Mister Market

Reizvolle Gedankenspiele mit Richemont

Ein Insider hat seit dem 20. Mai Aktien des Uhren- und Schmuckkonzerns im Wert von fast 400 Mio. Fr. gekauft. Ein Analyst bringt nun die Mutter aller Transaktionen in der Luxusbranche ins Spiel: Ein Zusammenschluss von Richemont mit LVMH.

Mark Dittli

Geschätzte Leserin, geschätzter Leser

Jemand mag Richemont. Zwischen dem 21. Mai und dem 11. Juni hat ein exekutives Mitglied des Verwaltungsrates oder der Geschäftsleitung in 15 Tranchen Aktien des Luxusgüterkonzerns im Wert von mehr als 393 Mio. Fr. gekauft.

Angesichts der Grösse der einzelnen Transaktionen dürfte es sich beim Käufer um Johann Rupert handeln. Der 69-Jährige kontrolliert mit seiner Familie 9,1% des Kapitals und 50% der Stimmen der Gruppe. Der Südafrikaner präsidiert den Verwaltungsrat und ist unangefochten der starke Mann hinter Richemont.

An der Börse stehen die Richemont-Aktien hoch im Kurs. Allein seit Mitte Mai haben sie mehr als 17% gewonnen. Seit Anfang Jahr notiert der Aktienkurs über 30% im Plus. Richemont ist damit der beste Wert im Swiss Market Index. Besonders bitter: Der Lokalrivale Swatch Group ist mit einem Minus von 4,3% seit Anfang Jahr der schlechteste SMI-Wert.

Richemont: Seit Anfang 2019 im Aufwärtstrend

Richemont Inh., in Fr., von Juli 2014 bis Juli 2019

Was steckt dahinter?

«Bei Insidertransaktionen gilt: Für Verkäufe gibt es immer tausend Gründe, von Steuern über Scheidung bis hin zum Ferienhaus. Käufe dagegen, von jemandem, der schon viel skin in the game hat, sind wirklich ein positives Signal. Ich weiss nicht, was er sieht, das wir noch nicht sehen», sagt Urs Beck, Manager des auf Schweizer Aktien spezialisierten New Capital Swiss Select Equity Fund. «Man kann sich durchaus vorstellen, dass Rupert sich einen grossen strategischen Schritt überlegt und seinen Einfluss nochmals ausbauen will.»

Beck kann sich einen Zusammenschluss von Richemont mit dem französischen Luxusgüterkonzern Kering vorstellen, dem Mutterhaus von Marken wie Gucci, Yves Saint Laurent und Brioni.

Der ultimative Konsolidierungsschritt

Luca Solca, Luxusgüter-Analyst bei Bernstein, bringt in einer aktuellen Studie eine weitere Variante ins Spiel: den Zusammenschluss von Richemont mit dem französischen Branchengiganten LVMH. «Das wäre der ultimative Konsolidierungsschritt. Kombiniert würden die beiden Unternehmen alle Segmente in der Luxusgüterbranche dominieren: Mode, Lederwaren, Wein und Spirituosen, Schmuck und Uhren», schreibt Solca.

Nach Einschätzung von Solca ergänzen sich die beiden Konzerne perfekt: LVMH ist mit Marken wie Louis Vuitton, Dior und Fendi stark im Bereich «Soft Luxury», während Richemont mit Marken wie Cartier, Van Cleef & Arpels, IWC und Vacheron Constantin den Bereich «Hard Luxury» im Uhren- und Schmuckgeschäft abdeckt. Zusammen mit den Uhrenmarken von LVMH (Bulgari, Hublot, TAG Heuer, Zenith) würde daraus eines der grössten Luxusuhren-Portfolios entstehen.

Die kombinierte LVMH/Richemont wäre rund dreieinhalb mal grösser als Kering, die Nummer zwei in der Branche. Der Konzern würde 48% seines Betriebsgewinns mit Mode und Lederwaren erwirtschaften, 27% kämen aus dem Bereich Uhren und Schmuck, und 13% aus dem Segment Wein und Spirituosen (Hennessy, Dom Pérignon, Veuve Clicquot).

Einen besonders grossen Wert sieht der Bernstein-Analyst in der Onlineplattform Yoox Net-A-Porter (YNAP) von Richemont. Zusammen mit den Produkten von LVMH – zu denen auch Kosmetikketten wie Sephora gehören – könnte aus YNAP die «Winner Takes All»-Plattform im Onlineverkauf von Luxusgütern werden, meint Solca.

Ein Deal zwischen Rupert und Arnault?

Wie könnte ein derartiger Zusammenschluss aussehen? LVMH bringt eine Marktkapitalisierung von nahezu 200 Mrd. € auf die Waage und ist damit fast fünfmal grösser als Richemont. Theoretisch wäre also denkbar, dass LVMH Richemont kauft, wobei der Bernstein-Analyst eine Prämie von 30% auf dem aktuellen Aktienkurs von Richemont für angemessen hält.

Weil aber bei beiden Konzernen jeweils eine Familie das Sagen hat – Rupert bei Richemont und die Arnault-Familie bei LVMH mit einem Stimmenanteil von 63,3% –, wäre auch ein ausgehandeltes Tauschverhältnis im Rahmen einer Fusion denkbar. Ähnlich lief es 2017, als die Brillenspezialisten Luxottica und Essilor fusionierten.

Ein potenzieller Haken: Die Familie Rupert würde im kombinierten Konzern ihre kontrollierende Mehrheit verlieren. Nach aktuellen Grössenverhältnissen gerechnet würde die Familie Arnault rund 50% der Stimmen kontrollieren, Rupert käme auf 10%.

Doch Rupert hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er attraktiven Deals nicht abgeneigt ist, selbst wenn er die Kontrolle verliert. Vor genau zwanzig Jahren, im Jahr 1999, verkaufte Richemont sein Tabakgeschäft mit der Marke Rothmans an British American Tobacco (BAT). Im Gegenzug erhielt Richemont gut 23% der BAT-Aktien.

«Das ist ein Beispiel, wie Rupert bereit ist, einen kleineren Anteil an einem besseren Unternehmen zu besitzen», schreibt Solca in der Studie.

Auch ohne Übernahmefantasie attraktiv

Für den Moment sind das alles bloss Gedankenspiele. Es gibt keine konkreten Hinweise für eine bevorstehende Übernahme oder eine Fusion von Richemont. 

Doch auch ohne Übernahmefantasie sind die Titel attraktiv. Die Bewertung – ein Kurs-Gewinn-Verhältnis für das laufende Jahr von 23, ein EV/Ebitda von 13 – ist nicht gerade günstig, aber angesichts der starken Positionierung des Unternehmens akzeptabel. Richemont besitzt im Uhrengeschäft nur Premiummarken und ist daher viel weniger von der Konkurrenz durch Smartwatches bedroht als Swatch Group.

Die Dividendenrendite beträgt ebenfalls akzeptable 2,4%.

Ein Risikofaktor ist China: Sollte sich die Wirtschaft der Volksrepublik überraschend heftig abschwächen, würden auch westliche Luxusgüterhersteller leiden. Momentan sieht es allerdings nicht danach aus. Wie Ronnie C. Chan, Chairman des Hongkonger Immobilienentwicklers Hang Lung Properties kürzlich im Interview mit The Market sagte: «Der Luxusmarkt in China wächst kräftig.»

Chan muss es wissen: Konzerne wie LVMH und Richemont sind die Mieter in den Luxuswarenhäusern von Hang Lung Properties in China.

Herzlich grüsst im Namen von Mister Market,

Mark Dittli