Mr Market

Schindler im Auge des Sturms

Der Liftbauer ist auch 2022 mit einem sehr schwierigen Umfeld konfrontiert. Trotz eingeleiteter Massnahmen reagiert die Börse mit Unverständnis. Die Erholung dürfte denn auch längere Zeit in Anspruch nehmen.

Gabriella Hunter
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Liebe Leserin, lieber Leser

Schindler sieht sich mit einem herausfordernden Umfeld konfrontiert. Der Liftbauer kämpft an verschiedenen Fronten. Das ist nicht erst seit den heute veröffentlichten Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr bekannt – doch diese machen schmerzhaft klar, wie lange die Erholung dauern wird.

Preisdruck, Unterbrechungen in der Lieferkette, Engpässe bei Elektronikkomponenten sowie steigende Material- und Frachtkosten, hinzukommen die Schwierigkeiten in China: Für sich allein sind all diese Faktoren herausfordernd. Zusammen genommen befindet sich der Innerschweizer Konzern seit Mitte 2021 in einem perfekten Sturm.

Die Aktien fallen am Mittwochvormittag gegen 5%.

In den Zahlen für 2021 zeigen sich die Herausforderungen noch nicht deutlich. Der Umsatz stieg 5,6% auf 11,24 Mrd. Fr. Der Auftragseingang legte gar um mehr als 10% auf 12,17 Mrd. zu. Damit hat Schindler laut CFO Urs Scheidegger die Coronakrise hinter sich gelassen. Die bereinigte Marge auf Stufe Ebit erreichte 11,1% und lag damit auf Vorjahresniveau und nur 0,1 Prozentpunkte unter den Schätzungen. Unter dem Strich blieben mit 881 Mio. Fr. 13,8% mehr als im Vorjahr.

Ernüchternder Ausblick

Doch der Ausblick ist ernüchternd. Bereits im vierten Quartal 2021 kam das Unternehmen kaum mehr vom Fleck, der Ebit sank um mehr als 10%. Und Schindler erwartet, dass die Bremsfaktoren im ersten Halbjahr 2022 bestehen bleiben. Das hemmt das Wachstum und setzt vor allem auch der Profitabilität zu. Diese soll «signifikant» zurückgehen. Dies, obwohl der Konzern die Preise über alle Produkte und Regionen hinweg anheben will.

Die erhoffte Kompensation der steigenden Kosten durch Effizienzsteigerungen, wie dies das Schindler-Management noch anlässlich der Drittquartalszahlen im Oktober ankündigte, ist offenkundig nicht möglich. Zu stark sind die negativen Einflussfaktoren.

Das äussere Umfeld mag sich zwar in den vergangenen Monaten zusätzlich eingetrübt haben. Doch die Probleme reichen weiter zurück. Schindler hat in den vergangenen zwei Jahren gegenüber den Konkurrenten Kone und Otis an Boden verloren. Und nun wird das unter dem Programm «Top Speed 23» formulierte Ziel einer kompetitiven Marge erneut verfehlt.

Tieferliegende Probleme

Betont selbstkritisch ging der alte und neue CEO Silvio Napoli während der Präsentation vor Analysten und Journalisten denn auch auf die tieferliegenden Probleme ein. Fünf Felder wurden identifiziert, die angegangen werden müssten. Dazu zählte er, neben dem schlechten Verhältnis von Umsatz und Kosten im starken Franken und dem Druck auf die Marge bei neu installierten Anlagen durch die steigenden Preise, auch interne Probleme.

Darunter erwähnte Napoli die Lancierung neuer Produktplattformen und die Ablösung alter Modelle: «Die Produktion wird derzeit über zwei Linien verteilt.» Das habe negative Auswirkungen und erschwere die dringend nötige Reduktion der Komplexität zusätzlich.

Und zuletzt bleibt die Situation in China angespannt. «Die jüngste Entwicklung ist anders als frühere. Nur schon weil die Abkühlung so schnell ging», sagte Napoli. Zudem sei die Nachfrageschwäche auf die Immobilienentwickler selbst zurückzuführen, die mit finanziellen Problemen kämpften. Dem wolle Schindler mit gezielterem Vorgehen begegnen. Es gebe durchaus Segmente, die noch profitabel wachsen und in denen die Produkte der Schweizer gesucht seien.

Nicht restlos überzeugend

Auch sonst präsentierte Napoli, seit Januar CEO und Verwaltungsratspräsident in Personalunion, einige Lösungsansätze, es blieb aber bei den Ansätzen. Mich überzeugte er damit nicht gänzlich – und anscheinend andere Zuhörer auch nicht: Während der Präsentation fiel der Aktienkurs weiter ins Minus.

Dazu gehört insbesondere die personelle Rochade. Die neue Struktur, der im Januar quasi über Nacht der damalige CEO Thomas Oetterli zum Opfer gefallen ist, soll direkter und agiler sein. Die ganze Wertschöpfungskette wird künftig von COO Paolo Compagna kontrolliert. Das kann in der gegenwärtigen Situation durchaus Sinn ergeben, das Vorgehen und die schlechte Kommunikation rechtfertigt das aus meiner Sicht aber weiterhin nicht.

Vielmehr festigt es den Eindruck, Schindler sei kurzfristig mit den Problemen stark gefordert, wenn nicht überfordert. Schindler hat einiges an Vertrauen verspielt, wie ich schon im Januar festhielt.

Möglich, dass sich Napoli möglichst konservativ gibt, um später die Erwartungen übertreffen zu können. Wie üblich will der Konzern mit der Gewinnprognose für das Gesamtjahr bis im Sommer zuwarten. Doch trotz der angekündigten Massnahmen werde die Profitabilität auch über das Gesamtjahr betrachtet tiefer liegen, wie CFO Scheidegger auf die Frage eines Analysten eingestehen musste.

Das Umsatzwachstum soll 2022 zwischen 1 und 6% betragen. Zum Vergleich: Kone erwartet ein Wachstum von 2 bis 7% gegenüber dem Vorjahr, Otis ein Plus von 2,5 bis 4,5%. Anders als andere Industrieunternehmen wie zum Beispiel ABB scheint Schindler angesichts der Vielzahl und Komplexität der Herausforderungen das Licht am Ende des Tunnels noch nicht zu sehen.

Allfällige strukturelle Verbesserung und die Aufholjagd der Konkurrenz rücken vorerst weiter in die Ferne. Längerfristig hegt Schindler durchaus die Ambition, punkto Profitabilität zuerst die Lücke zum «weniger profitablen» der Wettbewerber, namentlich Kone, und dann auch zur hochmargigen Otis (Ebit-Marge 2021: 14,7%) aufzuschliessen, wie Napoli ausführte. Dazu sollen die Massnahmen unter dem Programm Top Speed 23 beschleunigt werden.

Anleger müssen sich damit noch länger gedulden. Dazu passt, dass die Dividende trotz einer sehr hohen Nettocashposition – laut Vontobel rund 3 Mrd. Fr. – erneut nicht angehoben wird und das fünfte Mal infolge 4 Fr. je Aktie beträgt (Rendite: 1,9%).

Viel Negatives eingepreist

Immer wieder habe ich an dieser Stelle die Partzipationsscheine von Schindler zum Kauf empfohlen. Das Geschäftsmodell überzeugte uns, wie Sie in der Analyse vom März 2021 lesen können, – und tut es grundsätzlich weiterhin. Noch im Oktober sahen wir in der Kursschwäche nach den Turbulenzen wegen Evergrande eine Einstiegschance. Damals war der Umfang der Schwierigkeiten darüber hinaus nicht absehbar.

Nach dem Abgang von Oetterli und den damit verbundenen offenen Fragen mahnte ich zur Vorsicht. Nun liegen die schlechten Nachrichten wohl allesamt auf dem Tisch, die Herausforderung ist klar. Angesichts der hohen Unsicherheit, die mitschwingt, dürfte im Aktienkurs schon viel Negatives eingepreist sein.

Kurzfristig sehe ich dennoch wenig Potenzial für die Titel, insbesondere angesichts der Verfassung des Aktienmarkts. Geringe Visibilität wird gegenwärtig besonders hart bestraft. Wann die Erholung einsetzen wird, hängt stark davon ab, wie gut und schnell Schindler die Probleme meistert, wofür ich derzeit keine Prognose wagen will.

Freundlich grüsst im Namen von Mrs Market

Gabriella Hunter