Mr Market

Rezessionsangst unter Fondsmanagern nimmt zu

Die monatliche Fondsmanagerumfrage von Bank of America signalisiert eine gedämpfte Stimmung. Professionelle Investoren setzen aggressiv auf Rohstoffanlagen und verschmähen europäische Aktien.

Sandro Rosa
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Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Das Umfeld für die Aktienmärkte ist anspruchsvoller geworden. Seit Monaten macht sowohl den Konsumenten als auch den Unternehmen eine hartnäckig hohe Inflation zu schaffen, die durch den russischen Krieg noch verschärft wurde. In China wurde über mehrere grössere Städte ein Lockdown verhängt und die US-Notenbank Fed sendet immer deutlichere Signale, dass sie die Geldpolitik zügig straffen wird. Zu den mittlerweile erwarteten Zinserhöhungen im Umfang von rund 2,25 Prozentpunkten auf 2,5 bis 2,75% soll bald schon der Abbau der Notenbankbilanz kommen. Derweil büsst die Konjunktur an Schwung ein.

Nicht ganz überraschend haben immer mehr Anleger Angst vor einer Rezession – auch die von Bank of America regelmässig befragten Fondsmanager. Jeden Monat erkundigt sich das Team um den Chefstrategen der Bank, Michael Hartnett, in der «Fund Manager Survey» bei rund 300 Anlagespezialisten, die gemäss eigenen Angaben mehr als 800 Mrd. $ an Geldern verwalten, nach ihren Anlagepräferenzen. Das grösste «Tail Risk» ist für sie mittlerweile eine globale Rezession, gefolgt von allzu aggressiven Notenbanken und einer hohen Inflation.

Quelle: Bank of America

Es mag zynisch klingen, aber der von Russland losgetretene Krieg scheint für die Märkte bereits abgehakt. Er folgt erst auf Rang 4 der Sorgenliste.

Gemäss der aktuellen Umfrage ist die Anlegerstimmung mittlerweile überaus gedrückt, was vom aktuellen The Market Risk Barometer bestätigt wird: Die globalen Wachstumserwartungen sind auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Umfrage gesunken. Netto –71% erwarten ein kräftigeres Wachstum in den kommenden zwölf Monaten.

Wachstumsabschwächung erwartet

Allerdings lässt sich eine bemerkenswerte Diskrepanz zwischen der pessimistischen Wachstumseinschätzung und ihrer Aktienallokation feststellen. Trotz der weiteren Stimmungseintrübung sind die Profis bezüglich Aktien im Monatsvergleich etwas zuversichtlicher geworden.

Quelle: Bank of America

Und das, obwohl die Gewinnerwartungen im Einklang eingebrochen sind. Die globalen Gewinnerwartungen haben sich im April auf netto -63% verschlechtert, was dem niedrigsten Wert seit März 2020 entspricht. Ein ähnlich grosser Pessimismus herrschte nur beim Zusammenbruch des Hedge Funds LTCM, beim Platzen der Technologie-Blase, während der Finanzkrise 2008 und dem Ausbruch der Pandemie vor zwei Jahren.

Quelle: Bank of America

Das Lager derjenigen, die ein «Stagflations»-Szenario mit höherer Inflation und niedrigerem Wachstum erwarten, ist auf 66% geklettert (von zuvor 62%), was dem höchsten Stand seit August 2008 entspricht.

Quelle: Bank of America

Entschlossene US-Notenbank

Die intensive Kommunikation der US-Notenbank ist auch bei den Fondsmanagern angekommen. Wiederholt haben Fed-Exponenten – auch die als «Taube» bekannte stellvertretende Vorsitzende des Fed Lael Brainard – erklärt, dass sie sich um die hartnäckig hohe Inflation sorgen und das Tempo bei der Verschärfung der Geldpolitik rasch forcieren wollen. Das war auch das unmissverständliche Signal aus dem Protokoll zur letzten Zinssitzung vom 16. März.

Die befragten Fondsmanager erwarten nun im Schnitt 7,4 Fed-Erhöhungen im aktuellen Zinserhöhungszyklus. Im März waren es lediglich 4,4 Schritte gewesen.

Quelle: Bank of America

Rohstoffe top, Aktien aus der Eurozone flop

Interessant ist die von den Investoren gemeldete Positionierung. Relativ zu ihrer eigenen Historie haben die Fondsmanager Rohstoffe, Immobilien-Investments (REITS) und Cash übergewichtet. Bei den Aktiensektoren erfreut sich die defensive Gesundheitsbranche (Healthcare) der grössten Beliebtheit.

Aktien aus der Eurozone werden im Gegenzug verschmäht, gefolgt von den konjunktursensitiven Industrieaktien. Für Anleihen können sich die professionellen Anleger ebenso wenig erwärmen wie für Schwellenländeraktien.

Quelle: Bank of America

Beschränkt sich der Blick auf Aktien, schwingen die defensiven Gesundheitsaktien obenaus, die in den vergangenen Wochen eine eindrückliche Dynamik entwickelt haben. Weiterhin gesucht sind Rohstoffvaloren aus den Sektoren Energie und Grundstoffe (Materials) sowie Banken.

Zyklischer Konsum (Consumer Discretionary), Versorger (Utilities) und Industriewerte bilden das Schlusslicht.

Öl sollte die besten Renditen abwerfen

43% der Fondsmanager sind der Meinung, dass Öl im Jahr 2022 die besten Performance erzielen wird, was einem leichten Rückgang gegenüber dem Vormonat entspricht. Die Stimmung gegenüber Schwellenländern hat sich etwas aufgehellt, ist aber weit entfernt von den Februar-Werten, als gut 40% den Emerging Markets die beste Kursentwicklung zugetraut hatten.

Festverzinsliche Anleihen stossen nach wie vor auf wenig Anklang: Nur gerade 7% glauben, dass 30-jährige Staatsanleihen und 3-Monats-T-Bills in diesem Jahr am besten abschneiden werden.

Quelle: Bank of America

Aus regionaler Optik ist die Hierarchie bei den Aktien klar: Fondsmanager geben Valoren aus den USA den Vorzug. Alle anderen regionalen Aktienmärkte werden untergewichtet. Überhaupt nicht gefragt sind Titel aus der Eurozone – noch zum Jahresbeginn standen sie ganz oben in der Anlegergunst. Mittlerweile sind netto 17% der Befragten untergewichtet. Etwas besser schneiden Aktien aus dem Vereinigten Königreich ab.

Quelle: Bank of America

Bei den europäischen Fondsmanagern hat sich die Präferenzlage im Vergleich zum Vormonat kaum verändert: Auf die Frage, welche Börse sie für die kommenden zwölf Monate übergewichten würden, antwortete das Gros der Profis mit Aktien aus dem Vereinigten Königreich, gefolgt von der Schweiz. Im Monatsvergleich haben UK-Aktien noch etwas an Popularität dazu gewonnen. Am anderen Ende der Beliebtheitsskala notieren deutsche Aktien, gefolgt von den ebenfalls verschmähten italienischen Titeln.

Quelle: Bank of America

Insgesamt bleibt also die Stimmung unter den professionellen Investoren gedrückt, wobei das Szenario einer Stagflation immer mehr Anhänger gewinnt. Rohstoffe, Rohstoffaktien und Immobilien-Investments sind mittlerweile äusserst beliebt. Contrarians würden nun in Anleihen und europäische Aktien umschichten.

Freundlich grüsst im Namen von Mr Market

Sandro Rosa