass der Cashflow 2020 negativ ausfiel. Dies wegen Investitionen in den Sicherheitsdruck und den Aufbau von Kompetenz im Bereich digitaler Identitäten. In diesem Zusammenhang hat sich Orell Füssli am Zürcher Unternehmen Procivis beteiligt und spricht von einem ersten Schritt. Weitere Akquisitionen könnten demnach folgen. Zusätzliche Investitionen in die Digitalisierung sowohl der Sicherheitslösungen als auch bei den Lehrmitteln, die der Verlag von Orell Füssli anbietet, sind gewiss.

Der freie Cashflow dürfte damit künftig deutlich volatiler werden, und das erst letztes Jahr ausgegebene Ziel, 75% davon als Dividenden auszuschütten, ist bereits hinfällig.

«Einen substanziellen Teil des Ergebnisses ausschütten»

Neu beabsichtigt Orell Füssli, «in Zukunft einen substanziellen Teil des Jahresergebnisses an die Aktionäre auszuschütten.»

Die heute kommunizierten 3 Fr. je Aktie dürften damit einen neuen Tiefststand markiert haben, von dem aus die Dividende wieder steigen kann. Selbst mit dem Ausblick des Managements, dass der Umsatz im laufenden Jahr nochmals leicht zurückgehen könnte, die Ebit-Marge aber weiterhin im mittleren einstelligen Bereich liegen soll, scheint eine Dividende von 4 Fr. je Aktie im nächsten Jahr realistisch.

Die Schätzung basiert auf der Annahme, dass Orell Füssli selbst 3 Fr. an die Ausschüttung beisteuert und von Thalia wieder der eine Franken dazukommt, der dieses Jahr fehlt. Dies würde die Dividendenrendite zum aktuellen Kurs auf 3,5% heben.

Das ist zwar nicht unattraktiv, aber auch nicht mehr so prickelnd wie früher.

Die Gewichtsverlagerung des Managements, die vorhandenen Nettobarmittel künftig stärker für Investitionen als zur Sicherung der Dividende einzusetzen, stellt nun den langfristigen Anlagecharakter in den Vordergrund.

Die Aktien von Orell Füssli, die seit Lancierung im The Market Dividend Portfolio enthalten sind, verbleiben zunächst dort. Je nach Geschäftsverlauf und weiterer Klärungen in der Investitions- und Dividendenpolitik wird die Position neu beurteilt werden.

Freundlich grüsst im Namen von Mr Market

Ruedi Keller